Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1885)
- Article
- Rumänien : Bottuschan [Nachricht]
- Date
- 1885-08-06
- Page
- 511 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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511 eine neue Hcimaht suchen, dort, werdet Ihr durch gute Sitten die Sympathie der Mitbürger zu gewinnen streben, durch fleißige Arbeit Euch eine Existenz gründen; Ihr werdet 'Luch keiner schwchren Handlung gegen Eure Nachbarn schuldig machen; vielmehr durch Euere Thütigleit zum Wohtedes Staates beitragen und mit einem Male werden Euch diejenigen, welche Ihr zuvor als Brüder betrachtet, unterdrücken und aus bem Lande jagen. Wie merbet Ihr ein solches Volk neunen? Ich möchte gerne schweigen und meine Summe in der Tiefe meines Herzens ersticken, um nicht den schwarzen Schleier dieser düsteren Zeit auszn heben, wenn nicht ein traurigcr Auftritt in Galatz, dessen Augenzeugen ich war, in ich dazu veranlaßt hätte, zusammen mit den Niederträchtigen, mit den Renegaten laut zu schreien: Schlagel, Schlaget! .... Ja, schlaget mächtig, und das wird vielleicht auch allen Schmerzen, dieses Volles ein Ende machen, und fehlen letzten Seufzer unterdrücken, des Volkes, welches in diesem Lande zur Zielscheibe des Hasses geworden ist. Ich weiß nicht, ob auch ein steinernes Herz, bei der Abreise einer unglücklichen Familie, welche nach Amerika auSwandctte, nicht wäre gerührt worden: Die Familie bestand ans einem Juden, dessen Haar in diesem Lande ergraut war, einer kranken Frau und ihrer Tochter. Das Stäbchen, welches kaum 16 Jahre zählte, war bleich und in ihren Augen war ein unbcschreiblicher Schmerz zu lesen. — ״Herr", sagte der alte Jude einem 'Rumänen, ״erbarmt Euch meiner und gebt mir etwas, um meiner kranken Frau ein Brod zu kaufen." — ״Stirb vor meine« Augen, Du Jude," erwiderte der Rumäne, indem er ihm ins Gesicht spuckte. Der Alte weinte und ans den Augen des Mädchens flössen Thränen. — Als daS Schiff zur Abfahrt bereit war, erschien ein junger Mann, der die Thränen nicht zurückdrängen konnte. Es war der Bräutigam des Mädchens: ״Oben im Himmel," sagte die Braut, indem sie mit dem Finger nach oben zeigte, ״dort sehen mir uns wieder." Die Zuschauer lachten. ..Der Jude," sagte« sie, .,hat keine Seele, ist kein Mensch." Wilde, herzlose Regierung, wie lange noch wirst Du Diejenigen, welche in Deine Hände gefallen, foltern? Wie sehr wird Dein Haß wachsen? Wie lange noch wirst Du Dich grausamer als wilde Thiere zeigen? Haben die Thränen so vieler Familien, welche unaufhörlich stießen, Dein Herz noch nicht erweicht? Hat das Elend, welches nach Erlaß Deiner barbarischen Gesetze sich bei den Juden e'mgenistet hat, Dich noch nicht gerührt? Wehe! Wir wollen die Regierung bitten, der Auswanderung Einhalt zu Lhnn und nicht dem allen Spanien nachzushmeu, wir sind aber überzeugt, daß unser Flehen und Bitten ganz erfolglos bleiben wird. Sie hat cs sich vorgenommen, die oiiöen DsB Laudrä »iiiiuiui ünszm. orten, hat die Bühn des alten Spanien betreten und nichts kann sie davon abhaltcn. Deshalb können wir, beim Anblick solch' trauriger Szenen, nichts Anderes rufen als: Schlaget, schlaget!... Verkürzet durch einen tüchtigen Hieb daS Röcheln dieser unglücklichen Opfer, tränket den Boden Elicrcs Landes mit Judcnblnt, dann wird er auch vielleicht fruchtbarer werden. CH. Bis. Amerika. Gr. Newyork, 19. Juli. Wollen Sie einen Beitrag zur Signatur der amerikanisch-jüdischen Berhältnisse, so kann ich Ihnen die jüngste Ausgabe des ״American Hebrew" empfehlen. Dieses Journal vertritt diejenige Richtung, welche wir hier orthodox nennen. Von Rabbiner Dr. Köhler wurde vor einigen Wochen in der ״New-Iork Times״ berichtet, daß derselbe sich geäußert habe: ״ich trete für Schweinefleisch und Austern ein". Er hatte aber in dem ״Herald" ausdrücklich gesagt: ״Trete ich denn für Schweinefleisch und Austern ein? Nicht im Entferntesten. Ich finde weder in dem Genuß noch in der Enthaltung davon Religion". Nun dürfte allerdings auch diese Erklärung im Munde eines Rabbiners, eines Lehrers und Predigers des Juden- IhnmS, welches Schweinefleisch und Austern nach göttlichcm Gesetz für den Genuß verpönt, zweifelsohne sehr bedenklich erscheinen, und man brauchte eben noch nicht orthodox im Sinne unserer Brüder in Deutschland zu sein, um darüber seiner Entrüstung öffentlich Ausdruck zu geben. Der ״American Hcbrcw" meint aber doch, daß eine Mahnung zur Mäßigung gegen eine solche Erklärung eines Rabbiners nicht unangebracht wäre. — In demselben Blatte findet sich ein höchst intercssanter Aussatz eines Pseudo-Am-Haarcz. welcher um Belehrung über die Begriffe Reform und Konservativ bittet. Er sagt n. A., ob die Rabbiner, welche kürzlich in Philadelphia tagten und es nicht für nöthig fanden, im Kontincntal-Hotcl ein besonderes Zimmer zu nehmen, in welchen! sie sich vom mosaisch-rabbinischen Gesetze verbotenen Tafclfrenden Hingaben, Reformer odcr Konservative seien? — ob die vielen Rabbiner, welche ihre Besucher am Sabbath mit Zigarren bewitthen, zu den Reformern oder Konservativen zählen? — Dr. Ko Hut, Rabbiner der Rcformgemeindc ״Ahawath Chesed" ist merkwürdiger Weise daS Haupt der gegenwärtigen vrthodoxen Bewegung. Kurz, die Frage des schlauen Am- Haarez in dem ״Hcbrew", was Reform und was Konservatismus hierzulande heißt, ist eine sehr schwierige. Es ist eben Niemand vorhanden, der das Banner des einzig wahrhaftigen JudenthumS in unserer Mitte zu entfalten wagt.