Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 40-41 (8.10.1885)
- Article
- Aus dem Treiben "der Mission"
- Date
- 1885-10-08
- Page
- 648 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2) Theurer Neffe! Ich war sehr überrascht, mein Schreiben von Dir zurückzucrhaltcn, ohne selbst das Porto bezahlt zu haben. Ich konnte nicht vermulhet haben, daß Dn fähig wärst, eine solch' schlimme Gesinnung Deiner armen alten Tante gegenüber zu zeigen, nur weil sie den Eingebungen ihres Gewissens folgte, welches Gott durch seinen Geist zu erleuchten gefallen hat, und von welchem Zeitpunkte an, ich kann cS Dich versichern, ich glücklicher war als je zuvor, weil ich weiß, daß ich im Schutze Gottes stehe, der die Bundeslade unseren Vorfahren gegeben und durch Christus den Herrn, unseren Messias, bestätigt hat, als er am Kreuze rief: ״Es ist beendet!" Dies ist der einzig sichere Aufenthaltsort, wohin ich hoffe, daß Du und das ganze abtrünnige Israel sich retten möge vor dem Zorn eines beleidigten GottcS. Forsche in den Schriften, wie ich es that: Blind war ich einst, jetzt sehe ich, War verloren, bin jetzt gesunden. Ich setze meine Zuversicht in Gott, meinen Erloser, der mich würdig erachtet hat, um für seine Sache zu leiden, und so lange ich lebe, werde ich nicht aufhören. zu Ihm zu beten. Deine Seele zu retten, und ich beschwöre Dich, mit Gott Dich zu versöhnen durch seinen Sohn. Mache Dich bereit, denn die Stunde kann nahe sein. Sie wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Bereue, bereue, bereue! Er wird uns alle richten nach unseren Werken. Ich verbleibe noch stets Deine Dir zugethane Tante (Deines BatcrS Schwester) Lydia Montcsiore. Marseille, 23. Oktober 3857. & In Persien hat die amerikanische MissionSgescllschast bereits im Jahre!835 sich niedergelassen. 40 000 Juden wohnen im Lande. Den Muhamedanern ist cS bei Todesstrafe verboten, daS ChristenLhum anznnehmcn, dagegen erlaubt die Regierung den Missionären unter den Christen und Juden zu ״arbeiten". Der Hauptsitz dieser Mission ist in Oroomiah, einer Stadt von 30 000 Einwohnern. Korrespondenzen!md Nachrichten. Deutschland. & Hmnrover, 5. Oktober. Am zweiten Tag הול המועד tagte hier in dem SitzungSsaalc des Reprasentanten-Kollcgiums die Lehrcrversammlung der Provinz Hannover unter den! Vorsitze des Herrn Lehrer Fauerbach aus HildcSheim. Es waren 26 Lehrer, von den Rabbinern der Provinz aber nur Herr Dr. Gronemann von hier anwesend. Wir waren zu unserem Bedauern verhindert, den Verhandlungen länger anzuwohnen und werden deshalb einen ausführlichen Bericht über dieselben erst bringen, nachdem uns das Protokoll vorliegen wird. 0. Berlin, 27. September. Die ״Nordd. Allg. Ztg." setzt sich in einer ihrer letzten Nummern mit der Kritik auseinander, welche ihr gegen die antisemitische Agitation gerichteter Artikel in der jüngsten Versammlung der Herren Stöcker und Genossen erfahren hat. Wir. heben folgende Bemerkungen hervor: Die staatSbürgerlichen Rechte der Juden sollen nach Herrn Stöcker durch den von den Christlich-Sozialen betriebenen AntiscmitiömuS nicht in Frage gestellt sein, er will nur etwas mehr Toleranz, etwas mehr Bescheidenheit von den Juden gefordert haben. Aber, darf man andererseits wohl fragen, drehte sich nicht die als HauptagitationSobjekt speziell der Christlich Sozialen ״nutzbar verwendete" Eidesverweigerung eines hiesigen Geistlichen um staatsbürgerliche Rechte? Dann aber eine andere Seite der Sache; was haben die von Herrn Stöcker im Antisemitismus hauptsächlich bckämpften ,-,GeschäftSgewohnheilen" der Juden, was die . von ihnen geforderte größere Toleranz und Bescheidenheit damit zu thun, daß man gelegentlich mit Fingern auf einzelne z. B. reiche Juden zeigt, die in der Siegesollce spazieren fahren, daß man körperliche und sprachliche Eigcnthümlichkciten mancher oder unseretwegen auch vieler Juden verspottet; daß in. Versammlungen auf die vom Redner stereotyp wiederholte Frage: ״Wer hat das gethan?" der Chorus antwortet: ״Die Juden!" I st diese Art der antisemitischen Agitation den Christlich-Sozialen ganz fern geblieben? Wir deuteten au, wenn die Christlich-Sozialen ihre Aufgabe ernst nehmen wollen, so hätten sie deren Erfüllung hauptsächlich auf dem Gebiete der inneren Mission zu suchen, und wir können es kaum verstehen, daß nach den Berichten Herr Stöcker dem entgegengetreten sein soll. Liegt nicht gerade der von Herrn Stöcker hervorgehobene ״sozial-ethische" Punkt aus jenem Gebiete? Wenn Herr Stöcker sagt: ״Um den Punkt: christlichsozial dreht sich in der Gegenwart Alles" — so hat er in bedingter Weise Rcchi. Die sozialen Ausgaben in christlichem Geiste zu fördern, das ist nicht nur die Aufgabe der Gegenwart, sondern da.S wird diejenige einer langen Zukunft sein; aber wenn Herr Stöcker dieses im Kreise seiner Christlich-Sozialen sagt, so wird sehr energisch dagegen zu protestiren sein, daß über das von uns als berechtigt anerkannte Streben: Gegengewicht der Sozialdemokratie sein zu wollen, hinaus, sich Alles in der Weise um ״christlich-sozial" drehe, wie letzteres jetzt agitatorisch propagirt wird.