Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 40-41 (8.10.1885)
- Article
- Österreich-Ungarn : Teplitz [Nachricht]
- Date
- 1885-10-08
- Page
- 654 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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654 An vielen hart bedrohten Punkten sind Inden unsere wackeren Mitstreiter. (Beifall.) Die LereinSleitung ist der Ansicht, daß viele israelitische Schulen wichtige nationale Bollwerke bilden, und daß, wenn sie nicht bestünden, der Deutsche Schulvercin an ihrer Stelle eigene Schulen errichten müßte. Freilich ist Vorsicht am Platze. Biele israelitische Schulen sind trotz der deutschen Unterrichtssprache nicht deutsche Schulen. Wir unterstützen nur solche israelitische Schulen, von denen wir überzeugt sind, daß sie zum Zwecke haben, die Kinder zu deutschen Männern und Frauen zu erziehen. Mehrere Schulen dieser Art werden auch von christlichen Kindern besucht. Die israelitische Schule in Neubidschow — von Kaiser Joseph 1782 errichtet -- hätte ohne Unterstützung durch den Deutschen Schulverein ihr hundertjähriges Jubiläum nicht erlebt. Ein deutscher katholischer Priester schrieb über diese Schule an den Zcntral-Ausschnß: ״Seit fünf Jahren sind die Juden in Neubidschow das Ziel czcchischer Angriffe, aber nicht in ihrer Eigenschaft als Inden, sondern als Deutsche." In der Gitschiner jüdischen Schule sind 22 Perzent Schüler Christen, meist Offiziers- und Bcamteukinder, und von diesen sind viele vom Schulgclde befreit. Ich fordere Sie auf, den Antrag von St. Martin mit imposanter Majorität abzulehnen. Des SchulvereinS unvcrrückteö Ziel inuß sein: Bereinigung aller Deutschen in Oesterreich, ob sie sich Deutsche, Deutsch -Oesterreicher, Deutsch-Konservative oder Germanen nennen, (lebhafter Beifall im ganzen Hause.) — Gegen den Antrag der Ortsgruppe St. Martin spricht Di׳. Kraus (GraSlitz) so heftig, daß der Vorsitzende ihn ermahnt, sich schmähender Ausdrücke zu enthalten. Die Gründe, welche ein anderer Redner gegen den Antrag vorbringt, sind so ungeschickt, daß sie Widerspruch erregen. — Professor Kn oll beantragt den Schluß der Debatte. — Krumbholz erklärt Namens der Ortsgruppen Leibnitz׳Deutschlandsberg sich mit St. Martin einverstanden. (Gelächter.) Die Abstimmung geht unter großer Bewegung vor sich. Der Antrag der Zentralleitung, den Vorschlag der Ortsgruppe St. Martin abzulehnen, wird von allen Delcgirtcn bis auf fünf angenommen. Dieses Ergebniß wird mit lang andauerndem Beifalle begrüßt. fs. Teplitz, 28. September. Gestern versammelten sich ungefähr tausend Dclegirte von Ortsgruppen und Mitglieder des ״Deutschen SchulvereinS" zur Abhaltung der fünften Hauptversammlung. Aus dem Berichte, den der Vorsitzende Di׳. Weitlof nach Eröffnung der Versammlung gab, theile ich Ihnen Folgendes als für Ihr geschätztes Blatt interessant mit. Herr Dr. Weitlof sagte in seiner Rede unter lebhafter attseitiger Zustimmung unter Auderm: ״Mit banger Sorge mußten wir wahrnehmen, wie schwer es uns gemacht wird, den Schulvercin davor zu bewahren, in die Zeit- und Streitfrage des Antisemitismus hiueingcrissen zu werden. Mag man uns aber auf der einen Seite als offene ober versteckte Antisemiten befehden, ans der andern Seite als Judenkncchtc schmähen, so werden wir uns doch niemals von jenen Grundsätzen abbringen lassen, die Sic schon in der Hauptversammlung des Jahres 1882 billigten, als Sic den Worten znstimmten: ,Wo immer ein nationales Interesse das Eingreifen unseres Vereins erheischt, muß eS uns gleichgültig sein, ob das Werkzeug, dessen wir nnS bedienen, ein weltlicher Lehrer, ein Klosterbruder, eine Klosterfrau, ein Pastor oder ein Rabbiner irgend einer Kultusgemeinde sei?" * Karlsbad, 25. September. Eine interessante Entscheidung wurde, wie die ״N. Fr. Pr." meldet, von der k. k. Statthalterci in Prag gefüllt und vom Ministerium für Kultus und Unterricht, im NekurSwege bestätigt. Die israelitische Vereinigung (genannt AultuSgemcindc) in Karlsbad schrieb einem daselbst wohnenden Arzte die Zahlung einer diesem zu hoch erscheinenden Kultusstencr vor. Der Arzt verweigerte die Zahlung, und die Statthalterci wies die Kultusgemeinde mit ihren! vermeintlichen Rechte ab, weil wohl Mitglieder der israelitischen Vereinigung zur Steuerleistung herangezogen werden könnten, nicht aber auch jeder andere in der Gemeinde ansässige Israelit.(?) A. Prefzbnrg, im Tischri 5646. (Unlieb ververspätet.) Unser geehrter Herr Oberrabbiner im Vereine mit dem Ungvürcr Rabbiner Mannheimer לי erließ dieser Tage einen Änfrus, worin, — da die Spenden sürS heilige Land sehr spärlich cinliefen und dortselbst große Noth an Lebensmittel herrscht — an das (orthodoxe) Judcnthum sowohl Ungarns, als auch des Auslandes ein sehr warmer Apell gerichtet wird. Es ist sehr zu wünschen, daß דברים היוצאים סן הלב יכנסו ללב. *||* Pest, 27. September. Nach der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses koustituirte sich die sögenannte gemäßigt oppositionelle Anlisemitenpartei!unter Vorsitz des Abgeordneten Z i m a!r d y. Zunächst wurden die im August von Jstoczy veröffentlichten Pnnktationen als Programm dieser Partei cckzeptirt. Die Partei zählt drei Mitglieder, nämlich die beiden hier genannten und noch Dr. Franz Komlossy. * Pest, 23. September. Die ״Nene Jüdische Pcstcr Zeitung" bringt folgendes Kuriosum: Vor wenigen Tagen ist beim Bndapcstcr königl. Gerichtshof in Strafsachen folgende Anzeige eingelaufen: ״Löblicher königlicher Gerichtshof! Ich Endesunterzeichneter wurde vor etwa vier Wochen von dem hiesigen jüdischen Handelsagenten I. K. ersucht, bei seinem neugeborenen Söhnchen die ״Gevatterstclle" anzunehmen. Ich kam diesem Wunsche willigst nach und bestellte, wie dies