Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1885)
- Article
- Zur Gnesener Angelegenheit [Nachricht]
- Date
- 1885-09-09
- Page
- 585 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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M 37 Jeschiirn», Jur Gilkstner Angklegkiihkit. DaS von Herrn Rabbiner Di׳. Ehrenfeld zn Gnesen abgegebene Gutachten vor dem Landgerichte seines Wohnortes, über welches wir in der vorigen Ausgabe unserer Zeitschrift ausführlich berichteten, hat nach uns zugekommcncn Mittheilungen in weiteren Kreisen das gcrechtfertigste Erstaunen hervorgerufen. Soll denn das jüdische Gotteshaus und der jüdische Gottesdienst in der That הפקר sein, daß jede Ungezogenheit und Rohheit fortan ungestraft sich dort tummeln dürfen? Hat denn der Gnesener Rabbiner nicht geahnt, was seine Unbedachtsamkeit für Unheil anzurichten im Stande ist? Wird ihm nicht an den bevorstehenden 'ernsten Tagen des ר״ה ויה״כ der Gedanke vor die Seele treten, wenn an diesen oder allen künftigen ימים נוראים während der תוקף ,תקיעות כל נדרי ,נתנה u. s. w. der ״Gottesdienst" von einem wüthigen Pöbethaufen gestört wird und sich kein Tribunal findet, welches diese Höhnung des jüdischen Gottesdienstes strafend sühnt, er allein für diese Schutzlosigkeit der Synagoge die.Verantwortung vor Gott zu tragen hat? Hätte nicht der Ernst der Zeit und die Stimme im Lager der Feinde ihn vorsichtig und bedächtig machen sollen? So und ähnlich lauten die Bemerkungen, welche über diesen bektagenöwerthen Jrrthum zu unserer Kunde gelangt sind. Wir wollen zu denselben wiederholt anführen: es ist heilige Pflicht der Gcsammtheit, gegen das bedauerliche Gutachten des Gnesener Rabbiners Verwahrung einzulegen. Bei der ersten Gelegenheit, welche sich jedoch darbicten sollte, hätte man das Gutachten vorsichtiger und einsichtiger Rabbiner über den Gottesdienst der Synagoge dem betreffenden Gerichte vorführen zu lassen. Dem Herrn Rabbiner Di׳. Ehrcnfeld zu Gnesen aber liegt es ob, sobald er seines Irrthums inne geworden, in so offenkundiger und entschiedener Weise sein irriges Gutachten zu widerrufen, daß keine Behörde und keine Vertheidigung sich jemals wiederum darauf beziehen. kann. Der Lmpelprediger vor der EdcnMte. Nach der ״Neuen jüdischen Pester Zeitung". Es war zur Zeit des Anfangs der Bestrebungen, welche sich mit so vielen frommen und schönen Phrasen als aufgeklärtes Iudenthum, geläuterte Religion u. s. w. einführten, zur Zeit, da kn Prag, der alten Metropole der böhmischen Iudenschaft, der erste. ״Tempel" der alten ״Synagoge" entgegentrat, als die Besucher der berühmten ״Alt-Neu-Schul" au einem Sabbathnachmittag nach Beendigung des Mincha-GotteSdiensteS sich über diese Neuerung und den kürzlich an den Tempel berufencn neuen Prediger lebhaft unterhielten. Man bcklagte den Verfall der Gottesfurcht und Frömmigkeit, welcher durch diesen Tempel gefördert werden könnte, und wie die trüben Ahnungen und traurigen Bcfürchtungen sonst sich äußerten. Es fehlte jedoch nicht an einigen Stimmen, welche der Schönheit der neumodischen Formen und namentlich den Reden dcS Herrn Predigers Lob und Anerkennung zollten. Da nahm ein ältlicher Herr, welcher in seiner Jugend noch zu den Füßen des großen Meisters Rabbi IccheSkeel Landau gesessen, das Wort und sprach zum Erstaunen aller Anwesenden: ״Auch ich bin heute Vormittag in dem Tempel gewesen, um das Neue kennen zu lernen, denn die eigene Erfahrung ist besser als das Wissen vom Hörensagen. Ich hatte so Vieles von dem Neuen gehört, ich wollte mich selbst überzeugen." — ״Und waS ist Eure Ansicht? Welchen Eindruck habt Ihr empfangen?" lauteten die ungestümen Fragen. — ״Es war Alles sehr schön, sehr schön", antwortete der Greis, und ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. ״Ich wurde mächtig ergriffen von einem Gefühle, das mir ganz neu war, das sich meiner noch niemals im Gottes- Hause bemächtigt hatte — ich wurde müde und schlief ein. Man mußte mich nach Beendigung der Rede wecken. So gewaltig war aber diese Wirkung des Predigers, daß ich, zu Hanse angelangt, mich derselben noch nicht entziehen konnte. Ich entschlummerte in meinem Sessel und hatte einen gar wundersamen Traum." Der Alte schwieg und die Lobredner dcS Tempels schwiegen auch. — ״Wollt Ihr uns Euren Traum nicht erzählen?" unterbrach einer des Kreises die Panse. — ״Wenn Ihr Geduld zum Zuhören habt, recht gern", lautete die Antwort. ״Im Traume war ich zum Eingänge des Eden geführt worden. Unser Vater Abraham hielt treue Wacht und empfing alle Ankommenden in milder Freundlichkeit. Da meldete sich ein dürrer, hagerer, vorwärts gebeugter Mann. — Wer bist Du? redete ihn Abraham an. — Ein armer Schneider. — Ein Schneider? Was ist das? Zu meiner Zeit kannte man keinen Schneider. Was thatest Du denn auf Erden? sprach Abraham. — Ich fertigte für die Menschen Kleider an, damit das Ebenbild Gottes in einer würdigen Erscheinung auftreten kann. Ich beachtete das Gebot Gottes und vermied sorgfältig die Mischung von leinenen und wollenen Gespinnsten, auf daß Keiner durch mich zur Sünde gelangte. Den kärglichen Lohn meiner emsigen Arbeit verwendete ich zur Erhaltung meiner Familie und zur Erziehung meiner Kinder in der Furcht Gottes und in den Gesetzen der Thora. — Da hast Du Großes und