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Jeschurun · 1885-09-03 · Heft 36 (3.9.1885) · p. 570

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 36 (3.9.1885)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1885-09-03
Page
570 (sequence 2)
Language
German
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der Gottesidee, die das Martyrium zu erdulden haben. Vor länger als Jahresfrist erschien jenes Nestript des .Kultusministers, welches die Direktoren höherer. Lehranftalteu anwics, fortan auf die Wünsche zum Dispens vom Schreiben am Sonnabend beim Abiturientencxamen keine Rücksicht zu nehmen. In hellseherischer Täuschung ging man damals nur zu leicht über die .Konsequenzen dieses tief einschneidenden Erlasses hinweg; daß dies Täuschung war, sollte man erst jetzt erfahren. An einem hiesigen Gymnasium, dessen Direktor (Zur Eharalteristik desselben theilen wir mit, daß der Direktor Mitunterzcichner der Notablenerktärung — gegen den Antisemitismus — ist und daß er im vorigen Jahre am ".">22 יום, um der jüdischen Schüler willen, den Unterricht aussatlcn ließ.) wegen seiner Liberalität dekannt und in antisemitischen Kreisen verhaßt ist, hat sich ein Schüler gezwungen gesehen, weil die Verlegung einer auf Samstag festgesetzten Arbeit trotz wiederholter, dringender Vorstellungen seitens des Herrn Dr. Hildeshcimer ihm abgeschlagen wurde, im letzten Augenblick vom Examen zurückgetreten. Und was war der Grund zu der kategorischen Weigerung des betreffenden Herrn Direktors? Angeblich sah er sich durch die zur Tradition gewordene Festhaltung bestimmter Examentage veranlaßt, hiervon nicht abzuweichen; angeblich sagen wir, denn der Herr mußte mit seiner ganzen Vergangenheit gebrochen haben, wenn er solche Gründe für stichhaltig hielte, um ihretwillen einem karakterfesten jungen Manne die Karriere zu zerstören. Oe facto war es das dräuende Gespenst jenes Erlasses, welches ihn schreckte, ihn, der liberaler Anwandlungen so wie so verdächtig war, und wir müssen liberal genug sein, den Herrn zu entschuldigen, um so mehr, da er, der Christ, reichlich entschuldigt ist durch die Handlungsweise eines jüdischen ״Geistlichen", für die cs eine parlamentarische Bezeichnung nicht giebt. Der Direktor fragte nämlich einen solchen — Menschen darüber, ob denn das jüdische Gesetz keinen nachträglichen Dispens für ein kleines Sündchen kenne, worauf der Betreffende erwiderte, daß ein Fall wie der vorliegende allerdings im Talmud vorgesehen und zu Gunsten der Staatsgewalt durch deu Ausspruch; דינא דמלבוהא דינא entschieden sei!! Wir kennen den Namen des Betresfenden nicht und wollen uns auch nicht bestreben, das Dunkel, welches ihn umgiebt, zu lüften; entbehren wir doch leider eines Ehrengerichts, welches solche Thateu beurthcilen darf. Darum ist es besser, daß der Biedermann ungenannt bleibe; ״unser Gefühl ihm gegenüber ist außerordentlich kalt — das kälteste, was man haben kann". Sollte die Zeit der Abrechnung kommen, dann mag er versichert sein, daß wir diesen Vcrrath, diesen Stoß ins Herz eines glaubenssesten Jünglings nicht vergessen werden. Doch genug davon; wozu noch mehr eine Schmach publiziren. die uns selbst die Rothe ins Gesicht treibt? Auf Abhülfe wollen wir sinnen, müssen wir sinnen, sollen wir uns nicht selbst eines VerratheS an unserer Religion, für die wir doch 'mit unserem Gut und Blute einzutreten haben, schuldig machen. Und wir wenden uns nach rechts wie nach links und sinden keinen anderen Ausweg, als die Gründung höherer jüdischer Schulen, an denen der Samstag der Ruhetag ist. wie es unsere Religion verlangt und wie dies, mit gutem Erfolge, durch Gründung jüdischer Realschulen bereits längst versucht worden ist. — Wir verhehlen uns nicht, die Schwierigkeiten, die diesem Projekte entgegcnstehcn, wir wissen auch, daß dieser Gedanke vielen so unerwartet kommen wird, daß sie sich erst in einiger Zeit werden an ihn gewöhnen können. Wir behalten uns darum vor, in einer späteren Korrespondenz auf dieseu Gegenstand zurückzukommen, der wahrlich wichtig genug, daß an den ימים הנוראים selbst, die demnächst kommen werden, von Seiten der Nabbinen und Seelsorger auf ihn hingewiesen wird. Hoffen wir, daß diese Zeit, in der die Herzen mehr als sonst gestimmt sind, sich für edle Zwecke zu bc- - geistern, dazu beitragen wird, den Gedanken in den Herzen Wurzel fassen und gedeihen zu lassen. E. B. B. Berlin, 3l. August. Das Polizeipräsidium und mir ihm der hiesige Magistrat haben beschlossen, dem Gesuch, das Ausblasen der Lungen zum Zwecke der בדיקה auch ferner zu gestatten, keine Folge zu, geben. Der ablehnende Bescheid stützt sich auf das Gutachten eines ״jüdischen Gelehrten"! Jene ׳מובלים מהבלים ברמים, wann werden wir endlich von ihnen befreit werden? Und der Berliner ״Fortschrittsring", wo bleibt seine Liberalität? Hoffentlich werden sich in der Stadtverordncten-Bcrsammlung Billigdenkende genug; sinden, um sich dem Votum des Magistrats zu widersetzen. I Schwabach, 31. August. Der Bericht über die Wirksamkeit der Talmudschule zu Schwabach über die Jahre 1683—1885 ist soeben hcrausgcgeben. Das erste Dczcuium hat die Anstalt nuninehr hinter sich; mit Freude und Gcnugthuung kann sie auf ihr bisheriges zehnjähriges Wirken zurückblickcn. Schon eine stattliche Zahl derer, welche ihre erste Ausbildung bis zur Reise für den Eintritt in die israelitische Lehrerbildungsanstalt zu Würzburg in der Schwabacher Taldmudschule erhalten haben, wirken augenblicklich als Lehrer in verschiedenen Gemeinden zur vollen Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten und der Gemcindcmitgliedcr; einer der Schüler wurde durch die in der Anstalt gewonnene Vorbereitung in den Stand gesetzt, sich dein Studium behufs Ausbildung zum Rabbiner zu widmen. Besoudern Dank und Anerkennung gebührt den Herren Rabbiner Löb Wißmann und P. M. H. Weichster für die hingebende Aufopferung, mit der dieselben sich um die gedeihliche

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