Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1885)
- Article
- Israels Trost und Hoffnung
- Date
- 1885-07-23
- Page
- 470 (sequence 2)
- Language
- German
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470 Israels Trost und Hoffnung Hört, cS ruft: Macht durch die Wüste Gott die stein'gen Pfade frei! Einst von Zions Bergeshöhen Scheucht' uns strenge Richterhand, Und wir schweiften durch die Schluchten, Irrten durch ein fels'gcs Land. Feinden ward mein Schn'.uck zur Beute, Ja, sie raubten mein Gewand, Mich verfolgten ihre Schaaren, Ihre Pfeile unverwandt. Doch die Flamme, sie verzehrte Meines Stolzes Raserei, Und cs rief: Macht durch die Wüste Gott die stein'gen Pfade frei! ' In die Wüste floh die Arnte, Die so weichlich sonst gewöhnt, Trat den Fuß sich wund, lein Teppich Jenen Wüstenweg verschönt; Keine Quelle, nur die Thräne, Daß das Elend sie verhöhnt, Die den Felsen selbst erweichet, Daß er sich mit Pflanzen krönt. Sie, die einst den Herrn verkannten, Führt' er in die Wüstenei, Und er rief: Macht durch die Wüste Gott die stein'gen Pfade frei! ״Stärke mich, daß ich als Aussaat Streu' umher dein heil'geS Wort! Nah, o Frühling! In der Oede Reg' sich's hier und keim' es dort! Ernte selbst, o Herr, es sprieße In den Höh'n, den Tiefen fort, Vis dcS Baumes Frucht den Wand'rer Letzet selbst am wüsten Ort. Jubelt dann in heil'ger Freude, Daß das Wort erfüllet sei, Jenes Wort: Macht durch die Wüste Gott die stein'gen Pfade frei! Von den Höhen fließt die Lehre Dann in's dnnke Thal hinein; Dann verdorret, dann erstarret Keine Pflanze, noch so klein! Nicht verachtet mehr die Thaler Das erhabne Felögestein, Und das Heiligt hum wird nimmer Nied'rer Herrschucht Kampfplatz sein. . Daß Ihr Euch aus Trümmern hebet, Aus der grausen Wüstenei — Rastet nicht! Macht durch die Wüste Gott die stein'gen Pfade frei! Ludwig A. Roseuthal, Rabbiner zu Köthen. Hieb Mansche. Ein jüdisches Charakterbild von Samuel Berthold RoSner. (Nachdruck verboten- Uebcrsetzungsrccht Vorbehalten. (Fortsetzung.) Er vollendete den Satz nicht, sondern senkte nachdeutlich den Kopf ein wenig und sein heiterer Blick nahm einen sich vertiefenden Ausdruck an. Ueber das ganze Gesicht flog der Schatten tief ernsten Sinnens. Ich stutzte — und mir fiel'S wie Schuppen von den Augen. ״Also?" — fragte er nach einigen Sekunden wieder, den Kopf erhebend. Ich war dem Greise dankbar dafür, daß er mich durch seine Anrede aus meinem ungemüthlichen Zustände befreit hatte, und ich glaubte ihm meine Dankbarfeit nicht bester beweisen zu können, als indem ich die an mich gerichtete ehrenvolle Aufforderung entschieden ablehnte. Nachdem dies geschehen war, fuhr Reb Mansche in seiner herzlich gewinnenden Weise fort: ״Wie es den Anschein hat, Kinder, bleibt Euch für heute wieder nichts Anderes übrig, als mit der gewohnten frugalen Kost fürlieb zu nehmen. Doch sorget nicht, es wird schon auch einmal eine Abwechslung kommen — wir werden ihn mit der Zeit schon mürbe machen." Reb Mansche öffnete setzt ein Buch, eS war die unvergleichliche Glaubensethik des Bechaji ״Chowath Halwawoth". AuS diesem tiefen Werke begann der alte Mann vorzutragen in einem schlichten, warm zum Herzen dringenden Tone, welcher frei von jeder kathederhasten Gespreiztheit und von jedem gelehrten Bombast war. Dabei entfaltete er aber mit bescheidener Naturlichkeit eine hinreißende, mächtig auf Geist und Gemüth wirkende Eloquenz. Der Philosoph, dessen Werk er vortrug, hätte sich selbst keinen gcnialern Interpreten wünschen können. Von den einfachsten Sätzen erschloß er nnS die weitreichendsten Perspektiven in die mannigfachen Gebiete des Wissens und der Moral. Ob die weitgehenden Interpretationen des Vortragenden auch wirklich in den Worten des Philosophen lagen und auf dieselben znrückgeführt werden konnten? — Was lag uns daran? Genug, die tiefsinnigen Ausführungen verfolgten immer ein ideales Ziel, und ihre innere Wahrheit war eine bezwingende — was lag uns daran, ob die enthaltenen Ideen einige hundert Jahre älter oder jünger waren? Nach dem philosophischen Vortrage