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Jeschurun · 1885-10-22 · Heft 43 (22.10.1885) · p. 680

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 43 (22.10.1885)
Article
Johann Zestowitz
Date
1885-10-22
Page
680 (sequence 2)
Language
German
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680 rühme ich die wahrhaft hochherzige That des Herrn Isprawnik, daß er lediglich im Interesse des gesammten Kreises an jenem regnerischen Apriltage so schnell seine Kanzlei verließ und sich in das Theehaus, natürlich das allcrfeinste, begab, um ein GlaS heißen ThceS und sehr viele und große Gläser Wodka einzunehmen. DaS vertrieb denn auch das Frösteln sehr gründlich und verscheuchte das Unbehagen, so daß der hoch- und vielmögende Herr sich ganz außerordentlich behaglich fühlte, und Ln angenehmster Stimmung in dem Thee- Hause von seinen vielen Anstrengungen im kaiserlichen Dienste auSruhte. Er war deshalb auch sehr begreiflich nicht in der Kanzlei, als die beiden Aeltesten der Judengemeinde ihn dort aussuchen wollten. Damit aber hatte cs folgendes Bcwandtniß. Es war nämlich gerade vor einer Stunde die Kunde zu der Judenschaft gelangt, daß ein ganzer Zug mit Sensen, Dreschflegeln und Messern bewassneter Personen auf der Landstraße in Bewegung wäre, um die Juden zu überfallen und auSzuplündern, zu welch letzterem Zwecke auch eine Anzahl Wagen dem Zuge folgte. Die Juden hatten, ob dieser Nachricht bestürzt, sich in dem Synagogen- Hof versammelt und Rath gepflogen, was sie zum Schutze ihres Lebens und EigenthumS unternehmen könnten. Da hatten sie beschlossen, den guten und hochgebietenden Herrn Isprawnik um Schutz und Hülse unterthänigst zu bitten und die beiden Aeltesten beauftragt, diese Bitte Seiner Gestrengen demüthigst vorznstellen. Da standen nun die armen Judenältesten auf der Flur, bebend und zitternd, und schauten hinüber zu dem Theehause, wo der Herr Isprawnik sich sein Frösteln und seine Unbehaglichkeit vertrieb und von den vielen mühseligen Geschäften auSruhte. Und da standen in dem Synagogenhofe die armen Juden und harrten in banger Erwartung des Bescheides durch die abgesandten Aeltesten. Und da rangen in ihren Häusern die Weiber und Kinder verzweiflungsvoll die Hände und warteten auf die Heimkehr ihrer Männer und Väter. Und als sie alle eine ganze Stunde lang gewartet und geharrt hatten und der Herr Isprawnik noch immer sich erwärmte und auSruhte, da wagten die Aeltesten dem Herrn Schreiber den Zweck ihres Kommens mitzutheilen und ihn zu fragen, ob cS denn wohl möglich wäre, jetzt dem Herrn Isprawnik ihre Bitte vorzutragen, da sie doch eine recht dringende Sache beträfe. Der Herr Schreiber müßte aber nicht ein so vorzüglicher und ausgezeichneter Beamter gewesen sein, wenn er nicht, wie in der That auch geschehen, in gerechter Entrüstung über eine solche unverschämte Zumuthung auSgerüfen hätte: ״Meint ihr, der Herr Isprawnik sei nur um euretwillen da!? Kommt morgen oder übermorgen wieder, vielleicht gefällt es dann Seiner Hochwohlgeboren euch anzuhören." ES war gewiß höchst unartig und zudringlich, daß die Aeltesten nach dieser milden und vernünftigen Bescheidung dennoch cs wagten, dem Herrn Schreiber ihre Angst und Sorge zu schildern und das furchtbare Unglück, das ihrer harrte, wenn der Herr Isprawnik nicht jetzt gleich zu ihrem Schutze die nöthigen Maßregeln gnädigst verfügte. Und eS war darum ganz sicherlich sehr recht von dem Herrn Schreiber, daß er nun ernstlich böse wurde und dem einen der beiden Aeltesten, der so Kühnes und Unziemliches vorzubringen wagte, in gerechtem Zorne eine recht kräftige Ohrfeige rechts und links versetzte, zugleich ausries: ״Scheert euch zur Hölle, ihr unverschämtes Pack, dort gehört ihr hin mit eurer Brut! Wenn ihr geprügelt und todtgeschlageu werdet, so geschieht euch ganz recht. Ob ihr etwas früher oder später ins Fegefeuer kommt, das ist ganz gleich. Wie könnt ihr verlangen, daß der Herr sich euretwegen bemüht? — Hinaus, sonst lasse ich euch hinauspeitschen! Kommt morgen oder übermorgen einmal wieder." Da gingen die Aeltesten denn auch fort. Der Herr Schreiber aber hatte sich über ihre Unverschämtheit so aufgeregt, daß er das Bedürfniß verspürte, sich zu erholen, und er eilte in das Thcehaus, wo der Herr Isprawnik sich noch immer ausruhte. Und auch der Schreiber trank eine heiße Tasse Thce und mehrere große Gläser Wodka, und darauf wurde er recht behaglicher und vergnügter Stimmung. Man wird also als einsichtsvoller und gerechter Mensch erkennen, daß es in der That eine ganz boshafte Derleumdung ist, wenn, zweifelsohne Seitens der höchst unzuverlässigen Inden erfunden, behauptet worden ist und behauptet wird, daß der Herr Isprawnik und der Herr Schreiber von dem Herannahen bewaffneter Schaaren Kenntniß gehabt hätten. Und ferner ist eS ganz bestimmt eine gleich große Verleumdung, daß sie an diesem regnerischen Aprillage in der Absicht sich von der Kanzlei entfernt hätten, damit mait sie dort nicht finden sollte. Das ist, wie Jedermann, der gerecht und billig denkt, einfach nicht wahr. Der Herr Isprawnik hat sich, wie er solches auch ausdrücklich in seinem Berichte ausgesprochen, an diesem Tage nicht wohl gefühlt und konnte nicht in der Kanzlei sein. Und der Herr Schreiber war wirklich in der Kanzlei, ist aber von den Juden derartig gekränkt worden, daß er sich aus einige Augenblicke entfernen mußte. Die Schuld trifft also lediglich die Juden, daß in der Kanzlei kein Beamter anzutreffen war, als jetzt endlich die Schaaren der biedern, guten und gemüthvollen Muschiks in dem Orte anlangten. (Fortsetzung folgt.)

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