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Jeschurun · 1885-10-29 · Heft 44 (29.10.1885) · p. 700

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 44 (29.10.1885)
Article
Deutschland : Liegnitz [Nachricht]
Date
1885-10-29
Page
700 (sequence 1)
Language
German
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700 0 Liegnitz, 23. Oktober. In der Festversammlung des KriegerbundeS in Liegnitz wurde ein von dem bekannten antisemitischen Agitator und früheren Polizeisekretär Winterfcldt gedichtetes Spottlied auf die Inden nach der Melodie ״Als die Römer frech geworden" gesungen. Vor jener Gesangsausführung hatten der Regierungspräsident Prinz Handjcry und der Obcr-RcgierungSrath den Kriegerbund stnit ihrer Gegenwart beehrt. Vom Fürsten Bismarck lief eine Dankesantwort auf die Begrüßung des KriegerbundeS ein. Ein Hoch auf den Kronprinzen wurde auSgebracht, ohne daß die Versammlung dabei Veranlassnng nahm, die Aeußcrung des Kronprinzen über die schmachvolle antisemitische Agitation sich zu vergegenwärtigen. Schweiz. In dem gcsammten Bereiche der Eidgenossenschaft leben 7373 Juden, von welchen allein fast 3000 aus Cndingen, Ober- und Unter-Lengenau entfallen. Die Juden machen überhaupt etwa 0,35 Prozent des schweizerischen Volks aus. O e st e r r e i ch - U u g a r 11. G-. Wien, Oktober. Es wird ein Schreiben veröffentlicht, welches angeblich Aron Briman, vulgo Or. Justus, an Herrn Professor Rohling gerichtet hat. In demselben hält er dem Professor vor, daß er ihn undankbar im Stiche gelassen, trotzdem er doch sein Schüler sei. Die einzige Entschuldigung, welchr Rohling für diese Undankbarkeit in Anspruch nehmen könne, sei der Umstand, daß er nur blutwenig von dem Unterrichte prositirt habe. Dagegen falle aber schwer ins Gewicht, daß Rohling durch den ״Talmud-Juden" zwar wenig Ehre aber viel Geld verdient habe, während er, Briman, als eigentlicher Verfasser weder Ehre noch Geld eingeheimst habe. Ueberhaupt habe er. Briman. erfahren müssen, wie wenig ihm seine zweimalige Taufe genützt habe. Er gedenke deshalb jetzt nach der Türkei zu gehen und Muhamcdaner zu werden, und werde in Konstantinopel eine Schrift veröffentlichen, welche die Welt über die Wissenschaft Nohling'S ausklären solle. — Die Existenz dieses Schreibens wird hier nicht bezweifelt. A. Wien, 22. Oktober. Unter den wegen jadenfeindlicher Umtriebe in Ungarn verurtheilten Individuen befinden sich auch zwei Frauen, welche ein Gnadengesuch an den Kaiser einreichten. Dasselbe hat keine Berücksichtigung gefunden. Gr... Wien, 23. Oktobers Der vielgenannte Prozeß Rohling contra Bloch ist jetzt endlich nach zweijährigem- Hinausschieben der Verhandlung seitens des Klägers Rohling von diesem zurückgezogen worden. Cr hatte wiederholt versucht, den Beklagten zur Nevozierung seiner Behauptung: Rohling habe sich erboten, einen bewußten Meineid in den Tisza-Eßlar-Prozeß dahin zu schwören, daß Christenblut zu rituellen Zwecken gebraucht werde, zu bewegen. Dr. Bloch hatte selbst im Reichstage den Antrag seiner Jmmunitätsanshebung befürwortet. Der antisemitische Abgeordnete Pattai hatte die Klage Rohlings vertreten, der Abgeordnete Kopp vertrat Bloch. Am 19. November sollte die Verhandlung vor dem hiesigen Schwurgericht stattsinden. Da zog eS Rohling denn doch vor, lieber die Klage zurückzunehmen. Der Vertreter des Beklagten, NeichsrathS- Abgeordneter Dr. Joseph Kopp, ist hiervon mittelst folgenden Dekretes des LandcSgerichtes in Strafsachen verständigt worden: ״Z. 31,849. Auf die Erklärung des Privatklägcrs Or. August Rohling, daß er von der am 18. Mürz 1884 eiugereichten Anklage abstehe, wird das Strafverfahren gegen vr. I. S. Bloch wegen Vergehens gegen die Sicherheit der Ehre gemäß § 127 St. P. O. eingestellt und gemäß § 390 dem Privatklüger der Ersatz der in dieser Strafsache ausgelaufenen Kosten auferlegt. Dem Begehren des Privatklägers, die Kosten des Prozeßverfahrens für uneinbringlich zu zu erklären oder deren gnadenwcise Nachsicht in Antrag zu bringen, kann mit Hinblick auf die Vorschriften der Strafprozeß-Ordnung nicht stattgegebcn werden. Wien, den 20. Oktober 1885. Schwaiger." Die erwähnte durch Dr. Pattai eingebrachte Klage richtete sich gegen eine Serie von Artikeln aus der Feder -es 1)1*. Bloch unter der Ueberschrift: ״Angebot deö Meineides", und ging dahin, daß 1)1*. Bloch den Professor Rohling fälschlich des angebotenen Meineides sowie anderer bestimmter unehrenhafter Handlungen beschuldigt habe. Im Laufe der Untersuchung erwählte das Landesgericht auf Vorschlag der Morgenländischen «Gesellschaft in Leipzig und deö Hofkaplans Professor Dr. Zschokke in Wien zu Sachverständigen Professor Wünsche in Dresden und Professor Nöldecke in Straßburg. Von diesen Gelehrten trafen auch in der That eingehende und umfassende schriftliche Gutachten ein. Das seit änderthalb Jahren unter Intervention deö Gerichtes beschaffte Bcweismaterial erreichte einen solchen Umfang, daß für die Verhandlung dreizehn Tage in Aussicht genommen wurden. Die unbedingte Zuzückziehnng der Klage erfolgte, nachdem der Beklagte sich'entschieden, geweigert hatte, irgend eine Konzession zur Herbeiführung des Ausgleiches zu machen. ־■־ Krcrkau, 19. Oktober. Nach einer unter dem Vorsitze des LandeSgerichtSrathes Krzyzanowski durchgeführten Verhandlung gegen Chiel Neu mann (Schwiegervater der Beile Ritter), der als Zeuge im Prozesse Ritter daö Alibi des Moses Ritter am

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