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Jeschurun · 1885-09-23 · Heft 39-40 (23.9.1885) · p. 624

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 39-40 (23.9.1885)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1885-09-23
Page
624 (sequence 2)
Language
German
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624 er diese eiblid) übernommene Verpflichtung auch dem Wortlaut nach erfüllen und ob er nun etwa zun? Christenthnn! übertreten wird." Wir wissen nicht, ob wirklich in jener Vokativ?? jcitc Formel enthalten ist. Sollte cs der Fall sein, so begreifen wir nicht, worauf Einsender und Genossen gespannt sind; uns und mit uns wahrscheinlich allen vernünftig und richtig denkenden Menschen will eS nöniiid) bcdünien, daß die Pflichten eines ordentlichen jüdischen Lehrers t׳ou denen eines ordentlichen christlichen Lehrers nicht um ein Haarbreit abweichen. Beiden, dem christlichen wie jüdischen Gynrnasiallehrcr, liegt cs ob, die ihm anvcrtrautcn Schüler zu ordcutlicheu Menschen und guten Söhnen ihres Vaterlandes heranzuziehen. Der jüdische Oberlchrer befindet sich also durchaus nicht in einem Dilemma, da er ja — auch als Nichtchris! — die gleichen Pflichten gegen Staat, Schule und Schüler zu erfüllen hat. wie der christliche Lehrer. Wir müsse?? allerdings bekennen, daß es der Form wegen dennoch?vohl angemessener wäre, einen derartigen Passus bei der Bestallung eines jüdischen Lehrers fortzulassen. Indessen ändert, wie gesagt, die Form an der Sache d??rchans nichts. -a- Berlin, 20. September. Im Kampfe der Antisemiten gegen ״Fortschritt und Iudenthum", die jenen ja stets als siamesische Zwillinge erscheinen, ist es den christlich sozial konservativ-antisemitische!? Agitatoren mit der Zeit burd) Erfahrung und oftmalige Hebung im Wort kämpfe leicht geworden, ein Sammelsurium von Schlagwörteru m?b passenden i. e. unpassenden Redensarten zur Würzung und Charakteristik ihrer Hetzereien sich zur Verfügung zu halten. Wenn sie nicht recht Gescheites und Neues vvrzubriugen wissen, — und oa$ finde! nicht in den wenigsten Fällen statt — flugs kommen die alten Hülsstruppen angerückt, und so wird das Feuer auf den? Altar der keuschen V68da a1!tisen?tiea mit nicht mehr recht zündendem Stoffe vor den- Erloschen bewahrt, dem cö allerdings nahe genug ist. Wenn aber einmal eine energische Stimme, die weder aus einer freistuuigcu noch scuiitischcn Kehle ftammt, vielleicht gar zur Blutsverwaudtschaft der Christlich-Sozialen gehört, erhoben wird, hm den Herren den Text zu lesen, dann ist Holland in Noth. Daun helfen nicht die alte» halbr-erglimmten Kohlen aus dern antisemitischen Wachtfeuer, daur? gilt. eS eine logische Vcrtheidiauug zu finden. Doch eine solche von den wcrthen Herren zu verlaugen, wäre clwaö sehr unbescheiden. Denn uw nichts ist, da hat der Kaiser das Recht verloren. Und Gott hat die Schöpfung in sechs Tagen vollendet, so daß feitbem es leinen! Menschen mehr möglich ist, aus Nichts etwas zu schassen, aus Nichts kommt Nichts, d. h. auf unfern Fall angervcndLt, aus den Köpfen der Herren . Antifemlisn läßr sich keine logische Beweisführung herauspressen. Da hat die ״Nordd. Allg. Ztg." den Christlich׳ Sozialen tüchtig den Pelz gewaschen ob ihrer antisemitischen Wühlereien. Was ist da zu Lhun? DaS genannte Glatt ist weder freisinnig noch!semitisch, auch fleht es nicht, was der dritte ruögliche Fall fein könnte, in? Solde jüdischen Geldes, es ist vielmehr streng konservativ und gilt als das ofsiziöse Organ. Da suche!? denn Herr Stöcker und Genossen sich gelinde davon zu drücken. Jener sagt in der letzten christlichsozialer; Versammlung: ״Wenn der Artikelschreiber der ,Nordd. Allg. Ztg׳ hier diese Ausführungen hörte, so;vürde er sagen, ,fahrt nur so fort mit Eurer Agitation׳." Das ist allerdings sehr bequem, sich so zu vertheidigeu. Ob cs aber auch eine logische Ver- Lheidigung genanntwerden kann? Nein. — Stöcker sagt jenes zur Bestätigung seiner Worte: ״Vielleicht haben mir die Regierung erinnert: sie müsse sich auch auf soziale Probleme einlassen und daß für diese große Theilnahme in den Schichten des Volkes sei. Die alten Konservativen halten an dem Hergebrachten fest nnd stimmen nur dafür, was ihnen die Regierung vorlegt. Dieser Modus sei aber für konservative Männer heute kein richtiger mehr." Also sagt er ganz offen, daß ihre Agitation eigentlich nicht nach dem Willen der Negierung geschehe. Nun, er mußte ja?vohl nothgcdrungen auf die Ausführungen des ofsiziösen Blattes hin solches erklären. Doch kann er es auch hier nicht lassen, seine Veteranen i!?s Feld zu führen. Wir!vollen ja nicht die E!na!?zipation der Juden wieder ausheben, meint er,?vir?vollen aber erzielen, daß das Judcnthum toleranter und bescheidener?vird. Gut, Herr Hofrediger,?vir?vollen Alles thun, um Ihnen genehm zu sein. Es ist ja unser sehnlichster Wunsch, speziell in Ihnen ein vollgültiges Muster von Toleranz und Bescheidenheit zu scheu, um es nachznahmen. Bis jetzt ist die Erfüllung dieses Wunsches aussichtslos. □ Maiibor, 14. September. Vor einiger Zeit erhielten fünfzehn aus Polen stammende Fa?nilien (darunter nur ein Christ), die Mittheilung, daß ihnen die ÄusweisungSordre zugestcllt werden?vürde. Die Leute hofften noch aus eine Abänderung des AusweisnngSbefchlS; am 12. d. ist ihnen aber durch die Polizei das AuSweisungSdckret bchändigt!vorder?. Bemittelt ist ein Einziger der AuSgewiesenen, ein hiesiger Kaufmann. Sein Versuch, sich schleunigst naturalisirert zu lassen, war vergeblich. Am 15. Oktober hat er das deutsche Reichsgebiet zu ver lasten.

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