Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1885)
- Article
- Aufforderung zur Bildung einer "Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenthums"
- Date
- 1885-09-17
- Page
- 594 (sequence 2)
- Language
- German
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Wirksamkeit verbreitet finden, die nicht sowohl in einer zusammenwirkenden Vereins-Thätigkeit, als vielmehr in einer zusammenstimmcudcu Gclobuug einer zunächst von Jedem im eigenen Leben zu bethätigenden höheren Gewissenhaftigkeit sich kcnnzeichncte. Dieser freie Verein für höhere jüdische Gewissenhaftigkeit, der ein durchaus offener, öffentlicher, ungcschlossener war, dessen Mitglieder durch den Namen חבר, Genosse, schlichtweg bezeichnet waren, in welchen Iedeitt mit Ablegung des Vereins-Gelübdes der Eintritt offen stand, der bereits durch bisherigen Wandel den Karakter der Zuverlässigkeit bewährt hatte, diese älteste jüdische Association, diese uralte -.^-Institution war der wirksamste Faktor für die Erhaltung der religiösen Gesetzeskunde und der religiösen Gesetzlichkeit. Ein solcher Hinblick auf die von je im jüdischen Kreise mit großartigem Erfolge vorhanden gewesene Wirksamkeit freier Bereinigungen für geistige und sittliche Vitdungs- und Wohlthätigkcitszwecke, wie überhaupt für die Verwirklichung der großen Aufgabe des Judeuthums, hat die Erwägung nahe gelegt, ob nicht für die nach der besonderen Zeitlage der Gegenwart sich eigenartig gestaltenden Bedürfnisse und Aufgaben des gesetzlichen, unter dem Namen ״orthodox" begriffenen Iudenthums eine wünschenswerthe Erhaltung und Förderung aus dem Wege einer freien Bereinigung aller den Grundsätzen des alten überlieferten gesetzestreuen Iudenthums unverbrüchlich anhüngcndcn, ׳und in dieser Gemeinsamkeit der Uebcrzeugungen sich als Genossen fühlenden jüdischen Brüder zu erreichen, miitdestens mit vollster Hingebung anzustreben wäre. Eine solche auf dein Standpunkt des orthodoxen Iudenthums stehende und dessen Interessen vertretende allgemeine Vereinigung ist in der Gegenwart nicht vorhanden, und aufrichtige Bekenner und Freunde des orthoboxen Iudenthums fiudcu bis jetzt keine gemeinsame Vertretung ihrer Ueberzeugungen und kein gemeinsames Anstrebcn alles dessen, war sie für die Verwirklichung eines gewissenhaften Pslichtlebens in Erkenntniß und Erfüllung in der Gegenwart schmerzlich verntissen. Und doch giebt es eine ganze Reihe für die Interessen des orthodoxen Iudenthums wichtiger Anliegen, deren genügende Verwirklichung in der Gegenwart nur im Vereine utöglichst vieler Gesinmtngsgenossen. angestrebt werden könnte. Wir heben aus der großen Mannigfaltigkeit derselben einige hervor, die nach der gegenwärtigen Zeitläge ein vereinigtes Zusammenwirken gleichgesinnter Genossen besonders wüuschenSwerth erscheinen taffen dürften: 'Ufkege ächtjübischer, Kcrnd irr Kcrnd mit ächter allgemeiner Wlldung durch Aehre uud Erziehung: Stiftung und Unterstützung jüdisch-orthodoxer Lehranstalten, Schulen, בתי מדרש ישיבות sowie Unterstützung hülfsbedürftiger Lehrer derselben. Stipendien für orthodox-jüdische Jünglinge zum Besuche dieser Anstalten. Orthodoxe Pensionen und Waisenhäuser. Wanderlehrer und -Prediger für lehrbedürftige kleine Gcrueinden. Förderung der Herausgabe und Verbreitung orthodox-jüdischer Schriften. Förderung gübifch-orkhodoXen 'Vst'ichitebens und Beseitigung entgegenstehender Hindernisse: Errichtung und Unterhaltung guter orthodoxer Hotels und Speisewirthschaften in Bädern, Kurorten und fonftigen Orten großer jüdischer Frequenz. Zuverlässige Auskunftsmittel für orthodoxe gewissenhafte Reisende. Unterstützung von מבואות und שחיטה in unbemittelten Gemeinden und für vereinzelt Wohnende. Unterbringung junger Leute in orthodox-jüdischen Geschäften und Unterstützung Stellenloser bis zu solcher Unterkunft. Vertretung der Anliegen jüdischen Pslichtlebens bei den Behörden, für Schüler, Soldaten, Gefangene. Förderung einer Heilbringenden Gestaltung und KnLwickelung jüdischen religiöser! Gemeirrdetebens durch Verbreitung richtiger Kenntnisse von den unveräußerlichen Grundrechten jüdischer Religionsgcnteinden wie von den Rechten und Pflichten der Vorstände und Glieder. IK&egeqmmq non Verdächtigungen und Enstetlungen des orlbc>dc>2eu Zudem Lhums durch Juden und WchLjrrden. Solche und ähnliche Anliegen, überhaupt Alles, wobei die Ausrechthaltung, Vertheidigung, Pflege und Förderung der in unserer Gegenwart zu verwirklichenden Aufgabe des orthodoxen Iudenthums in Frage steht, dürfte mehr als je ein Zusammenwirken orthodoxer Gesinnungsgenossen wünschenswerth erscheinen lassen. Es versteht sich von selbst, daß die hier beispielsweise hervorgehobencn Ziele lediglich die Richtung andeuten möchten, in welcher die beabsichtigte orthodox-jüdische Vereinigung sich zu bewegen haben dürfte, daß sie aber keineswegs zugleich, und überhaupt nur nach und nach in Verhältniß der zu Gebote stehenden Kräfte und Mittel angestrebt werden können. Eines glauben wir in Vornhinein bemerken zu sollen. Ein irgend welches Einschreiten in die inneren Angelegenheiten einer Gemeinde oder auch nur der Versuch eines Einwirkens auf das amtliche Verhalten eines Angestellten wird der orthodoxen jüdischen Vereinigung jederzeit fern zu liegen haben. l