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Jeschurun · 1885-10-08 · Heft 40-41 (8.10.1885) · p. 653

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 40-41 (8.10.1885)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1885-10-08
Page
653 (sequence 2)
Language
German
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653 Gewerbe, sowie auf den Besuch der Märkte 1111b Messen gegenseitig die völlige Gleichstellung mit den eigenen Angehörigen gesichert. Kraft der in Preußen geltenden Gewerbe-Ordnung genügt für den Antritt und Betrieb eines nicht polizeilich eingeschränkten Gewerbes die Anzeige an die zuständige Behörde, und kann diese Berechtigung, abgesehen von den namentlich in Steuergesehen ausdrücklich vorgesehenen Fällen, weder durch gerichtliche noch durch administrative Entscheidung entzogen werden. Diese gesetzliche Berechtigung zum Antrittc und zum ungestörten Betriebe einer Handels- und Gewerbe-Unternehmung, welche kraft des Handels- Vertrages vom Jahre 1681 in allen GebictStheilen des deutsche Reiches auch allen österreichischen Staatsbürgern zustcht, wäre aber illusorisch, wenn die zum Betriebe einer derartigen Unternehmung unerläßlich nothwcndige Berechtigung, sei eS zu einer dauernden Niederlassung, sei es zu einem zeitweiligen Aufenthalte den diesseitigen Staatsbürgern willkürlich entzogen werden könnte. ES kann daher kein Zweifel bestehen, daß die k. k. österreichische Negierung nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet ist, die durch die eingangs erwähnte AuSweisungS- Maßregel hart bedrängten diesseitigen Staatsangchörigen in Schutz zu nehmen und in geeignetem Wege auf die Zurücknahme jener Maßregel, sowie auf die angemessene Entschädigung der bereits Ausgcwicscneu hinzuwirkcn; demnach erlauben sich die Unterzeichneten die Anfrage: l) Welche Maßnahmen hat die k. k. Regicrnng zur Wahrung der im internationalen Verkehre zwischen den Kulturstaatcn allgemein anerkannten Völkerrechtlichen Grundsätze und speziell zur Wahrung der durch positive Abmachungen den österreichischen Staatsaugchörigen auf königlich preußischem Gebiete zngestau denen Berechtigung ergriffen, und falls dies bis jetzt nicht geschehen sein sollte, ob und welche Schritte sie in dieser Richtung zu thun gedenke? 2) In welcher Weise beabsichtigt die k. r. Regierung jenen gewissen Staatsbürgern, welche in Folge der Ausweisung aus Preußen jegliche Subsistenzmittel eingcbüßt haben und einstweilig nur durch Inanspruchnahme der öffentlichen Mildthät.igkeit ihr Leben zu fristen vermögen, die nncrläßliche Hülfe zu gewähren?" Abgeordneter Di׳. R. v. Grocholski ergreift das Wort, um die Wahl eines Legitimations-Ausschusses und eines PetitionS-AusschusseS aus je 24 Mitgliedern zu beantragen. — Der Antrag wird angenommen. * Kierling, 16. September. Die ״Oestcrr. Wochenschrift" meldet: Freitag den l 1. d.M. versammelte sich eine Menge, bestehend aus Bauersleuten, vor dem Hause Nr. 130, wo mehrere israelitische Kurgäste ihre Andacht verrichteten, und fingen an, Krawalle zu machen. 2m Anfänge blos mit den Worten: ״Die Juden müssen alle umgebracht werden, die Juden sind Hunde u. s. w." Zuletzt singen sie an, mit Steinen zu werfen, und cs wäre sehr weit gekommen, wenn nicht in aller Eile der Bürgermeister in Begleitung des Volksschullehrcrs herdeigceilt wäre, um mit Energie die Bauern ans einander zu treiben. Es ist zu bedauern, daß ein Kurort wie Kierling, der doch stets ziemlich stark be׳ sucht ist, so selten einen Gendarmen zu Gesichte bekommt. Viele der Kurgäste erwarteten sehnsuchtsvoll den nächsten Tag, um die Flucht ergreifen zu können. — Kierling ist meistens von Israeliten besucht und trotzdem sind die Einwohner antisemitisch gesinnt. Als Grund des Krawalleö ist Folgendes anzunchmen: Zwei Knaben im Alter von 5 imb 6 Jahren rauften, da lycngte sich die Mutter des Christcnknaben darein und mißhandelte den Judenkuaben. Natürlich war die Mutter des Judcukuaben, welche doch auch Liebe zu ihrem Kiude besitzt, nicht wenig empört darüber, und versetzte der Bauernfrau eine Maulsch.lle. Die Sache kam zum Bürgermeister, und die Judenfrau bekam Recht, indem er zugab, daß jede Mutter ebenso gehandelthaben würde. Nicht zufrieden mit diesem Urthcile, veranlaßte die Christenfran einen Judcnkrawall. Dies sind die Aniiehmlichkeijen eines Juden in einer- Sommerfrische. Wie ich von langjährigen Kurgästen erfahren, soll Kierling vor noch zwölf Jahren ein unbedeutendes Nest gewesen sein. Erst die Anstalt, ein israelisches Spital, machte Kierling zu einem Kurort, somit schulden die Einwohner den Juden Dank; thun sie das? 18. Teplih, 28. September. Im Laufe der gestrigen Verhandlungen deö ״Deutschen Schutvereins" stellte die Ortsgruppe folgenden Antrag: ״Die Schulen israelitischer Knltnsgerneinden dürfen nicht unterstützt werden." (Oho-Nufe im ganzen Hanse.) Begründet hat die sogenannte Ortsgruppe ihren Antrag, wie der Referent Di׳. Groß jun. bemerkt, wie folgt: Der Schulverein ist von Deutschen für Deutsche gegründet, die Juden sind aber keine Deutschen. (Lebhafter Widersprach: Rufe: Wo ist St. Marlin? Zur Tagesordnung!) — Di׳. Groß erklärt Namens des Zcntral-Ausschusies: Ich stehe nicht an, das Einbringen dieses Antrages an und für sich als nicht förderlich für den Deutschen Schulverein zu bezeichnen. Nun, da er aber gestellt ist, erscheint es besser, sich offen mit den Antragstellern auseinanderzusetzen. An der Gründung des Deutschen Schulvcreius haben Juden theitgenommen. An vielen Orten haben sie mit Opfer und großem Eifer für die Sache gemeinsame gewirkt. In einer Anzahl von Ortsgruppen gehört mehr als die Hälfte der Mitglieder der jüdischen Konfession an, und das in Gegenden, wo die Mitgliedschaft genügt, um von-den nationalen Gegnern bedroht zu werden/ Nicht allein mit Gllld unterstützen diese Juden den Verein, sondern mit ihrer ganzen Kraft.

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