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Jeschurun · 1885-09-17 · Heft 38 (17.9.1885) · p. 600

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 38 (17.9.1885)
Article
Johann Zestowitz
Date
1885-09-17
Page
600 (sequence 2)
Language
German
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600 lichkeit Derer gedenkt, die nicht für die Mehrung dcS ' Glanzes und des Luxus ihre Kräfte cinsctzen, die einer ganz unscheinbaren, schmutzigen Beschäftigung sich widmen, die den Abfall des Kehrichts dnrchwühlcn, nach den Ueberolcibseln der Nahrungsmittel forschen und den Kuchendragoncrn schmeicheln, um gegen gute Bezahlung dieselben zu erwerben, — ich meine, es ist wahrlich nicht zu verwundern, daß Niemand darnach fragt, wo die Lumpensammler die Knochen, rostige Nägel, abgängige Kleider aufkaufen, ihr Dasein fristen. Sie sind da, sobald der Morgen graut, sie durcheilen die Straßen und Plätze bis die Sonne sinkt, den Sack auf den Rücken, den Haken und di: Schnellwagc in der Hand, sie dulden alle Beschämung und allen Spott, hundertmal abgcwiescn, kommen sic doch immer wieder und werden des Fragens nicht müde und setzen dem Schelten einen stoischen Gleichmuth entgegen. — Sie gehen gleichmütyig Tag für Tag ihrem ״Berufe" nach. Ja wohl, ihrem Beruf. Und cs ist ein heiliger, den Mann adelnder Beruf — die Sorge für Weib und Kind. Und es ist ein schwerer Beruf. Leichter ist cs, hinter dem Ladentisch zu stehen und die Käufer erwarten, leichter den Hammer und die Säge zn führen, leichter auf dem Katheder und vor der Barre zu stehen als um abgenagrc Knochen und alte Nägel zu feilschen und mit dem Verdienste an diesen Knochen und Nägeln Weib und Kind Zu ernähren und zu kleiden und zu erziehen. Die meisten hauptstädtischen Vertreter dieses gerade nicht in besonderem Ansehen stehenden nützlichen GewerbeS — von hohem Nutzen im volkswirthschaftlichen Sinne, weil es bedeutende Werthe dem Nationalvermögen erhält, welche sonst verloren gehen würden — gehören überdies dem Stamme an, welchem in der Gegenwart wie in der Vergangenheit ein eben nicht allzu günstiges Vorurtheil cutgegengebracht wird. Sie sind Juden und zwar zum großen Theile ausländische Juden auö Polen, Rußland und Galizien; arme, fleißige, und genügsame Menschen, denen die Heimath so wenig bot, daß sie sich glücklich schätzen, in dem fremden Lande aus die Suche nach Lumpen, Knochen und rostigen Nägeln ausgchen zu dürfen und in den! engsten Gäßchen der äußersten Vorstadt unter dem Dache des elendesten Häuschens eine dürftige Wohnstätte zu finden. Armselige Menschen, die für ein solches Eldorado Hunderte von Meilen gewandert, welche Existenz habt ihr daheim in eurem Geburtsorte geführt! Doch nein, cS giebt unter euch auch Biele, die ehedem in behäbigeren Berhältnissen gelebt. Aber da?amen trunkene, fanatische Horden und sengten eure Häuser, und plünderten eure Habe, und mißhandelten euch und eure Weiber und Kinder, und da rettetet ihr nur daS nackte Leben. Ihr betriebet daheim ein Handwerk als Schneider, Schuster, Dachdecker,Seiler u. s. w. Aber in dem fremden Lande gilt eure Handfertigkeit nicht. Man verlangt hier ein Anderes und ihr seid zu alt, um euch in das Neue hineinzuarbciten. Ihr habt auch keine Gelegenheit dazu, denn welcher Meister nimmt euch als alten, mit der Sorge für Weib und Kind belasteten Gehülfen auf, zumal ihr eine Sprache redet, die ihm kaum verständlich ist? Da mußtet ihr freilich zum Sacke und Haken greifen. Ein solcher Lumpensammler, oder wenn man einen schöner klingenden Namen wählen will, ein solcher Produktenhandlcr war Jnkel Przestowitz, welcher hier aber Johann Zcstowitz genannt wurde, ein Mann.in den Vierzigern, hochgewachjen und stark gebaut, mit dichtem, struppigem schwarzen Bart- und Kopfhaar. Wer ihn zum ersten Male erblickte, mochte sich eines unheimlichen Eindrucks nicht erwehren können. Die ihn naher kannten wußten aber, daß eö keinen harinloseren, kindlicheren Mann geben konnte, als diesen breitschulterigen Händler trotz seiner Schrecken eiusiößenden Erscheinung. Zestowitz hatte in seiner russischen Heimath das Schlosserhandwerk erlernt, als er zum Heer׳- bann ausgehoben wurde und nach Asien marschirte, wo gerade dem wilden Herrscher der Vochara die russische Macht ad ociüos dcmonstrirt werden sollte. Dank der wuchtigen Hiebe, welche Jankcls nervige Arme gegen die Mauern Taschkends führten, ward diese gewaltige Stadt und Turkestan für den Zaren erobert. Darauf half er dem General Kaufmann Samarkand und Bochara einzunchmen und ward dann mit allen Ehren eines tapferen Gemeinen in die Heimath zurückgeschickt. Acht schwere Jahre lang hatte er zur Mehrung der Macht und Größe des Kaisers und des Vaterlands gekämpft und die unsäglichen Strapazen eines asiatischen Krieges ohne Murren ertragen. Da er nun wieder zu Hause augelangt war, gedachte er, sich ein eigenes Heim zu errichten, denn seine Eltern waren inzwischen gestorben, seine Schwester hatte sich verheirathet und sein Bruder war nach Amerika gewandert. Er stand demgemäß allein da in seinem Geburtsorte und es regte sich doch in seiner Brust der Wunsch, es auch einmal so gut zu haben wie andere Menschen, die nicht dazu erkoren waren, große Länder zu erobern, auf ihre Mitbrüder zn schießen und zu Hanen, Wüsteneien zn durchwandern, unwegsame Gebirge zn übersteigen, Hitze und Kälte, Hunger und Durst zu ertragen und nebenbei fortwahrend der Gefahr ausgesetzt zu sein, von den unbändigen Steppcnsöhncn erschlagen zu werden. (Fortsetzung folgt.)

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