Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 40-41 (8.10.1885)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1885-10-08
- Page
- 650 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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650 gewiß ttid}t« Neues. Auf dem Zeile deS Antisemitismus, das dünn und schwankend ist, tummelt sich Herr Stöcker nur nach wie vor, und aufs hohe Roß setzt er sich immer. Verzeihe also den Bergleich. — Ich sagte oben, daß die Glanznummer des Herrn an jenem Abend ein Ricsensprung ins Leere gewesen sei. So ist es auch. Am Schlüsse seines Vortrages über ״Sozial- Politik und innere Mission" sagte er nämlich, nachdem er die kühnsten, gewagtesten Luftsprünge ans dem bekannten Gebiete unternommen hatte, die Bewegung (des Antisemitismus) sei eine Folge der Siege von 1870 und!671: ״Dazu haben wir die Schlachten nicht geschlagen, daß Fremde unser deutsches Volk uni Wohlstand und Glauben bringen." — DaS heißt in der That ins Leere gesprungen. 1) Haben Sie, Herr Hofpredigcr, überhaupt mitgeschlagen? 2) Haben nicht die deutschen Juden ebenso gut und ebenso wacker mitgcfochten wie die deutschen Christen? 3) Sind Sie, Herr Hofpredigcr, nebst Ihren Kollegen, oder Ihre Voreltern, länger in Deutschland, als die Voreltern der jüdischen Religion angehörenden Deutschen? 4) Sind diese demnach nicht ebenso wenig als Fremde anznschcn wie Sic selbst? 5) Neben nicht Sie selbst einen Druck aus das Volk aus. indem Sie ihm Ihre verschrobenen Ansichten anfoktroyiren wollen? 6) Stiften die Juden Unfrieden oder Diejenigen, die eine Konfession gegen die andere aushetzen? — Diese sind die Störenfriede. Sie verderben das Volk durch das Gist des Bruder- Hasses. Sie wollen eine Herrschaft ausübcn, indem sie sich zur Hetze an die Spitze eines aufgewiegelten Haufens sonst ruhiger, friedlicher Staatsbürger stellen. Sie zeigen das Muster der Unbescheidenheit an sich selbst, kurz, sie verdienen selbst all die Vorwürfe, die sie den Inden machen. Jeder kehre zuerst vor der eigenen HauSthür. 0. Berlin, 4. Oktober. Dem ״B. Tageblatt" entnehme ich folgende Nachricht: ״Gegen die antisemitischen Ausschreitungen der Christlich - Sozialen wendet sich ein Artikel des ״Deutschen AdelSbtattcs", den die ״Nordd. Allg. Ztg." an hervorragender Stelle wirdergiebt. Hofpredigcr Stöcker und seine Genossen werden darin unter Berufung auf den wohlmeinenden konservativen Sozialpolitiker R. A. Huber und andere Vorkämpfer deS christlichen Sozialismus auf die stille Arbeit der inneren Mission verwiesen, in der allein das Heil liege, ״nicht aber in dem äußeren Lärm gegen die Inden." Das ״AdelSblatt" beklagt, daß diese Mahnung zur ״stillen Arbeit", die schon früher erhoben worden, bisher seitens der konservativen Partei und besonders seitens der geistlichen AnttSbrüder Stöckers in geradezu vcrhängnißvollcr Weise nnbeachket geblieben sc!. Ob sir künftig willigeres Gehör finben wird, steht dahin. X. Breslau, 25. September. Eine unerhörte That ist in unserer Stadt geschehen! Am J^Q. und 24. September sind die Stadtverordneten-Sitzungen wegen der jüdischen Festtage ausgefallen, sind am nächsten Donnerstag, den!. Oklober^ muß aus dem gleichen Grunde die Stadtverordneten Sitzung ausfatlen! Und die-Z nur aus Rücksicht für die 21 jüdischen Mitglieder deS aus 97 Mitgliedern bestehen SLadtverorduelen.'Ksllegiums! Die Antrscmiten-Blätter. unter ihnen auch die ״Kreuzzeitung", sind ganz unglücklich darüber. — Man kann es diesen Herren doch nie recht machen. Ist es nicht vielmehr ein erfreuliches Zeichen von der Hochachtbarkcit der Breslauer jüdischen Bürger, die nur ca. 7 Prozent der Gesammteinwohnerzah! ansmachen, wenn ihnen ein solches Vertrauen von Seiten ihrer christlichen Mitbürger curgegengebracht wird, daß sie 21 Juden in das Stadtverordneten-Kollegium gewählt haben. Die 7 Prozent Juden können doch gewiß nicht die übrigen 93 Prozent überstimmen. B. Breslau. Am 27. September er. Abends 7'/2 Uhr fand hier im ״Hotel zum Storch" die zweite Generalversammlung der Mitglieder des ״Talmud׳-Lehr- Vereins zu Breslau" statt. Die Hoffnungen, die wir s. Z. — vor 10 Monaten — an die Gründung deS Vereins knüpften, indem wir ans demselben auf ein Wiedererwachen des jüdischen Geistes in jener vorgeschobenen Position schlossen, haben sich, zu unserer inniger Freude und zur Freude aller אהבי תרח, wie wir hoffen, erfüllt, denn, trotz der kurzen Zeit seines Besteheits, hat der Verein doch, getreu seinem Programm, schon viel Segensreiches bewirkt und wird איי׳ה noch weiterhin zur Kräftigung jüdischen Sinns und jüdischen Lebens wirken. Seine Hauptwirksamkeit richtet der Verein auf Verschaffung von Unterricht für unbenlittelte Kinder, indem er ihnen nicht die kraft- und saftlose Nahrung des sogenannten Religionsunterrichtes, sondern den ewig sprudelnden Quell nuferer תודח שבכתב in Verbindung mit תרה שבעל פה, von der es heißt דא ביה כולא יית, barbictct. In diesen! Sinne hat er seit der Zeit seines Bestehens, trotz seiner beschränkten Mittel, bereits 48 Kindern Unterricht bei bewährten Lehrern verschafft und so mit Erfolg der Unroiffcaljeit entgegen gearbeitet; hat, um die הורה nicht ohne עבודה zu lassen, ein eigenes ביית המדרש errichtet, in welchern des Morgens wie des Abends gebetet wird, und wo auch Vorträge aus "היי אדם ,משמות ובו für die VereinSmitgiicder gehalten werden und ist also seinen! Programm getreulich uachgekommcu. Leider stehen aber die ihm gebotenen Mittel nicht im Berhältniß mit seinen Laste!!, uns so ist es gekommen, daß schsu das erste Vereinsjahr mit einer Einnahme von fj& 480.01, welcher eine Ausgabe von 027.64 gegenüber fteljt, ab schließt. Zur Deckung des Defizits von Ji 47.63 wurde auf Antrag