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Jeschurun · 1885-08-20 · Heft 34 (20.8.1885) · p. 531

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 34 (20.8.1885)
Article
Ein aphoristischer Beitrag zur Erklärung des Antisemitismus
Date
1885-08-20
Page
531 (sequence 2)
Language
German
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die Pest erzeugt haben, darum mußte der Jude Christenkinderblut zum Peßachbrod gebrauchen, darum mußte für Alles, was man sich nicht mit dem Verstände erklären konnte, das Uebcrirdische, Mystische hcrhalten — den Juden konnte man sich nicht erklären, man hielt sein Treiben, sein Leben für dämonisch, von dem bösen Geiste besessen, er war also die beste, als die zunächstliegende, Erklärung für Alles Unerklärliche — und für alles dieses wurde der Jude verbrannt. — Und weil das Unerklärliche als ein Widerspruch mit den Naturgesetzen erscheint, weil in jener finstern Zeit das abergläubische Volk lieber zu dem Geheimen, Mystischen seine Zuflucht nahm, als zu dem reinen Göttlichen, darum haßte cs den Juden, den es nicht verstand. Doch vergessen wir dabei nicht, daß von dem ersten Auftreten des Juden, des Auserwählten GotteS, demselben Haß und Feindschaft entgegengetragen wurde, vergessen wir nicht die Furcht Pharao's — vergessen wir aber auch nicht den Haß der modernen Antisemiten. Alles Vorurtheil, aller Haß, welcher je dem Juden entgegengebracht wurde und noch heute gezeigt wird, entspringt der Ursache, daß man den Juden nicht versteht. Pharao legte der Zurückgezogenheit des Juden die Absicht zu Grunde, sich mit Acgypten's Feinden einstmals verbünden zu wollen, um dann im Lande zu donliniren, — und unsere Antisemiten — nichts Anderes glauben sie, nichts Anderes verstehen sie an ihm — daher hassen sie ihn, daher wollen sie ihn verjagen und vernichten. Und so lange der Jude nicht verstanden wird, so lange nicht seine göttliche Aufgabe erkannt und anerkannt wird — so lange wird er gehaßt, wird er verfolgt. Im Mittelalter erklärte man sich seine Außerordentlichkeit durch ein Einvernehmen mit Geistern und Dämonen — heute, wo die Menschen erleuchteter und aufgeklärter sind, legt man seiner Besonderheit einfach Böswilligkeit zu Grunde. Alles, so sagen die Antisemiten, thut der Jude aus Spekulation. Aus Spekulation ist er sittlich, aus Spekulation ist er arbeitssam, aus Spekulation hält er sich gesondert von dem Tisch der Nichtjuden, aus Spekulation hängt er an den alten Zeremonien — und in Wirklichkeit? Alles, Alles soll er thun als Diener Gottes, da er auf diese Weise den echten, lautern Gottesdienst zeigen und üben soll. Die Juden sind Eindringlinge, Fremde in: Lande — natürlich um das Land auSzubeuten und sich zu bereichern — während sie doch wie in Deutschland so in der ganzen Welt umher gestreut sind durch Gott, um eben ihrer Aufgabe gerecht werden zu können. Wir reden hier nicht von dem einzelnen Inden, ob er neolog oder orthodox ist, wie sich ja im Grunde genommen der Haß gegen die Juden als Ganzes richtet, sondern eben von dem gesummten Jndentlmm, der gesammten Judenheit, — wenn diese erkannt sind in ihrer göttlichen Sendung, so wird damit ja auch der Haß gegen den Einzelnen sein Ende haben, da dieser Haß ja, wie wir kurz auseinauderzusetzen versuchten, seine Erklärung findet in der Verkennung des Judenthums. Der Jude ist nicht das Nüthsel der Geschichte, das jüdische Volk ist gerade die Erklärung der Geschichte. Wenn mau den Juden erst hat verstehen gelernt, so versteht man den Lauf der Ereignisse, so versteht n:an, warum Aegypten und Persien, Griechenland und Nom untergegangen sind, warum säst vor unfern Augen Reiche gestürzt sind und noch werden — weil nicht erkannt wird die göttliche Wallung in dem Geschicke der Zeiten — und diese den Völkern zun: Vcrstäuduiß zu bringen, das ist eben die Aufgabe, d. i. die Erklärung der Existenz des jüdischen Volkes. AeMrkmgtll \\1 den Verhandlungen und ZkslhlUen der RMinermsm! Berlin. (Fortsetzung.) Die zweite Sitzung des 5. Juni war dem wichtigsten Gegenstand, der Proklamirung der Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes und zur Förderung des NeligionS- Unterrichts gewidmet. ES war am Nachmittage zuvor eine auS acht Mitgliedern bestehende besondere Kom- Mission ernannt worden, welche nach den! Zeuguiß des Herrn Präsidenten ״getreu bis zum Abend gearbeitet hatte," um die zu den Kommissionsvorschlägen eingegangenen Amendements, Unteranträge und Zusätze zu bearbeiten und den Entwürfen einzufügeu, um heute den so umgestalteten KommissiouScutwurf zur Spezialdebatte verstellen zu können. Wie Herr Dr. Joel gestern der Verhandlung die Richtung gewiesen, also hielt er cs auch heute für geboten, den Herren Kollegen vor Eintritt Ln die Tagesordnung die Bahn vorznzeichnen, innerhalb welcher sie sich zu bewegen hätten. Wir bewundern die weise Fürsicht des Herrn Dr. Joel. Wie leicht könnte bei einem so hciklcn Thema, wie der Ausstellung von praktischen Mitteln zur Hebung des gesunkenen religiösen Sinnes und des im Argen liegenden Religionsunterrichts, der eine oder andere der Herren Kollegen der nothwendkgen Pastoralen Klugheit uneingedenk werden und durch unbcdachtsame Reden den gestern mühsam, aber doch immerhin glücklich gewahrten Ausschluß eines jeden religiösen Diffcreuz- Punktes von der Debatte mißachten und das Bild einer brüderlichen Einigkeit und ungetrübten Friedens, in welchem die hochwürdiae Versammlung vor der Welt zu erscheinen die allcrdringcndste Veranlassung hatte, 2

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