Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 40-41 (8.10.1885)
- Article
- Johann Zestowitz
- Date
- 1885-10-08
- Page
- 640 (sequence 2)
- Language
- German
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mitaelheitt (jattc. Dann aber hätten er und die anderen Juden sich noch ctito.fi fluchten können. So aber ging Jaulet noch immer lachend in die Scnbc, wo gerade das Mittagsmahl auf den! Tische stand, und erzählte feinem Weibe lachend den dummen Spaß de6 betrunkenen Bauern, und Frau Grendel lachte ebenfalls, und weil Vater und Mutter lachten, lachten auch die Kinder, und mau fcl;tc sich in fröhlichster Stimmung zu Tische. Ed war das gewöhnliche frugale Mittagsmahl, wie es in den meisten besser sitnirten jüdischen Familien des Orts an der Tagesordnung war. Damit ich nicht mißnecstandcn werde,!miß ich bemerken, daß zu den׳ wohlhabenderen Inden diejenigen gerechnet werden, welche überhaupt sich den Luxus eines gehörigen Mittags׳- mahlcs täglich gestatten rönnen. Also dieses opulente Mahl bestand aus Salzkartoffeln, Schwarzbrwd, rohen Zwiebeln und einem Stückchen Häring, wozu Iankel als Hausherr sich noch ein Glas Branntwein, der ihm als Soldat zum Veoürsniß geworden war, gestattete. Iankel und seine Frau waren unwissende, ungebildete Leute. Wer aber das Gebahrcn in ihrem Hause be׳ obachtctc, der mußte sich sagen, daß sich in der armlichen Hütte des Iudenschmieds ein Familienleben in Frieden und Liebe, in ehrbarer Zucht und Gottesfurcht entfaltete, welches in einem wohlthncndcn Gegensatz zu den Gewohnheiten der in gleichen Verhältnissen lebenden Nachbaren stand, von welchen nur der allernächste, der Krüger Moschte Kroski, eine Ausnahme!nachte. In den meisten Nachbarhäusern war nämlich Hader, Fluchen, Trunksucht, Rohheit an der Tagesordnung. Das Familienhaupt hielt cs für seine Pflicht, sich täglich ein wenig zu berauschen und sein Weib wegen des geringsten Anlasses, oder in Ermangelung eines solchen auch ohne einen solchen, unbarmherzig dnrchzuprügeln. Die mißhandelte Hausfrau ersetzt durch die Schärfe ihrer Zunge, was ihren Fausten an Kräften mangelt. Die Kinder sehen und hören tagtäglich Zank und thätlichen Streit, sehen, wie der wütheudc Vater die Mutter an den Haaren packt und zu Boden wirst, hören den Schmerzensschrei der unter den wuchtigen Hieben sich trümmenbcH Mutter, hören die gegcnseitigkn Schcltuub Fluchworkc ber Ettern und werden roh und wild wie Vater und Mutter. Die Mutter, als die Erzieherin, läßt ihre Wnth an den Kindern ans, die sic im klebrigen zärtlich liebt, aber in ihrer gereizten SLilmnnng wegen jeglichen Fehls erbarmungslos Peitscht, und auch der Vater, dem die Frau als AdleiLungsobjekt seiner Wuth nicht genügt, haut auf seine Kinder, die er.ebenfalls im Ucdrigeu zärtlich licdt, in noch barbarischerer Weise ein.' Zwischen Iankel und seiner Frau ward aber niemals.ein lautes Wort gewechselt; sie gaben ihren Kindern das Beispiel eines liebevollen Begcgnens. Die Kinder wurden zu Sitte und Frömmigkeit durch das elterliche Beispiel angceifcrt. Nicht als ob in der Schmiede eigenartige philosophische Erziehungsmethoden gepflegt wurden. Iankel und Brendel wußten nichts von Roussean's Emil und Jean Pantts Lcmana, sie erzogen ihre Kinder schlecht und recht nach der Weise, wie sie es ans ihrer Eltern Zucht gesehen hatten. Die .Kinder hatten von frühe ans einen heilsamen Schrecken vor der Mutter Ruthe und des VaterS Stocke, aber sie wußten, daß die schmerzliche Strafe ihrer nur dann harrte, wenn sie wirklich solche verdient hatten. Sie. wurden gezüchtigt, nicht mißhandelt. Nachdem man sich die Hände zum Mittagsmahle gewaschen und den Segen über das Brod gesprochen hatte, ließ man sich das Essen trefflich munden. Die vier Menschen hatten immer einen gesegneten Appetit und es war Gottlob auch stets genügend vorhanden, um ihn zu stillen. ״Nun, Ioschke, mein Sohn, was hast Dü denn heute beim Rebben gelernt?" Hub der V.ater an, als das Mittagsmahl beendet war. Es war das die gewohnliche Frage, die er täglich vor dem Dankgebete an seinen siebenjährigen Knaben richtete. Er hielt darauf, daß an seinem Tische auch immer Worte der Lehre gesprochen werden sollten, und da er nicht viel wußte, so sollte eine kurze Erzählung dessen, was sein Sohn am Vormittage im Chcder gelernt hatte, die Stelle dieser frommen Hebung ersetzen. ״Weiter von Jakob," cntgegnete der Kleine, indem er das Chmnesch holte und den heiligen Text übersetzte und erklärte, wie er cs vom Lehrer gehört hatte. ״Und eS erwachte Jakob von seinem Schlaf und sagte: fürwahr, Gott ist allhier und ich habe es nicht gemußt." Das heißt: sollte ich das gewußt haben, daß hier ein heiliger Ort ist, daun hätte ich nicht geschlafen, sondern gebetet. ״Und er fürchtete sich und sprach: wie furchtbar ist dieser Ort;" das heißt: man soll an jedem heiligen Ort Ehrfurcht haben vor Gott. ״Für-' wahr, dieses ist ein Gotteshaus und das Thor des Himmels;" das heißt: wenn man an einem Ort, der bestimmt ist znm Gebet, zu Gott betet, dann wird das Gebet bestimmt erhört. ״Darum soll man auch im Hanse immer an einem bestimmten Orte beten, weil man dann mit größerer Andacht betet, und nur das aufrichtige und andächtige Gebet erhört wird." Der Vater -und die Mutter hatten andächtig zugehört und blickten mit freudigem Stolze auf ihren Knaben, der so aufmerksam in der Schule gewesen und das GotteSwort so schön zu verstehen vermochte. .! 'י (Fortsetzung folgt.)