Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1885)
- Article
- Aus Surinams Vergangenheit
- Date
- 1885-10-22
- Page
- 679 (sequence 2)
- Language
- German
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679 welche beinahe seit zwei Jahrhunderten den Namen ״Savanne der Juden" trägt. Rings um diese wellenförmige Fläche erheben sich prächtige Bäume, welche in Surinam so zahlreich gefunden werden. Diese Bäume zeigen eine große 'Mannigfaltigkeit an Formen und Blättern, sie sind einerseits nutzbringend durch ihre Früchte, andererseits liefern sie Schätze durch einen ergiebigen Ertrag von kostbaren Säften, Gummi, Harzen und Oelcn Auch liefern sie ein starkes Holz, welches besonders geeignet ist zum Baue von Häusern und Schiffen, sowie zu Brennmaterial und anderem Hausbedarf. — Diese Savanne, die sozusagen den abgeplatteten Gipfel eines riesigen Hügels bildet, an dessen Fuß der Surinamfluß dahinströmt, ist so hoch gelegen, daß man über die Spitzen der Bäume weg ein entzückend schönes Panorama genießt. Nach West und Südwest entfaltet sich eine unermeßlich grüne Fläche, deren dichte Wogen bis zum äußersten Horizonte sich erstrecken, wo sie sich in einen dicken Nebel auszulösen scheinen. Auf dieser schwankenden Fläche erhebt sich, gleichwie ein Leuchtthurm inmitten dieses unermeßlichen Raumes hie und da ein Hügel oder ein Berggipfel. Ebenso wie Holland, das Mutterland in Europa, war jenseits des Ozeans Surinam der Zufluchtsort für das jüdische Volk, das um seinen Gottesdienst zu aller Zeit verfolgt wurde. — Nach der Entdeckung von Amerika wurde Brasilien schnell der Zufluchtsort oder besser der Verbannungsort der in Spanien und Portugal so schwer gedrückten Israeliten. Als Brasilien auch unter portugiesische Herrschast kam, wunderten sie nach Surinam und gründeten dort ein Dorf, etwas oberhalb der jetzigen ״Savanne der Juden". Die Gründüng soll stattgefunden haben im Jahre 1614 unter dem Oberhaupt David Nassi. Im Jahre 1665 wurde dieses Dorf verlassen, und unter Leitung von Samuel Nassi gründete mau ein anderes Dorf, auch erbaute man eine Synagoge aus Backsteinen. Der Neichthum und die Arbeitsamkeit seiner Bewohner verursachten, daß dieses Dorf sich bald einer außergewöhnlichen Vlüthe erfreuen konnte. Es wurde der Vereinigungs- Punkt und Mittelpunkt der jüdisch-portugiesischen Gemeinde. Diese machte alsbald den dritten Theil der weißen Bevölkerung von Surinam aus, und im Jahre 1730 besaß sie 115 Plantagen. Die Israeliten, also gefestigt, genossen große Privilegien. Sic hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit, sowohl für Zivilpro.zesse als auch für Körperstrafen. Ihr Gerichtshof hielt Sitzung in einem der Nebenlokale der Synagoge. Sie konnten im ersten Falle zu einer Buße von 10—500 Gulden verurtheilen. Während der hohen Festtage waren sie von jeder gerichtlichen Verfolgung befreit. — Dieser früher so blühende und reiche Ort ist jetzt nebst seinen Bewohnern fast gänzlich vom Erdboden verschwunden, und ist selbst fast keine menschliche Spur mehr dort zu entdecken. Sandhügel weisen den Platz auf, wo früher so viel Leben und Bewegung herrschten. Nur die Ruine der Synagoge erhebt sich noch inmitten der Gräber derjenigen, welche vor lang verfloffenen Tagen zwischen ihren Wänden ihren Gottesdienst feierten. Von einer gewissen Entfernung aus gesehen, gleicht die Synagoge einen Steinhaufen auf einem großen Grabmal. Inwendig befindet sich noch Alles in demselben Zustande,' wie zur Zeit, als der Obcrrabbincr dort seine Lob- Preisungen Gottes aussprach. Eine Decke von. rothem Sammet, zu Fetzen zerfallen, bedeckt die Tafel des Podiums (Bimah), antike kupferne Kandelaber hängen noch an den wankenden Mauern; doch alle Zimmer, sowie der ehemalige Gerichtssaal, sind gänzlich verwüstet. Kalt, düster, schaurig sind die vermoderten Gänge, worin die Fußtritte des Besuchers das schon lange schlafende Echo wieder aufweckt. Der Anblick, von diesem verfallenen Heiligthum beklemmt das Herz. Neben der Synagoge findet man eine große Anzahl prächtiger weiß-marmorner Grabmäler, welche Zeugen von dem Neichthum, aber zugleich auch von der Eitelkeit und Prachtsucht der ehemaligen Bewohner sind. Ichgm Müritz.. Von Naphtali Simon. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Es war ein regnerischer Apriltag, in den ersten Vormittagsstunden. Dem Herrn Jsprawnik*) fröstelte es gar sehr, so daß ihm die Erwärmung seines innern Menschen höchst nothwendig erschien. Der gute hochwohlgeborne Herr Jsprawnik handelte sehr weise und. väterlich, als er zur Ausführung dieses hochwichtigen Gedankens schritt. Es giebt .nichts Unbehaglicheres als ein solches Frösteln, und wenn dieses schon von einem ganz gewöhnlichen Sterblichen gilt, um wie viel mehr von einem so mächtigen und gestrengen wie dem Herrn Jsprawnik. Denn wenn ein ganz gewöhnliches Menschenkind, Männlein oder Weiblein, sich unbehaglich ׳ fühlt, so spüren nur einige wenige Menschen diese Unbehaglichkeit. Die Hausfrau schilt höchstens die Magd einmal mehr aus, die Kinder kosten höchstens einmal mehr die Ruthe, der Knecht empfängt höchstens einige Extra-Ohrfeigen, der Schüler höchstens eine besondere Tracht Schläge; im Uebrigen aber verbleibt Alleim gewohnten Geleise. Des Herrn Jsprawnik Unbehaglichkeit aber ist etwas, ganz Anderes nnd Bedeutenderes, die empfindet der ganze Kreis, und darum *) Landrath.