Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1885)
- Article
- Johann Zestowitz
- Date
- 1885-10-15
- Page
- 664 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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G64 pomiluj!') entgegnete Andrejew; ״ich habe auch an Weib und Kinder gedacht. Weißt Du, Iankcl, wir sind in einer schlimmen Lage und nur die Gnade Gottes kann uns schützen. Deshalb habe ich auch gebetet: GoSpodj pomolimssa! 2) Ihr Juden betet so lange, das können bei uns nur die Popen. Was hast Du denn gebetet?" Ich theiltc ihm mit, daß ich meine Sünden bereut und gelobt hatte, mein Lebelang als frommer Jude mich zu führen, wenn Gott mir noch ferneres Leben schenken würde. ״Ihr Juden seid ein elendes Volk/' meinte darauf Andrejew. ״Ihr seid verstockte Ketzer und Ungläubige, so habe ich immer gemeint. Ihr seid aber doch eine fromme Nation, und Gott muß euch auch noch lieb haben, denn sonst wäret ihr längst nicht mehr. Er erhört auch euer Gebet eher als das unsrige; das habe ich selbst gesehen. Als in meinem Orte vor Jahren eine große Dürre war, da zogen wir mit dem Popen an drei Tagen hinaus aufs Feld, und der Pope las die Messe, und wir alle warfen uns aufs Angesicht, aber cs half nicht, es kam kein Regen. Da gingen die Aeltcstcn zum Judenpopen. Der saß gerade vor einem großen heiligen Buche und betete laut. Es war ein kleiner, alter Mann mit einem langen Barte. Als die Acltesten kamen, unterbrach er das Gebet und fragte nach ihrem Begehr. Da sagten sie: wir haben drei Tage lang mit unserm Popen gebetet, aber cs hat nichts genützt. Und nun geht unser Korn verloren und unser Vieh stirbt dahin. Da haben wir uns überlegt, es mit euch Juden versuchen zu lassen, vielleicht ist euer Gebet wirksamer. Also fordern wir euch aus, nach eurer Weise um Regen zu bitten. Der alte Mann erwiderte daraus: Gott erhört Alle, die zu ihm rufen, falls eS seiner Weisheit gut dünkt. Gehet hin; ich werde sofort die Gemeinde zur Schul rufen lassen und wir wollen beten, daß der Herr Regen spenden wolle. — Darauf versam-- melten sich die Hebräer in ihrer Schul und wir gingen Alle mit. Das HauS konnte die Menge nicht fassen, so daß die Meisten draußen bleiben mußten und in einem dichten Haufen die Schul umstanden. Nun begannen die Juden zu beten in lauter Weise, ungeordnet und schreiend. Da urnwölkte sich der bis dahin heitere Himmel, ein Sturm machte sich auf und trieb die Wolken vor sich her. Kaum hatten die Juden ihr Gebet beendet, so sielen schon dichte Regentropfen hernieder als Vorboten eines lange währenden Landregens. Die Acltesten gingen darauf zum Judenpopen und dankten ihm für das heilsame Gebet in der Schul. Der aber schüttelte den Kopf und sprach: Groß und י) Herr, erbarme sich unser! נ) Herr, wir bitten Dich! (Der stete Nesrain im russischen Gottesdienst.) gütig ist der Herr, der Gott Israels und der ganzen Welt! Ihm allein sei Preis und Dank! — Siehst Du, Iankcl, seitdem glaube ich ganz bestimmt, daß Ihr Inden doch frommer und gotteSgefälliger seid, als wir, die wir euch verachten und Ketzer schelten. — Darum mußt Du mir zw Willen sein, Jankel, bete für niich und für mein Weib und meine Kinder!״' Der Korporal hatte diese letzten Worte mir ins Ohr geflüstert, als fürchte er, daß ein Anderer sie hören könnte, und ich mußte es ihm versprechen mit Hand und Mund. Da aber ward es Plötzlich lebendig im Lager. Alle sprangen auf und griffen zu den Waffen. Der Feind hatte sich an uns herangcschlichen und unS überfallen. Das gab einen furchtbaren Kamps, Mann gegen Mann, wie ich noch niemals erlebt hatte und in keiner Schlacht später wiederum erfuhr. Was soll ich euch denselben schildern? Man kann sich nichts Grauenvolleres vorstellen als ein solches gegenseitiges Morden. Drei Mal wurde ich im Einzelkampfe angegriffen und blieb unversehrt. Der Korporal Andrejew war nicht so glücklich. Er hatte einen Lanzenstich in das rechte Bein empfangen und sank zu Boden, als ein Uzbeke das Messer über ihn schwang. Meine Kugel erreichte gerade zur rechten Zeit den Feind, sonst wäre eS um meinen braven Korporal geschehen gewesen. Ich bemühte mich um den Verwundeten, so viel ich konnte. ״Dein Gebet ist doch besser, als das meinige," sagte er wehmüthig; ״ich danke Dir mein Leben, Jankel, das werde ich nicht vergessen, wenn ich es behalten sollte." — Unsere Sotuie hatte durch diesen Ueberfall mehr als die Hälfte verloren; auch der tapfere Sotnik war gefallen; außer mir war Niemand unverletzt geblieben. — Seht, Kinder, so ist Gott mit mir gewesen, wie er mit unserm Vater Jakob war, und so möge er mit euch sein allezeit." - In athcmtoscr Spannung hatten die Kinder aufgehorcht, die Mutter aber sprach zu ihnen: ״Kinder, ihr habt einen frommen, gottcösürchtigen Vater, wie cs keinen zweiten wieder giebt. Der große Naw von Berdidschcw, der doch gewiß ein theurer Frommer ist, kann nicht tugendhafter und Gott angenehmer sein, als euer Vater." ״Sprich nicht solche Narrethei," wehrte Jankel ab, ״wir kannst Du Dich an der Ehre des großen NawS versündigen, indem Du den Weisen mit mir vergleichst, der ich ein unwissender Mensch bin? Es ist aber Zeit, daß wir an die Arbeit gehen." Er sprach das Tischgebet und trat in die Werkstatt, während seine Frau zu ihrer häuslichen Arbeit, Joschke aber zur Schule zurückkehrte. (Fortsetzung folgt.)