Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1885)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1885-08-13
- Page
- 523 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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52s «B«aü m gewesen sei, er habe als Gemeindebeamter' das Recht, auch gegen den Willen des Fleischers im Laden zu bleiben und sprach deshalb den Angeklagten kostenlos frei. -a- Berlin, 10. August. Was sic am Freitag begonnen, die ״Kreuzzcilung", es wurde am Sonnabend fortgesetzt. Ihr ..Einiges zur Judeufrage" ist in recht gedeihlicher Entwickelung begriffen. Man kann schon Art und Geschlecht erkennen. Wie lange noch, so haben wir eine recht kräftige Frucht vor uns, welche völlig den lieben zahlreichen Geschwistern gleicht, die der glücklichen Ehe des ehrbaren und wohledlcn Herrn Antisemitismus mit der ehrsamen und tugcndbelobten Dame ״Krcuzzeitung" ihr Dasein verdanken. Eines nur ist wunderbar, und wäre, wenn nicht der lieben Mama Frömmigkeit und Treue über jeden Zweifel erhaben, höchst bedenklich — in dem gegenwärtigen Stadium der Entwickelung zeigt das Embryo eine überraschende Aehnlichkeit mit dem Philosophen des Unbewußten. Die schlichte ״Gottesfurcht" fordernde ״Kreuzzeituug" und Eduard von Hartmann — welcher frevelhafte Gedanke! Nein, wir haben cS hier mit einem eigcnthümlichcn Spiel der Natur zu thun, wenn die ״Judenfrage" der ״Kreuzzcitung" der ״Judcnfrage" des Herrn von Hartmann wie ein Ei dem andern ähulich ist. Auch die gottesfürchtige ״Kreuzzeitung" arglnucntirt nach der Weise des gottleugnenden Philosophcn: des Deutschen treuherzige Schwäche, welche des Juden Pfiffigkeit nicht gewachsen ist, — das cingedrungene. plattfüßige Volk der Juden, das keine ״kraftvolle, schlichte und in der Gottesfurcht und Köiiigstreuc festgegründete Männer erzeugen kann;" — Schluß: ״der Staat hat die Pflicht, die Deutschen und das deutsche Reich vor-den Juden zu schützen; wie? kommt nächstens. Die ״Kreuzzeituug" möge es uns nicht verübeln, wenn wir ihre Ausführungen weder für ״schlicht" halten, noch besondere Spuren von Gottesfurcht und Königstreue in ihnen zu entdecken vermögen, cs uns vielmehr bcdünken will, als ob sie sich irrt, wenn sie meint, daß ״die schlaue Pfiffigkeit und die unruhige, beständig auf der Lauer liegende, quecksilbrige Geschäftigkeit" niemals eines Deutschen Thcil sein kann. Ist es schlicht und recht, bieder und gotteSfürchtig. wenn man Miß trauen säet und Zwietracht schürt, wenn man der von Haß und Vorurtheil erzeugten unwahren Vorstellung, als ob die Juden, die Deutschen ״auspowerten", Vorschub leistet, wenn man den Glauben erweckt, als ob die Juden vorwiegend aus Hausirern und Bankiers bestehen, und behauptet, diese hätten ״in der Stunde der Gefahr dem Staate nichts zu bieten, als bestenfalls gegen Provision, Schuldschein und Zinsen so und so viel tausend Mark!?" Gott bewahre uns zu allen Zeiten vor einer so tiefen Versunkenheit! Nein und abermals nein, zu einem solchen Zcrrbilde sind wir Juden nicht geworden; ein solches existirt nicht in der Wirklichkeit, sondern nur in der Phantasie unserer erbittersten Gegner. Der Jude ״powert" — um das Idiom der ״Kreuzzeitung" zu reden — das Volk nicht nicht aus. Der Jude pflegt ״Gottesfurcht und Königstreue" ebenso wohl wie der fromme Christ. Der Jude liefert ״dem Staate in Gottesfurcht und KönigStreue festgcgründcte Männer, um seine Schlachten zu schlagen" in mindestens gleichem Verhältnisse wie alle anderen Angehörigen desselben. Der Jude ist mindestens ebenso ideal angelegt wie die Herren von der ״Kreuzzeitung", und er weist cs als eine ihn schändende Insinuation zurück, wenn man zu verstehen geben wollte, daß bei ihm das ״guaere uummos als oberstes Lcbcnsprinzip gilt." Man möge erst noch einen McnschcnkreiS nachweisen, in welchem der Besitz so sehr in den Dienst des Idealen gestellt wird, wie im jüdischen Kreise, wo allem Edlen so sehr gehuldigt wird, wie im jüdischen, wo Tugend und Geist mehr gepflegt werden, als im jüdischen. Wir dürfen stolz sein, wenn man unser imrersleö Wesen zu schänden sich unterfängt, wenn man uns zur Völkerfratze stempeln und alles Edlen entkleiden will. Dessau. Folgendes hübsche Geschichtchen auS dem Leben des Herzogs Leopold von Dessau, Großvater der Prinzessin Friedrich Karl von Preußen, wird jetzt verbreitet. Herzog Leopold war ein überaus beliebter und trotz vieler Eigenheiten jovialer Laudesvater. Unrecht haßte er, wiewohl man ihm rechtsstaatliche Anwandlungen selten zum Vorwurf machen konnte. Er war in 81)6616 ein entschiedener Gegner der sich an den kleinen Fürstenhöfeu breit machenden Geringschätzung des Bürgerthums und kannte keinen Unterschied der Konfession. Eines Tages ließ er sich einen armen, aber stets gern gesehenen Juden rufen, um ihn über die Vorgänge in der ״kreuzbraven Stadt Dessau" zu befragen. ״Modche", sagte der fürsorgliche Landesvater, ״als ich heute früh durch die Stadt geritten bin, roochte cs bei allen Juden; was war denn los?" ״Wir feiern das Purimfest. daS Loosungsfest, Durchlaucht," antwortete der Gefragte. ״Aha, die Eriuncrung an Deinen Stammvater, Modche (Mardochei) und an Haman; da wundert eS ntich aber, daß eS bei Dir, Modche, nicht geroocht hat." ״Hoheit! die Zeiten sind schwer; man kann nicht wie man möchte." ״So, Modche; cs fehlt am Nothwendigstcn?" Nach einer Pause befahl der Herzog, dessen sprichwörtliche Gutmüthigkeit freilich selten die eigene Schatulle angestrengt hatte:' ״Ich brauche grünen Stoff für meinen Leibjäger; gehe zum Händler N. (ein als Antisemit bekannter Schuittwaarenhäudlcr) und laß Dir Muster geben. Darfst aber nicht sagen, daß ich den Stoff brauche." ״Wo denken Sie hin, Hoheit! Der N.