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Jeschurun · 1885-08-28 · Heft 35 (28.8.1885) · p. 552

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 35 (28.8.1885)
Article
Reb Mausche
Date
1885-08-28
Page
552 (sequence 2)
Language
German
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552 ״Sie sind unwohl, Reb Mansche," sagte ich, bestürzt über den Ausdruck seines sympathischen Gesichtes, auf welchem die Spuren der Schmerzen deutlich sichtbar waren. ״Sie haben Recht gehabt," antwortete mir Reb Mansche mit schwacher, heiser umflorter Stimme, ״ich hätte, so erhitzt wie ich war, vorsichtiger sein sollen. ES war die erste Unvorsichtigkeit, zu welcher ich mich seit meiner ersten Krankheit habe hinrcißen lassen. Aber, ich war zu empört. O-er stöhnte leise und griff sich mit schmerzlicher Bewegung an die Brust. ״Haben Sie schon einen Arzt gehabt?" ״Nein. Nun, haben Sie —?" ״Um Gottes willen," wandte ich mich an die Dienerin, ״so eilen Sie doch, Frau Ghana, vor Allem um einen anständigen Arzt!" ״Lassen Sie das," unterbrach mich Reb Mansche unruhig, ״und sagen Sie mir lieber, ob Sie in der bewußten Sache etwas erzielt haben?" ״Ja, lieber Freund," rief ich, mich an dem Gedanken ergötzend, meinem armen, kranken Reb Mansche eine Freude bereiten zu können, ״ich habe das Beste erzielt, was wir hoffen konnten. Hier haben Sie das gewünschte Geld, es fehlt nicht ein Kreuzer an den zwanzig Gulden. Aber jetzt, Frau Chan ah, Zäumen Sie keinen Augenblick länger und gehen Sic um den Arzt." Ein Sonnenstrahl glücklichster Zufriedenheit verklärte das blasse, schmerzdurchzuckte Antlitz des alten Mannes, als ich ihm das Geld übergab. ״Theurer, theurer Freund," stammelte er mühsam, ״wie werde ich Ihnen das vergelten können! Ja, Chanah, laus Sie — zu dem N. hinüber und sagen Sie ihm, daß er augenblicklich herüber kommen soll — der Arme hat schon lange genug gedarbt." Jetzt trollte sich die Alte auch wirklich hinaus, da ich aber alle Ursache hatte anznnehmen, daß sie die Weisung ihres Herrn und nicht die meinige befolgen werde, so eilte ich selbst fort und schickte einen Arzt hin. Es konnte ja eine Lungenentzündung sein, bei welcher Krankheit auch die unbedeutendste Versäumniß in ihren Folgen verhängnißvoll ist. Als ich am Abend wiedcrkam, fand ich den alten Mann schon im Bette. Der eben anwesende Arzt bestätigte das, was ich angsterfüllt geahnt hatte, Reb Mausche hatte sich wirklich durch die Erkältung von heute Vormittag eine Lungenentzündung zugezogen. Er gestand mir im Vertrauen, daß die Krankheit bei dem vorgerückten Alter des Patienten und bei seiner schwachen Körperkonstitution leicht einen schlimmen Ausgang nehmen könne, meinte aber, daß bei einer energischen, unermüdlichen Durchführung der angeordneten Maßregeln auch die Möglichkeit der Rettung vorhanden sei. Es wäre aber gut, einen kräftigen, verläßlichen Wärter zu requiriren, da die alte Dienerin nicht die nothwendige Garantie biete. Ich war um die Person des Wärters nicht lange in Verlegenheit. Da ich wußte, daß das Leben des thmren Mannes von seiner Wartung abhiug, hätte ich dieses verantwortungsreiche Amt um alles in der Welt keinem Andern anvertraut, den kein anderes Interesse als die Belohnung ans Krankenbett festhielt. Ich traf mit den andern anwesenden Freunden die Vereinbarung, daß je zwei von uns sich im Krankenwärterdieust ablösen sollten und so geschah es auch. Diese Nacht nahmen ich und noch ein Freund es auf uns, am Krankenbette zu wachen. Der Kranke zeigte die Nacht über gar keine zu Besorgniß erregende Symptome, er war geistig ganz frisch und hätte gar nicht ausgehört sich mit uns in seiner geistvollen Art zu unterhalten, wenn wir ihn nicht inständig gebeten hätten, das Sprechen zu unterlassen, da ihm dies vom Arzt streng untersagt wurde. Er schlief auch einige Male ein, wurde aber immer von dem stechenden Schmerz in der Brust oder von einem Hustenansall nach kurzer Zeit wieder aufgeweckt. Dieser Zustand dauerte mit geringfügigen Veränderungen durch ganze drei Tage an. Während dieser Zeit hatte ich mir es nicht nehmen lassen, mich am Nachtdienst zu betheiligen, welcher die meiste Unermüdlichkeit und Unverdrosscnheit erforderte. Mich quälte immer die Sorge, die minder ernsten und von der Bedeutungsschwere der Sachlage minder gut unterrichte en Genossen könnten, übermannt von der Ermattung und Schlafsucht, vielleicht doch für eine halbe Stunde in ihrem Eifer Nachlassen. Außerdem kam ich auch TagS über einige Male, um nach dem Besiuden des Kranken zu schauen. Am Nachmittag des vierten Tages nun, als ich in derselben Absicht wieder das Krankenzimmer betrat, fand ich auch den Arzt dort. Die heiteren Gesichter der. anwesenden Freunde benachrichtigten mich sofort, daß eine ersreuliche Wendung eiugetreten sein müsse, und wirklich thcilte mir der Arzt mit, daß er den Kranken heute -bedeutend besser finde und nunmehr die Genesung desselben mit aller Wahrscheinlichkeit in Aussicht stellen könne. Und das Aussehen Reb Manschet war auch ein sehr vertrauenerweckcudes. Die flammende Nöthe, das Zeichen der hochgradigen Fieberhitze, war znmTheil geschwunden, sein Blick und seine Stimme waren Heller geworden und die leichte Bewegung der Hand, welche er mir zum Willkonun entgegenstreckte, verrieth. daß die lähmende Schwere, die ihm den Gebrauch seiner Glieder mühsam machte, gewichen war. Durch diese beruhigenden Umstände und durch die Mattigkeit-, welche in Folge der bisherigen 'Nachtwachen mir bleiern die Glieder beschwerte, ließ ich mich bewegen, für die kommende Nacht meinen Platz an einen Andern abzutreten. (Schluß folgt.)

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