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Jeschurun · 1885-10-15 · Heft 42 (15.10.1885) · p. 665

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 42 (15.10.1885)
Article
Deutschland : Hannover [Nachricht]
Date
1885-10-15
Page
665 (sequence 1)
Language
German
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M 42 665 Zeschurun. Korrcspondcilzen 1111b Nllchrichtcn. Deutschland. * Hannover, 14 Oktober. Herr Dr. Kroner ist als Oberlehrer der Religionsschule und Direktor des Lehrerseminars eingeführt worden und hat seine Amtsführung begonnen. 0. Berlin, 9. Oktober. Am Mittwoch, den 7. d. M., fand im Parterre-Saale des Grand-Hotel, Alexandcrplatz, eine sehr zahlreich besuchte Versammlung statt, um gegen die seit den letzten Monaten stattgefundenen Ausweisungen österreichischer und russischer Unterthanen zu Protest!reu. Der Referent, Rechtsanwalt Kausfmann, beleuchtete die Ausweisungsfrage nach dem Gesichtspunkte des Völkerrechts, indem er sagte, daß die Ausweisungen diesem durchaus zuwider geschähen. DaS deutsche Volk müsse gegen solche Verletzung des deutschen Nechtsgefühls energisch Front machen. -3.- Berlin, 13. Oktober. ״Schöne, freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens, von Dir soll ich scheiden?" denkt die ״Krcuzzeltung" in ihrem heutigen Leitartikel. Was wäre mein Dasein und Wirken ohne die Juden? Sie gehören mit zu den unerläßlichen Bedingungen׳ meines ״süßen Lebens". Wo ich ihnen nicht auf meinen Wanderungen begegne, da ist mir nicht wohl, da empfinde ich eine Leere und Oede. Da ist das Ereigniß des Tages, der sensationelle Prozeß Graes — ich habe keine Freude daran, weil ich auch nicht eine einzige Judennase in demselben entdecken kann. Welch ein Schaden, wie traurig! Hilf mir, Phantasie, daß ich den hervor mir zaubere, nach dem mein Herz sich sehnt — den Juden! Ein Königreich für einen Juden, für einen einzigen Juden! — Da kam er heran, der Geliebte, der Ersehnte, herrlich und schön, kein Geringerer als der Hauptheld in diesem Drama. O, des Wunders! Und die kräftige BeschwörungSformel, die solch' Wunder hat vollbracht? Kommt und staunet! ״Wenn es, wie uns versichert wird, wahr ist, daß der Hauptbetheiligte seiner Herkunft nach jener fremdartigen Sippe angehört" — ״dann freilich w ürde vieles klar, was unserer ״arischen" Denkweise seit dem 28. September d. I. unverständlich geblieben ist." Also zu lesen in Nr. 239 der ״Kreuzzeitüug". Wahrlich, eine' großartige Leistung! -0- Königsberg r P., 10. Oktober. Der ' GeheimeKommerzienrath Simon hatte vorgestern Audienz bei dem hier durchreisenden russischen Minister Herrn v. Giers in Angelegenheit der aus Preußen AuSgewiesenen jüdischen Russen. - Herr v. Giers versprach, daß denselben in ihrer Heimath ein besonderes Wohlwollen dezeigt werden solle. Der Magistrat lehnte die von dfrn Stadtverordneten - Kollegium beantragte Intervention zu Gunsten der AuSgewiesenen ab. m. Erfurt, Oktober. Der folgende Vorfall dürfte für weitere Kreise Interesse haben. Nach einer Entscheidung des obersten BcrwaltungSgerichtShoseS ist cs wesentliches Erfordcrniß, daß zwischen der Erklärung des Austrittes aus einer Shnagogengcmeinde und der darüber zu wiederholenden Aussage vor Gericht genau eine Frist von sechs Wochen liegt und das letzte Protokoll weder früher noch später ausgenommen wird. In einem Rechtsstreit zwischen der hiesigen Synagogengemeinde und einem AuStretenden war die Frist eine längere als sechs Wochen und wurde deshalb der Austritt als nicht geschehen erklärt. Breskarr, 9. Oktober. Zu der Ausweisung russischer und österreichischer Unterthanen aus Deutschland wird dem ״Bert. Tgbl." geschrieben: ״Während es seit einigen Wochen aus dem Gebiete der Aus- Weisungen hier ziemlich still war und nran sich vielfach der Hoffnung hingab, daß die Behörde von der Aus-. Weisung der kaiserlich königlich österreichischen Unterthanen Abstand nehmen würde, verbreitete sich heute Abend das Gerücht im ״Goldenen Nadeviertel," einem namentlich von ärmeren Juden bewohnten Stadttheil, cs seien heute über 100 Ausweisungen erfolgt. Leider bestätigt sich diese Nachricht! Unter den AuSgewiesenen, die theils österreichische, thcils russische Unterthanen sind, befinden sich unter Anderen auch ein Barbier, der seit acht Jahren hier ansässig und mit einer BreSlauerin verheirathet ist, und ein Galizier, dessen Anmeldung zum Gewerbe als Weißwaarenhausierer man vor vier Wochin noch ruhig annahm und die diesbezüglichen Steuern kassirte. Die den Ausgewiesenen zugegangene Ordre hat folgenden Wortlaut: ״Es wird ihnen eröffnet, daß Ihnen der Aufenthalt in dem diesseitigen Staate fernerhin nicht gestattet werden kann, demgemäß werden Sie aufgefordert, binnen 14 Tagen zur Vermeidung der zwangsweisen Fortschaffung Breslau und das preußische Staatsgebiet zu verlassen. Der Polizei- - Präsident." Um den Kelch der Ausweisungsmaßregel gerüttelt und geschüttelt ootf zu machen, müssen die armen AuSgewiesenen auch noch 25 Psg. für die Ordres bezahlen. Wie ich Ihnen aus Grund bester Information versichern kann, sind der Negierung, den! Oberpräsidenten und dem Polizeipräsidium zahlreiche Schreiben staats- ׳freundlicher Bürger hiesiger Stadt zugegangen, worin sich diese über die Folgen der Ausweisungen beklagen. In den meisten Fällen wird ja der Vermiether, der einen Russen oder Oesterreicher als Miether hat, von des letzteren Ausweisung schlimmer betroffen, als dieser selbst. Die Öberbehörde hat in Folge dieser Klagen und Beschwerden den Beschluß gefaßt, vor der Hand

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