Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1885)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1885-08-28
- Page
- 553 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M 35 Jeschurun. Korrcsplmdcnzcn ititb Nachrichtcu Deutschland. C. Berlin, 20. August. Wie die ״Nat. Ztg." meldet, hatte der Zentralvercin Berliner Fuhr-Uuternchmcr in einer seiner jüngsten Sitzungen mit 29 gegen 23 Stimmen die Aufnahme eines Kollegegen in den Verein abgelehnt, weil derselbe ״Jude" sei. In Folge dieses Vorganges ging dem Vereine zu Händen seines Vorstandes der Antrag auf Einberufung einer außerordentlichen Generalversammlung zu. welche denn auch von dem Vorsitzenden des Vereins zum Montag, dem 17. d. M., Abends 8 Uhr, nach dem Restaurant Weick, Alexandcrstraße 31, berufen wurde. Ueber das Weitere sind wir noch nicht unterrichtet. 0. Berlin, 23. August. Der Korrespondent der russischen Zeitung ״Nowoje Wrcmja" weilte dieser Tage in unserer Stadt, um über die Ausweisungen russischer Uuterthanen aus Preußen Aufklärung sich zu verschaffen. Die Berichte, die er nach seinen Interviewungcn bei dem Ministerium des Innern, bei dem russischen BotschaftSattachee, Herrn Baron Budberg, und bei einem ״sehr großen Berliner Bankier" machte, beruhen sämmlich auf Mißverständnissen und sind größteutheils unrichtig. Wir bringen hier aus der Zuschrift, welche die ״Nat.-Ztg." hierüber erhält, nur Folgendes: Wenn Herr Moltschenow versichere, es werde nur Gesindel ausgewiescn, so beruhe das auf einem Mißverständnisse. — Die Acußeruug des russischen Botschaftsattachces, Baron Budberg, die Mehrzahl der Ausgewiescncn sei jüdischen Glaubens, sei offenbar unrichtig, denn unter den zwanzigtausend bisher ausgewiesenen Personen seien höchstens fünftausend Juden. — Der ״sehr große Berliner Bankier", der früher in Rußland gelebt hatte, sagte zu Herrn Moltschenow: ״Ich versichere Sie: ich kenne die ganze Sache, kenne sie sehr genau. Bei mir verkehren während des Reichs׳ tages zwanzig bis dreißig Abgeordnete. Alles jüdische Anstiftungen. Die preußischen Juden wünschten, daß die russischen, italienischen und österreichischen Juden ausgcwiesen werden. Die Ultramontanen aber, die gegen Bismarck wüthen, um ihm a!n Zeug zu flicken, verbreiten, daß er gegen das polnische Element vorgeht, daraus ist der ganze Lärm erwachsen. Spitzbuben treibt man aus, Leute, die das Volk betrügen, die von feinem Vaterland wissen. Jetzt heißt es: Wo ist dein Paß? Hast du keinen? So mache, daß du weiter kömmst, mein Lieber. Wenn Ihr gerade so verfahret, und Oesterreich, Italien, Frankreich gerade so. so würde es weniger Spitzbuben geben." Hierauf lautet die Stelle in der Zuschrift der ״Nat.-Ztg.": Auch dieser ungenannte Gewährsmann muß den Vagabunden-Aus- 553 lieserungsvertrag vom Jahre 1872 im Auge gehabt haben oder von der auf Staatsministerialbcschluß erfolgten Ausweisung nichts wissen. Wenn er aber unterstellt, daß die Ultramontaucu lediglich aus Feindschaft gegen Bismarck den Anschein erwecken wollen, als glaubten sie die Maßregel gegen das polnische Element gerichtet, so ist der ״sehr große Berliner Bankier" ungemein schlecht unterrichtet, trotz seines Häuslichcn Verkehrs mit ״zwanzig bis dreißig Abgeordneten." Bekanntlich ist die Maßregel in der Absicht erfolgt, die Nepolonisirung einzelner Landesthcile zu hindern. Das hat Herr von Putkamer seiner Zeit auf die Interpellation von Abgeordneten auS den Ostmarken im preußischen Abgcordnetcnhause mit voller Offenheit bekannt und gegen diese Tendenz erhob sich auch kein Widerspruch. In: Ganzen also müssen wir sagen, daß Herr Moltschenow mit seinem ״strategischen Korrespondenteuplan" recht sehr verunglückt ist. -0- Danzig, August. Gestatten Sie mir, daß ich die Spalten Ihrer geschätzten Zeitschrift für das ehrende Gedächtniß eines Mannes in Anspruch nehme, der es wahrlich verdient, in der Erinnerung der Ueberlebenden nicht unterzugehen. Wohl hätte ich gewünscht, daß aus einer berufeneren Feder Ihnen eine Mittheilung über das Hinscheiden des Besten unter uns, deS secligen Herrn Eleasar Auerbach נ׳ע, welcher vor einigen Wochen zur ewigen Seligkeit cingegangcn ist, zugekommcn wäre. Dreiundachtzig Jahre hat dieser Edle unter uns geweilt, in einem Leben, das auSschließlich der תורה ועבודה gewidmet war. Er genoß die höchste Verehrung bei allen Einwohnern dieser Stadt nicht nur, sondern weit hinaus nach Osten ward der Name Rabbi Eleasar Auerbach mit Ehrfurcht genannt. Aus Rußland waren zahlrcichcGlaubensgenossen hierhergekommen, um feiner Bestattung beizuwohnen. Möge sein Gedächtniß zum Segen bleiben, wie er die Saat des Segens ausgestreut hat während seines ganzen Erdcnwallens. M. Leipzig, 15. August. In unserer Zeit, wo die Kenner und Gönner der talmudischeu Literatur immer seltener werden, und wo in Folge der modernen Erziehung auf einen entsprechenden Nachwuchs kaum mehr zu rechnen ist, muß das Ableben eines tüchtigen Gelehrten auf diesem Gebiete, wie eS Leipzig in diesen Tagen zu verzeichnen hatte, um so mehr beklagt werden Au! 14. August nämlich wurde die sterbliche Hülle des Herrn Eisig Frei mann hier der Erde übergeben. Der Verstorbene, aus Krakau gebürtig und seit mehreren. Dezennien hier zuerst als שו״ב, dann als Kaufmann thätig, gehörte zu den seltenen Männern, welche als eine Zierde des JudenthumS zu betrachten sind. Abgesehen von seiner sehr umfassenden Belesenheit im גפ״ת hat er sich auch eingehend mit Forschungen aus