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Jeschurun · 1885-07-23 · Heft 30 (23.7.1885) · p. 477

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 30 (23.7.1885)
Article
Deutschland : Breslau [Nachricht]
Date
1885-07-23
Page
477 (sequence 2)
Language
German
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gerade jetzt sich nach langer Periode-des NicderrcißenS ein Geist deö AufbanenS zu regen begonnen hat, wozu wir des Raths und der Unterstützung tüchtiger Männer bedürfen. Möge dafür das Wirken des H.rrn Dr. Gottstein in dem ihm anvertranten Stinte ein recht segensreiches werden. Von einer feierlichen Einführung in dasselbe wurde einstweilen mit Rücksicht auf die המצרום j^-Zeit und die Abwesenheit mehrerer .VorstandSmitglieder Abstand genommen. Doch sott das Versäumte, wie wir hören, am שבת גוזמו nachgeholt werden. ' -0- Hamburg, 18. Juli. Der Judenhaß sucht nach irgend welchen Vorwänden, um seine eigentliche häßliche Gestalt den Angen der Welt möglichst zu entziehen. Im-Gründe genommen will er nichts anderes als die gänzliche Vernichtung der Inden; ein letzter Nest von Schamgefühl verhindert das offene Anssprechen; deshalb sucht man an allem, was die Inden thnn und lassen, zn mäkeln und darznthun, daß die Gegenwart der Juden das Unglück der Welt bedeute. Ein recht lehrreiches Beispiel bietet eine Korrespondenz unter der Chiffre 6-. und der Spitzmarke ״Zur Judenfrage", welche die heutige ״Neue Prenß. Ztg." über unsere gute Hanse- und freie Stadt zum Besten giebt. Es wird die Frage ausgeworfen, warum unter 453 869 Seelen, welche den Personenstand Hamburgs bilden, nicht weniger als 16 024 Juden---2,8 Prozent der Bevölkerung sich befinden? Antwort: ״wo cS etwas zu ״handeln" giebt, da allein ist der Jude so recht in seinem Element." Nun kann doch in der ersten deutschen Handelsstadt Handelsgcist nicht zum Vorwurf gereichen. Gewiß nicht. Die (^.-Korrespondenz will das auch gar nicht, sie hat die unschuldigste Miene von der Welt aufgesetzt. Es macht ihr nur Kummer, daß die Juden gerade die lukrativsten Geschäftszweige ausfindig zu machen wissen, um sich denselben zuzuwendcn. Der Beweis für die größere Rentabilität der von Juden vorzugsweise erwählten Branchen ist allerdings sehr überzeugender Art: ״Wechsel- und Diskontogeschafie müssen noch mehr abwerfen, denn von 92 derselben sind 53 jüdisch. Die Bankgeschäfte und den Geldwechsel haben die Juden förmlich monopolisirt u. s. w." Nun aber giebt es in Hamburg doch auch viele jüdische Aerztc, 64 unter 259, Rechtsanwälte 40 unter 106 — Medizin und Jurisprudenz gehören doch zu den gelehrten Fächern, und die Juden sollen doch absolut nur ״handeln". Ja, ״die Juden eignen sich solche ErwcrbSzweige an, welche bei geringer Arbeit einen hundertfältigen Lohn abwerfcn." Ich bin kein Arzt und kein Advokat, aber ich glaube nicht, daß die Herren Doktoren der Mcdizin und der Rechtsgelahrheit ihren Stand so taxiren lassen wollen." Und nun gar schrecklich, die Korrespondenz ״darf nicht verschweigen, daß der auch der Direktor des Stadttheaters, ein Jude ist!" — Ja, was sott diese ganze statistische Auseinandersetzung? O, nichts besonderes, etwas recht Harmloses; eine kleine Ermunterung an den ״Hambnrgcr Bürger, der so oft seine alte Freiheit rühmt änd dabei vergißt, daß er in eine tiefe Knechtschaft gcrathen ist!" Nun ist aber der ״Hamburger Bürger" im Allgemeinen viel zu gescheit, um auf den antisemitischen Leim zu gehen. — Herr Dr. Gefskcn erklärt in dem ״Hamb. Corr.", daß er der Erklärung für Herrn Stöcker nicht beitrcten könne. Die längere Erklärung des Herrn Gefskcn schließt folgendermaßen: ״Ich kann auch nicht zugcben, daß Stöcker aus den Verhandlungen unversehrt hervorgegangen ist, ich bin selbstverständlich überzeugt, daß Stöcker nur aus lauteren Motiven gehandelt hat, aber als Jurist kann ich nicht umhin, dem Ausspruch deS Landrichters Dr. Kronnccker beizutretcn, ״daß der Verklagte fahrlässig und leichtsinnig mit der Wahrheit umgcgangcn ist." DaS sind die Gründe, aus denen ich der besagten Erklärung nicht beitreten konnte und glaube doch gut konservativ zn sein. I)!׳. Geffken." Oesterreich-Ungarn. 8. P. Aus Ungarn, im Juli. Wir leben in einer Zeit der Kontraste. Während in Jbranyi (Szabolcser Koinitat) am Sarge eines jüdischen Bürgers. - die gesammte Bevölkerung trauert, der evangelische Seelsorger einen warm empfundenen Nachruf hält, lesen wir Lizitationsplakate der Gemeinde Pollendorf (Oedenburger Komitat), wonach Israeliten von der Lizitation der Gemeinde-Regalien ausgeschlossen sind. Während drüben in Translcithanien die Drachenfaat des Antisemitismus in Aehrcn schießt, durchweht unser verschrieenes Ungarn ein ernüchternder Hauch, werden die bei jedem Abonnementövicrtel auftauchenden Blutmärchcn von der ganzen Bewohnerschaft todtgeschwiegen, geht die antisemitische Partei deS Abgeordnetenhauses in die Brüche. Jstoczy selbst bekennt in seinem jüngsten Hefte den Niedergang des Anti׳ semitiSmuS und der antisemitischen Presse in Ungarn, das Schisma in seiner Partei und räth die Bildung zweier antisemitischer Parteien an. Er beklagt weiter, daß sich keine uennenSwerthen Persönlichkeiten zu antisemitischen Kandidaten hergcben. — Wir hegen keineswegS den eitlen Gedanken, als wäre es mit dem hierländischen Antisemitismus aus, sehen wir doch z. B. den famosen Vizenotär Vary durch Minister PaulerS Gnaden avancircn, wir haben noch die יכה*? in ihrem traurigsten Inhalte anzustimmen. Wir hoffen aber mit Gottes Hülfe den ש 'גוזמו in fröhlicherer Stimmung als in den vorhergehenden Jahren feiern zu können. — Herr Joachim Schreiber, Oberrabbiner der

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