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Jeschurun · 1885-10-08 · Heft 40-41 (8.10.1885) · p. 649

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 40-41 (8.10.1885)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1885-10-08
Page
649 (sequence 1)
Language
German
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Jeschurrru. 649 M 40 u. 4 t KorrcsMdcilzcil nitb Nllchrilhtell. | Deutschland. | -a- Berlin, 23. September. Wenn ihr, Juden Deutschlands, glaubt, die Flamme des Antisemitismus in unserem Lande werde durch einen etwas stark gehenden Wind von oben her so stark in Schwanken gebracht, daß sie wohl nächstens erlöschen wird, so irrt ihr euch ganz gewaltig — denn ihr vergeht, daß noch ein. urwüchsiger kräftiger Gcrmancnhaufe eng gcschaart als deutscher Antisemitenbund bereit steht, euch die Zähne zu zeigen, und vor allen Dingen, daß an seiner Spitze ein HeroS steht, der auf seine Fahne geschrieben hat: ״Unsinn, du siegst!" Und dieser Herr, welcher sieht, was kein Verstand der Verständigen sicht, ist Herr Pickenbach. Da hat er gestern in einer Volks- Versammlung einen Vortrag gehalten über ״daS Indenthum und die bevorstehenden Wahlen." Mit wenig Witz und viel Behagen führt er den Juden ihr langes Sündenregister vor, daß ihnen vor Angst eigentlich die Zähne klappern müßten. Und wenn sie es nicht thun, so ist es gewiß nicht Pickcnbach's Schuld. Er meint, die Juden seien auf religiösem und sozialem Gebiete, sowie ans ״Nasse-Gründen" zu bekämpfen. Und unter stürmischem Beifall spricht und sührt er dieses große Wort gelassen aus. Auf religiösem, weil es den Antisemiten als Christen undenkbar sei, einen Juden als Erzieher der Christen zu sehen. Auf sozialem Gebiete, um die einstige Freiheit der Arbeiter, der Künstler und Gelehrten wieder herzu stellen, die alle der jüdischen Presse unterworfen seien. Aus Nasse׳ Gründen! Diese seien für ihn (Pickenbach) die wichtigsten. So ״edel" die Juden auch sein möchten, so werde er doch stets dafür danken, daß der Jude für ihn Recht spreche, oder sein parlamentarischer Vertreter sei. Mit dem Tage von Sedan habe man auch die Verpflichtung übernommen, deutsches Wesen, deutsche Moral und deutsche Sitte wieder in Deutschland herrschen zu lassen. ״Wir haben," so spricht Herr Pickcubach weiter, ״ihnen, den Juden, gerne das Gastrecht gegeben, |ic aber haben nicht versucht, unsere Brüder zu bleiben, sondern unsere Herren zu werden!" Es sei doch zu verwundern, daß die deutschen Arbeiter auSwandcrten, wo die Juden noch den Boden zum Geldvcrdicncn fänden. Bei dem letzten Satze ruft ihm ein Sozial׳ demokrat zu: ״Weil die Arbeiter nichts zu fressen haben!" Nun kommen die großen Pläne Pickcnbach's. Er resumirt die Forderung der Antisemiten dahin: 1) Prüfung des Talmud und Abschaffung desselben, falls die bekannten Sätze wahr seien; 2) Keine Ernennung jüdischer Lehrer und jüdischer Richter; 3) Vcrbot der ״Alliance Jsraelite" als staatögcfährlich. — Das ist schon ganz^ schön, der Weg zur Hölle ist mit guten Voisätzen gepflastert. — Neugierig bin ich nur, wer den Talmud prüfen soll — vielleicht Herr Pickcubach? Der Mann kriegt Alles fertig. — Schließlich höre noch folgendes Kuriosum, lieber Leser, wenn du einen Talmud billig kaufen willst, so bietet sich hier vielleicht günstige Gelegenheit. . Ja, ja, der deutsche Antisemitenbund will den Talmud verbreiten!! In der gestrigen Versammlung empfahl nämlich ein Arbeiter Hase den Besuch der ״Arbciterinnen-Versammlnngen". Er (Hase) habe noch 1 5 00 Talmud-Exemplare übrig, die wolle er vor der nächsten Fraucn-Bersammlung vcrthcilcn an Freunde, die sie dm Nachdarinnen zustellen sollten. Fünfzehnhundert Talmud- Exemplare!! Die möchte ich sehen. — Der edle Herr meint wahrscheinlich Rohling's Schrift. Das ist also das Buch, das identisch mit dem Talmud ist. O. heiliger Blödsinn! Ein Werk, das gegen den Talmud gerichtet ist, ist identisch mit diesem! Doch trösten wir uns, mit solchen Geistern werden wir nicht fertig, denn mit der Dummheit kämpfen selbst Götter vergcbcns. — In der Versammlung wurde noch mitgethcilt, daß Anfang nächsten JahreS eine allgemeine Konferenz der deutschen Autisemitenführer tagen werde, um über den Antisemitismus zu berathen. Ja, wo ein AaS ist, da sanlmeln sich die Geier! 0. Berlin, 27. September. Behufs Gründung einer ״Deutschen Nesormparlei", die ein Zwischenglied zwischen den, Christlich-Sozialen und den! Deutschen Antisemitenbund bilden soll, war von einem anS 13 Herren bestehenden Komitee gcftcvn Abend im Breuerscheu Saale (Große Frankfurtcrstraße) eine Versammlung veranstaltet, der u. a. der Abgeordnete Eremer, sowie Stadtverordnete Pickenbach beiwohnten. Die neue Partei will voll und ganz auf dem Boden des positiven EhristcnthnmS und der Kaiserlichen Botschaft stehen. -a- Berlin, 4. Oktober. Am 29. September produziere sich wieder Herr Stöcker in kühnsten Evolutionen auf hohem Seile und errang einen großartigen Beifall des Publikums. Der gefeierte Künstler überstrahlte durch seine halsbrecherischen Leistungen, durch seine riesenhafteu Luftsprünge alle bisher von uns bewunderten Meister des Seiles. Den Höhepunkt seiner wirklich märchenhaften Leistungen bildete zuletzt ein Nieseusprung, den er ins Leere hinein mit fabel- Hafter Virtuosität zur Ausführung brachte. Herr Stöcker ist aber nicht nur Meister des SeiltanzeS, sondern er erwarb sich auch bei Beginn der Vorstcllung dauernden Applaus durch seine Leistungen auf hohem Noß. Doch, wie gesagt, der Glanzpunkt des Abends war die Schlußnummer. — Erschrecke nicht, wert her Leser, bei dem ungeheuren Gedanken, daß Herr Stöcker Kunstreiter genwrden sei. Das ist

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