Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1885)
- Article
- Bemerkungen zu den Verhandlungen und Beschlüssen der Rabbinerversammlung zu Berlin
- Date
- 1885-09-17
- Page
- 597 (sequence 2)
- Language
- German
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597 wähnen, daß irreligiöse Menschen höchst geeignete Re-! NgionSlehrer abgeben müßten, dann genügte eine simple ' Erklärung des Herrn Di׳. Bambeiger, diese blödsinnige Anschauung ans der Welt zu schassen? Wenn aber eine solche Dummheit nicht zu bekämpfen wäre, wenn daS von dem Präsidenten Behauptete ganz selbstverständlich gewesen sein sollte, was hätte sie dann überhaupt für eine Bedeutung? Wir bekennen ausdrücklich, diesen Ausspruch des Herrn Dr. Gronemann nicht fassen zu können. Er fuhrt sodann fort: ״er wünsche nur eine ansführliche Motivirung." Wir befinden uns auch hier vor einem räthsclhaften Spruche. Was soll motivirt werden, und was soll ״ausführlich" motivirt werden? Wahrlich, dunkel ist der Rede Sinn! Jetzt aber kommt der kräftige Stoß, dem Dank der vorauSgcgangenen beiden Sätze der vorsichtige Kämpe die sonst gefährliche Wucht gedämpft hatte. ..Es handle sich um einen größeren mit Nachlässigkeit behandelten Mißstand in größer» Gemeinden. Auch vom Lehrer müsse man fordern, daß er sich ebenso wenig wie der Rabbiner über die wichtigsten Gesetze hinwegsetzt, alles Andere könne, nichts nützen." Tief und geheimnitzvoll, dem Nichtcingcweihten nicht vcrstündlich wie die ersten Sentenzen, erscheinen diese beiden letzteren. Um einen größeren Mißstand handelt eS sich, und zwar um einen solchen in größeren Gemeinden, und zwar um einen solchen, der mit Nachlässigkeit behandelt wird! Welche furchtbare Kluft erschließt unS Herr Dr. Gronemann! Uns schaudert vor dem Blicke in den vor »ns gähnenden Abgrund. Welches ist dieser ״größere Mißstand"? In welchen ״größeren Gemeinden" herrscht er? Wen trifft die Schuld der ״Nachlässigkeit", mit welcher derselbe behandelt wird? Wir fragen vergebens, es wird uns keine Antwort. Warum diese Sprache in N'äthseln? Warum nicht den Kollegen und der Welt knndthnn, welcher große Mißstand in größeren Geineinden vorhanden ist? Haben Sie, Herr D!׳. Groncmann, einen solchen erkannt, ei, so war es ja Ihre Pflicht, ihn zu nennen, ihn klar zu legen; und die Pflicht Ihrer Kollegen war es, mit Ihnen darüber in ernste Bcrathnng zu treten, wie hier Wandel zu schaffen ist. Sie aber und Ihre Herren Kollegen wagten es nicht, das ungefährliche Gehege der Phrase zu verlassen und in den Kreis des wirklichen Lebens einzutreten. Und da soll das Volk von einer solchen Versammlung matthcrziger Männer, deren redlichster und muthigster sich des offenen, klaren Worts scheut, irgend etwas Heilsanws erwarten? Wir können nur ahnen, was Herrn Du. Gronemann das Herz bewegte, welcher Mißstand ihm vor die Seele trat, wir vermögen es nur zu schließen aus dem nachfolgenden Satze, der wie der Seufzer eines gepreßten GemüthS erklingt. Was Herr Dr. Gronemann nicht wagte, wir wollen eS ans seiner Seele heraus in klare, dürre Worte kleiden. — Der von ihm angedeutete, bei ihm namenlose, nach seiner Meinung bedeutende Mißstand, über welchen man nach ihm nachlässig hinwcgsieht, er ist kein geringerer, als die von Herrn Dr..Gronemann wahrgenommene Thatsache, daß in größeren Gemeinden in Wirklichkeit ״irreligiöse Menschen", wie der Herr Präsident sie nennt, als ReligionSlchrer fungiren. Und das hat Herr Dr. Gronemann nicht gewagt offen anszusprechen! DaS Herz hat es ihm abgedrückt, aber Furcht (vor wem?), Rücksicht (auf wen?) verschloß ihm den schon zum Sprechen geöffneten Mund. Gicbt eS etwas Traurigeres? Traurig ist es, wenn ״irreligiöse Menschen" als Lehrer der Religion bestellt werden können, trauriger ist es, daß sie im Amte sich zu halten vermögen trotz ihrer bekannten Jrreligiösität, aber das Traurigste ist, daß in einer Versammlung von achtundsechzig Rabbinern^ welche sich herausnehmcn wollen, dem Volke die Bahn zu weisen, wie der Religionsunterricht zu heben ist, nicht gewagt werden darf, diesen schreiendsten aller Mißstände, dieses größte aller Hindernisse, diese gröblichste aller Pflichtverletzungen beim Namen zu nennen. Und wenn wir fragen, woher diese Zaghaftigkeit des einen Helden unter diesen wenig reckenhaften Männern, so gicbt es nur die eine Antwort: weil Herr Dr׳. Gronernann cs sehr wohl fühlte, daß die Schuld an diesem Mißstande an allererster Stelle die Rabbiner treffe,' welche einen solchen Mißstand geduldet, ihm nicht energisch entgegengctretcn, zum Mindesten aber durch ihr eigenes Verhalten in Wort, Schrift, Gesinnung und That eine solche Unklarheit in vielen Kreisen geschaffen, daß man daselbst von dem eigentlichen Wesen der jüdischen Religion gar keinen bestimmten Begriff habe. Das verschloß ihm den Mund, das ließ die Klage nur in unbestimmten Umrissen zur Aeußerung gelangen. (Fortsetzung folgt.) SichM!ms WWna. Die Nummer 35 des ״Ausland" enthält einige kürzere Bemerkungen über verschiedene Orte Palästinas, aus welchen wir die folgenden entnehmen: Sidon, welches aus der Landseite mit einer Mauer umschlossen ist, liegt auf einen! Hngelvorsprung, das Kastell der Stadt ragt, wenn auch zerfallen, stolz ins Meer hinaus. Unter der Masse ihrer unansehnlichen Häuser finden sich auch einige von stattlichem -Ansehen. Eines dieser besseren Häuser ist der Wohnsitz