Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-07-30 · Heft 31 (30.7.1885) · p. 485

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 31 (30.7.1885)
Article
Il y a des juifs à Berlin
Date
1885-07-30
Page
485 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933132--19324-2961944
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

485 11 II y a des juifs ä Berlin. Als Gegensatz zu Herrn Professor Bcyschlag, welcher in Bezug auf das Erkenntnis in dem Stöcker- Prozeß den bekannten Ausspruch: II y a des juges a Berlin cmsührte, hat die diene Preußische (Kreuz-) Zeitung" den in der Ucberschrift erwähnten Satz in die OcffenLlichkcit gesandt. Derselbe kann doch nur den Sinn haben sollen, daß die Juden es sind, welche das Mißgeschick des Herrn Hofpredigers verschuldet haben; und in der Tha! leistet die Krcuzzeituug das Mögliche und Unmögliche, um der Welt glauben zu machen, daß Herr Stöcker der von den Jndcu ungerecht verfolgte Patriot sei und diese für alles Unheil verantwortlich zu machen seien. Wenn jahraus jahrein tagtäglich das Gleiche gedruckt und gelesen wird, so darf man darauf rechnen, Glauben selbst für Behauptungen zn finden, die der Wirklichkeit nicht entsprechen. Die ״Neue Preußische Zeitung" möge aber doch gefälligst einmal Rede stehen, um die von ihr vertretenen Behauptungen zu rechtfertigen. Haben die Inden Herrn Stöcker angegriffen? Sind die in unzähligen Versammlungen, in welchen Herr Stöcker ausgetreten ist, entwickelten Gedanken philoscmitischer oder antisemitischer Tendenz? Sie nenne doch nur eine einzige Versammlung von Juden, in welcher AchnlicheS gegen Christen und Christenthum gesprochen und beschlossen ist, wie in jenen gegen Juden und Judenthum. Wohl war der in dem ersten Stöckerprozcß verurrhcilte Redakteur ein Jude, aber nicht der vielgenannte, die Grenzen einer erlaubten Polemik überschreitende Artikel ist cs, welcher die gegenwärtige Pro- und Kontra-Stöckcr-Beweguug hervorgerufen hat, sondern das von dem Königlichen Landgeeichte zu Berlin in dieser Sache pnblizirte Crkcnntniß und die Thatsachen, welche das Nichtcrkollegium in Bezug auf Herrn Stöcker konftatirt hat. In jenem Prozesse fungirte allerdings auch ein Jude, der Rechtsanwalt Herr Sachs, als Bcrtheidigcr. War aber dessen Kollege-in der Pcrthcidigung, der Christ, Herr Rechtsanwalt Munckct, weniger scharf in seiner Kritik über Herrn Stöcker? Ist Herr Professor Beyschlag ein Jude? Sind die Herren Pastor Witte und Superiutcndent Braasch Inden? Ist Herr Delbrück von den Preußischen Jahrbüchern ein Jude? Bekennt sich Herr Dr. ®cfften znm Judcnthum? Ist Herr Schmidt ans Elberfeld auch ein Jude, auf dessen Klage hin Herr Stöcker vcrurtheilt wurde? Hatten in dieser Sache auch die Juden ihre Hand im Spiele? Muß doch die Krcuzzeituug selbst das für sie ״traurigste" Faktum anerkennen, ״daß eine deutsche theologische Fakultät und ein deutscher Professor der Theologie die Mittel zu Stöcker'ö Verdächtigung geliefert haben" (Nr. 170 vom 24. 3111t d. I.). Was sott also ihr 11״ y a des juifs a Berlin"?? Ja wohl, es giebt Gott sei Dank Juden nicht nur in Berlin, sondern im ganzen deutschen Reiche. Und diese Inden halten sich fern von einer jeden Aufreizung der Mitbürger, ihnen ist Las höchste nationale Gut, der innere Friede, heilig. Sic wetteifern gern mit ihren Mitbürgern in der Förderung des Gemeinwohls, sic hegen keinen Neid gegen die Glücklicheren, ja auch keinen Haß gegen ihre Feinde. Berlin. Preußen und Deutschland haben sich ihrer jüdischen Bürger wahrlich nicht zu schämen. Dieselben standen und stehen nirgends zurück, wo es gilt, ein edles Werk zu vollbringen, und sic leisten ihren vollen Beitrag zu der Wohlfahrt in Stadt, Land und Reich. Berlin, Preußen und Deutschland dürfen stolz auf ihre jüdischen Mitbürger Hinschauen und freudig auSrufcn: i! y a des juifs ä Berlin! Die Derbmtung kt Juden im kuWu Reiche betitelt sich eine äußerst interessante und zeitgemäße Brochüre von Fr. Bosse, welche in den letzten Tagen bei Puttkammer & Hühlbrccht zu Berlin erschienen ist. In ihr uulermmmt cs der Verfasser, aus Grund der amtlichen Tabellen der Volkszählungen von 1871 und 1860 die Fabel von dem stetigen Anwachsen deS jüdischen Elementes in Deutschland mit allen ihren Konsequenzen durch nüchterne Zahlen zn widerlegen.' Dabei gelangt er nun zu dem wahrhaft verblüffenden Resultat, daß die Juden in Deutschland gegenüber ihren andersgläubigen Mitbürgern einen, wenn auch nur kleinen, Rückschritt gemacht haben. Denn während im Jahre 1671 die Juden 1,25 Prozent der Gesammlbevölkerung bildeten, stellt sich der Satz 1880 — 45 234061 Einwohner, davon 561 610 Juden — auf nur 1,24 Prozent, d. h. auf 10000 Deutsche kommen im Jahre 1871 125 Juden, im Jahre 1880 nur noch 124. In neun Jahren deS äußeren Friedens hat also die jüdische Bevölkerung nicht zu-, wohl aber abgenominen. Nicht minder interessant ist die Vergleichung von Stadt und Land hinsichtlich der jüdischen Einwohnerschafr. Zwar ist cs allgemein bekannt und Voran-- sctzung,- daß die Inden, vermöge ihrer religiösen und sozialen Interessen, sich veranlaßt sehen, ihren Aufenthalt möglichst in Städten zu nehmen; dennoch ist das Resultat der Vergleichung ein überraschendes. Denn während die Zahl der Inden in den Städten durch-, schnittlich 2,59 Prozent der Einwohnerschaft beträgt, beläuft sie sich auf dem Lande nur aus 0,51 Prozent, wobei man bedenken muß, daß in der Liste der Städte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.