Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1885)
- Article
- Der Tempelprediger vor der Edenpforte : nach der "Neuen jüdischen Pester Zeitung" [Nachricht]
- Date
- 1885-09-09
- Page
- 586 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Gutes auf Erden geleistet, mein Sohn, entgcgncte Abraham. Tritt ein in daö Eden zu deinen Genossen, den Frommen und Tugendhaften. — Und wer bist Du? wandte sich Abraham an einen Andern. — Ich bin ein armer Schuster. — Ein Schuster? was ist das? Als ich noch auf Erden wandelte, da gab es keinen Schuster. Was hast Du denn als solcher ge^ leistet unter den Sterblichen? — Ich machte Schuhe und Stiesel zur Bekleidung der Füße meiner Mit- Menschen, auf das sie sich nicht verwundeten, wenn sie dahiuschritten. Nur geringer Lohn ward mir dafür zu Theil, aber doch hinreichend, um mein krankes Weib zu pflegen und die Schaar meiner Kinder zu nähren und zu kleiden und sie zu dem Lehrer in die Schule zu senden, daß er sie unterweise in den Geboten Gottes. — Da hast Du Großes und Gutes geleistet, mein Sohn, sprach Abraham. Folge Deinem Genossen und nimm Theil an dem Herrlichen, welches Gott seinen Frommen hier oben bewahrt hat. — Inzwischen war eine sehr hohe, stattliche Gestalt mit langem Haar und bebrillten Augen ungeduldig geworden. Sie drängte sich vor, und ich erkannte den Herrn Prediger vom Tempel. — Oefsne mir die Pforte des Edens. Vater Abraham, ich warte schon lange, während Du Dich mit so geringen, ungelehrten Leuten nnterhälst, sprach er hastig. — Wer bist Du, mein Sohn? frug Abraham, ihn freundlich anblickend. Ich bin der Prediger vom Tempel. — Prediger? Tempel? Was ist das, davon habe ich zur Zeit meines ErdenwalLens nichts gehört. Was hast Du gewirkt als Prediger? — Du hast von mir noch nichts gehört? Du weißt nicht, wa^ Prediger ist? lautete die staunende Gegenrede. Ich habe das Wort des Herrn in dem Prager Tempel der Gemeinde verkündet und Deine Nachkommen zu einer geläuterten Neligionsübnng, zur wahren Frömmigkeit im Sinne der Aufklärung und Bildung ermahnt, ich habe gegen die starre Formgläubiglest geeifert, ich habe- Nimm hier Platz, unterbrach ihn Abraham, indem er ihm einen Stuhl anbot. — Der Prediger ließ sich nieder und Abrahan! fuhr fort, die Ankömmlinge zu begrüßen, den Einen die Pforte zum Eden öffnend, den Andern zurückweiscnd. Der fromme Prediger rückte unruhig auf seinem Sitze hin und her. — Warum läßt Du mich so lange warten, sprach er endlich zu Abraham. Wenn alle diese geringen, einfältigen Leute von Dir hincingclassen werden, so sollte ich doch schon längst befördert sein. Wie lange soll ich hier noch harren? — Das kann ich nicht genau bestimmen, entgegnete Vater Abraham. Du hast gesagt, Du habest meine Kinder zur Gottesfurcht und wahren Frömmigkeit angehalten — das ist ja recht schön. Sieh aber, es sind schon so viele aus Deiner Gemeinde gekommen, welche nichts davon wissen und die ich deshalb zurückweisen mußte, und noch kein Einziger, der von Dir zur Tugend und Frömmigkeit geführt worden ist. Harre hier so lange, bis Einer kommt, den Du in der That zur wahren Gottesfurcht, d. h. zum Gehorsam gegen Gottes Gesetz begeistert hast — dann steht Dir die Pforte offen. So harrte denn der Herr Prediger lange Zeit. Die Frommen und Tugendhaften strömten zum Eden — er aber saß noch immer verdrießlich da — bis ich erwachte."- Der Greis hatte geendet. Die Lobredner des Tempels und seines Predigers hatten sich beschämt entfernt.- KorrchsildeWH;nrd Nachrichten. Deutschland. Harnrover, 7. September. Auch zu den gegenwärtigen Feiertagen haben einige edle Wohlthäter die schöne Veranstaltung getroffen, sämmtliche hiesige jüdische arme Familien mit Fleisch und einer besonderen Geldunterstütznng zu versehen. Möge dieses hochherzige Beispiel überall Nachahmung finden. -b- Dresden, 2. September. Jetzt beginnt mit den ״hohen Feiertagen" wieder die ״gottesdienstliche Saison" und mit ihr erscheinen eine Anzahl ,NouvantöS" in Bezug auf die Verschönerung und Veredelung des Gottesdienstes. Auch hier hat man sich bemüht, dem Pnbiikmn etwas Neues zu bieten; wir werden nunmehr nicht mehr ל׳ קולות, sondern nur י״ קולית am Rösch-Haschanah zu hören bekommen. Welcher Gedanke zu dieser sinnreichen Neuerung Anregung gegeben, wissen wir nicht. Ist es vielleicht aus Rücksicht für den בעל תוקע geschehen, damit derselbe Zeit hat, sich zwischen den ersten zehn und den letzten zwanzig קולות ausrnhen zu können, da die Verordnung getroffen ist, daß der Nest der קולות nach beendetem Gottesbieuftc zur Ausführung gelangt? Oder ist man in Dresden wirklich schon so weit gekommen, daß die Ohren der Dresdener burd) den hehren Schofarschall beleidigt werden? Ist es so weit gekommen, dann gute Nacht, Dresdener Indenthnm! Nicht einmal der Schofarschall vermag, wenn auch, nur für einige Augenblicke, euch anfznrütteln und an eure Bestimmung zu mahnen. A. Wiesbaden, 3. September. Der von der königlichen Regierung zu Wiesbaden den einzelnen Gemeindevorständen ihres Rayons zugesandte Entwurf einer Anweisung für die Bcschneidnng israelitischer Knaben enthalt folgende Bestimmungen: 1) Derjenige, welcher die Bcschneidnng israelitischer Knaben im diesseitigen Regierungsbezirke vornehmen will, hat kl dem König!.