Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-10-29 · Heft 44 (29.10.1885) · p. 696

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 44 (29.10.1885)
Article
Johann Zestowitz
Date
1885-10-29
Page
696 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933144-2963053--20150-2963110
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Einfalt gar nicht gedacht. Also;um Keller! Der! aber war von dem hinterlistigen, mißgünstigen Juden j von Innen verschlossen und verriegelt worden, und so sahen sich die durstigen Gäste genöthigt, ihn unter großen Anstrengungen selbst zu öffnen. Mit Achten mußten sie die starke Thür zertrümmern, und man wird den Jubel sehr begreiflich finden, welchen der Anblick von mehreren Fässern Branntewcin bei den Hereinstürmenden hervorrief. In einem Augenblicke war von zwei Fässern der Boden eingcschlagen, und das herrliche Naß stoß so reichlich, daß eS eine Freude war. Da lagerten sich die Männer davor und tranken nach Herzenslust und reichten auch in ihrer Herzensgute den Weibern in Töpfen davon, auf daß sie sich daran erlabten. Und ein drittes Faß wurde geöffnet und ein viertes und ein fünftes. Es war eine Wonne! Der Branntewcin stoß in Strömen und fand so viele durstige Kehlen, und er mundete so trefflich, daß man gar nicht aufhören konnte davon zu trinken. Das war ein Jauchzen und Lärmen und Singen und Lachen! In dem hintersten Winkel zusammengekauert schaute der feige, böse ChaSkel mit seiner Frau und seinen Kindern bleich und zitternd dem fröhlichen Treiben zu. In seinem Herzen war keine Freude und Lust, Entsetzen malte sich auf seinem Angesicht und Furcht vor der gerechten Strafe, wenn man ihn finden sollte. Und man fand ihn. Eine wackere Bauernfrau erblickte ihn zuerst. ״Da hinten steht der Jude," rief sie, ״holt ihn hervor, damit wir unsere Freude an ihn haben!" Warum sollte man sich nicht die unschuldige Freude bereiten? Unter Hellem Jndelschrei zog man ihn und die Seinigen aus dem Winkel hervor. Man riß ihm die Kleider vom Leibe und legte ihn über ein leeres Faß. Ach, das war eine Lust! Der Jude schrie und winselte, aber der gerechte Muschik läßt sich nicht durch dergleichen bestimmen. Mit Peitschen und Knitteln wurde auf ihn losgehauen, daß das Blut von ihm hcrabströmte und sich mit dem Dranntcwein vermischte. ES wäre Schade um den schönen Wodka gewesen, wenn der jetzt umkommen sollte, dachten die sparsamen, guten Weiber und singen sorgsam den mit Blut gemischten Branntewcin auf und schlürften ihn begierig ein. Wodka mit Judenblut, das schmeckt, das ist ein seltener Trank, der macht muthig und stark und wandelt den zarten Frauensinn in männlichen Heldengeist um. Und darum ergriffen die guten Frauen das Judenweib und verfuhren mit ihm wie die Männer mit dem ChaSkel. Und als die Männer und Frauen ihren Muth gekühlt hatten, Ehaökel und sein Weib wie leblos unter den Streichen als eine blutige Fleischmasse von den Fässern herabsanken, da kamen die beiden Kinder, ein Mädchen von sechs Jahren und ein Bübchen von vier Jahren, an die Reihe. Das Letztere wurde von einem Manne bei den Füßen gefaßt und gegen die Kellermauer geschleudert, daß der Schädel auseinanderklaffte und das Gehirn ausfloß. Darob jauchzte die Menge. DaS Mädchen aber-nun es lag recht bald neben dem Brüderchen. Da hatte die harmlose Freude der Leute den höchsten Grad erreicht. Man mochte keinen Branntewcin mehr. Die noch unberührten Fässer wurden zertrümmert. ״Der Jude soll mit seinem Weib in Branntewcin ersaufen!" ries .ein Witzbold und die gutmüthige Menge lachte gar herzlich über diesen gelungenen Scherz und stürmte auf die Straße, wo sich eine ungeheure Menschenmasse angesammelt hatte, um dem Spiel zuzujchaucn. Der Herr Jsprawnik schaute auch ganz gemüthlich aus dein gegenüberliegenden Theehause dem Treiben zu und drehte sich behaglich seine Zigarette und der Herr Schreiber stand am andern Fenster und folgte dem Beispiele seines hohen Vorgesetzten. Ja, so gutmüthig sind die gestrenge» Herren, sie gönnen gern dem Volke sein Vergnügen; sie fühlen mir dem Volke und verstehen dessen Lust. Die übrigen Juden aber liefen in ihrer Angst wiederum zum AmtShause; sie fürchteten, daß man auch ihnen einen solchen Besuch abstatteu möchte, wie dem ChaSkel Plotzkow, und da wollten sie, daß ihnen der Herr Jsprawnik bcistehen sollte. Aber auf der Kanzlei war Niemand anzutrefsen, weder der Jsprawnik noch der Schreiber. Dem Landvolke hatten sich auch viele Städter angefchlonen. Der heutige Tag galt als Feiertag zu Ehren der bäuerlichen Gäste. Mau schüttelte sich die Hände und küßten sich, man trank aus einer Flasche zusammen, man gab sich ganz der gemeinsamen Freude hin. Und in dieser Freude zog man von einem Juden- Hause zum andern, singend und jauchzend, Männer, Frauen und Kinder. Wie bei Plotzkow so wurde zur Kurzweil zertrümmert, geplündert, geprügelt, getrunken und mit den schönen Judenfrauen und Juden- Mädchen nach Belieben verfahren. Ob ein paar Juden darüber starben, ein paar jüdische Kinder umkamen — das ließ sich in dieser schönen, heiteren Erregung der Gemüther nun nicht gut vermeiden und that der allgemeinen freudigen Begeisterung nicht nur keinen Abbruch, sondern erhöhte noch dieselbe. Warum denn nicht? Stand doch in dem großen Schreiben mit dem großen Siegel, welches der fremde Herr, wie er versicherte, aus den Händen des Kaisers selbst erhalten hatte, daß eS dcö Kaisers heiliger und ernster Wille wäre, die Hebräer zu vertreiben und auszuplünderu, damit das gute Volk mehr Platz zum Wohnen habe und sich durch das Gat der Hebräer bereichere. WaS der Kaiser aber will, das muß der treue und gehörsame Unterthan vollbringen. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.