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Jeschurun · 1885-10-22 · Heft 43 (22.10.1885) · p. 684

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 43 (22.10.1885)
Article
Deutschland : Gera [Nachricht]
Date
1885-10-22
Page
684 (sequence 2)
Language
German
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vielleicht von diesem RituS nichtgewußt, und nun kam ihnen die ganze Geschichte sonderbar vor, und sie haben kurzweg da- ״Schächten" verboten; aber bevor man etwas verbietet, sollte doch selbst ein Rathshcrr in Gera sich erkundigen, wie die Lache anderwärts gehandbadt wird. In Berlin, in Paris, in London sind doch die Magistrate am Ende ebenso klug und ebenso human wie in Gera; im ganzen deutschen Vaterlande können die Juden unbeanstandet ״schachten"; nur in Gera schlägt dem Stadtrath das Herz für das Rindvieh wärmer als anderwärts. Der wahlweise Lladtralh hätte sich auch erkundigen können, wie die Männer der Wissenschaft über das ״Schächten" denken; da hätte er gehört, daß die ersten Autoritäten diese Form des Schlachtenals vortheilhaft für Mensch und Thier betrachten; denn Moses hat das Schächten nur eingesührr, weil er Thiersreund war, und weil durch den Schnitt, den ein darauf eingeübter Mensch mit einem haarscharfen Messer in einem Zuge ausführt, das Thier am wenigsten gequält wird; und die Menschen kommen gut dabei fort, weil drS Blut bei dieser Schlachtmethode rasch abfließt und das Fleisch nicht so rasch verwest, als wenn das Blut in den Adern gerinnt. Man wird doch nicht in Gera gescheidter sein wollen, als in der ganzen Welt. Oder sollte am Ende ein bischen Judenhaß in diese Ochsen׳ liebe hincinspielen? Das können wir von den aufgeklärten Thüringern nicht gut glauben. Jedenfalls werden die Inden, die bekanntlich ein zähes Völklcin sind, diesen Beschluß des Senats von Gera nicht ruhig hinnchmen, und die Geraer werden am Ende doch zur Einsicht kommen, daß die Thierschutzvercine, welche gegen das ״Schächten" eifern, aus einer Mücke einen Elephanten machen. Oesterreich-Ungarn. s. Wien, 18. Oktober. Zn den im verflossenen Monate von hier ״abgeschobenen" Fremden gehört auch der famose vr. Justus reetius Aron Briman, auch August und Brimanns genannt, aus Kostnicsti in Rumänien. Derselbe hatte am 7. September die ihm wegen Betrugs znerkannte zweimonatliche Kerkerstrafe abgchüßt. — Auf die Interpellation in Betreff der Ausweisungen österreichischer Unterthanen anS Preußen, erwiderte Graf Taafe irn Abgeordnetenhaus, daß die Negierung mit tiefem Bedauern davon Kenntniß erhalten und sich an die preußische Regierung deswegen gewendet habe, von dieser aber dahin beschiedcn worden sei, daß diese Maßregel als eine interne Angelegenheit sich der internationalen Behandlung entziehe. Dieselbe sei durch eine stattgehabte Verschiebung sprachlicher und konfessioneller Verhältnisse veranlaßt worden. G-. ZA»cu. Einer der wohlthätigst wirkenden Vereinigungen unserer Stadt ist der Verein zur Unterslützung armer kranker Israeliten. AuS aller Herren Länder ftvömcu nämlich alljährlich viele Hunderte armer kranker Glaubensgenossen nach unserer Stadt, um von ihren körperlichen Leiden durch die Hand unserer tüchtigen Professoren Befreiung zu finden, aber gar oft wurde die gastliche Aufnahme und sorgsame Pflege, die diesen Unglücklichen in unseren Hospitälern zu Theil wurde, zur Höllenqnal durch den Umstand, daß dieselben genöthigt waren, nichtjüdische Kost zu genießen. Tagelang enthielten sie sich lieber jeder Speise, und mancher Erfolg der Aerzte ist dadurch illusorisch, manches Leben gefährdet worden. Dieser Verein nun hat sich die edle Ausgabe gestellt, solchen Kranken nach Anordnung der ordinirenden Aerzte bereitete jüdische Kost zu beschaffen. Dadurch übt derselbe nicht blas ein religiösverdienstliches Werk, sondern es hat sich erwiesen, daß dieser Verein eine viel weitgehendere Sphäre humaner Bestrebungen mit diesem seinem Ziele verfolgt und erreicht. Der arme, unglückliche GlanbenSbruder, der hier in Schmerzen sich auf seinem Bette bewegt, hat in weiter Ferne Weib und Kind oft in Roth und Armuth zurückgelassen. Er fühlt sich seinem Ende nahe und läßt Vergangenheit und Zukunftvor seinem schmerzgetrübtcn Auge vorüberziehcn. Wie schwer, wie untröstlich mag es ihm da die Seele belasten, daß er so allein, fern von jeder gleichgläubigen Seele, seine letzten Stunden noch vielleicht mit einem Verstoß gegen seine heilige Religion, die in solch trüben Stunden um so werther wird, belasten sott. Wie alhmet er freudig auf, wenn er die Hand eines Glaubensgenossen drücken kann, wenn derselbe ihm die Möglichkeit bic.et, seine Prüfnngsstunde nicht mit neuen Sünden zu belasten. Wir haben in dieser Richtung oft die crschütternsten Erfahrungen gemacht, und jedes menschlich fühlende Herz wird begreifen, welch weites Feld der edelsten, echt jüdischen Humanität den Mitgliedern dieses Vcreines eröffnet ist. Die Anforderungen, die an den Verein herautrcten, sind sehr hohe. So sind im vorigen Jahre für Kranken-Beköstigung und Unterstützung an 5000 Gulden verausgabt worden. Damit konnten bei Weitem nicht alle Wünsche erfüllt, nicht alle Petenten befriedigt werden. Dazu benöthigen wir der kräftigen Unterstützung unserer Glaubensgenossen! Hauptsächlich aber alle israelitischen Knltusgcmeindcn sollten uns ihre Beiträge nicht versagen. Vor allem aber in Galizien, woher die meisten Unglücklichen zu uns kommen, sollte sich keine Gemeinde und keiner der Reicheren auSschtießcn von unserem echt jüdischen, edlen Humanitäts-Vereine Nur durch zahlreiche Betheilignng kann es uns gelingcn, unser Institut auf alle Hilfesuchenden zu erstrecken. * Krakau- 17. Oktober. Im Laufe dieser

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