Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1885)
- Article
- Rumänien : Botoschan [Nachricht]
- Date
- 1885-07-16
- Page
- 463 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933130--19260-2961813- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
468 ein Judcnweib schlecht und recht und plagt sich als arme Witwe, Ernährerin von fünf Kindern, jahraus jahrein im Schweiße ihres Angesichts. Die Frau ist tüchtig und brav, sagten die Nachbarn, und lebten mit ihr in Frieden und Eintracht. Darob aber ärgerte sich der Herr des Orts, der königliche Untcrpräsckt, gar sehr und mit gutem Recht — wozu sollte es dem Indenweib leidlich ergehen in einem rumänischen Dorfe? Da sandte er hin und ließ die jüdische Frau vor sein Angesicht bringen. ״Wie darfst du, elendes Judenweib, es wagen, hier bei uns zu wohnen, wir dulden keine Inden hier. Was treibst du bei uns?" — ״Ach, Herr," entgegnete das Weib, ״ich gehöre doch hierher, ich handle nicht, ich bettle nicht; ich habe auch einen braven, starken Sohn, der Stolz und die Freude meines Herzens, der trägt jetzt des Königs Rock, ist gar ein feiner stattlicher Soldat in der Stadt. Darum glaube ich, sollte man die Mutter eines solchen und dessen Geschwister ruhig hier weiter dulden. Ich habe einiges Land gepachtet und bearbeite solches, und wenn Gott Regen und Sonnenschein zur rechten Zeit sendet, dann habe ich mein Brod." Da lachte der gestrenge Herr in grimmem Sinne, und er sprach mit arglistigem Herzen: ״Nun wohl, so bleibe hier und bestelle dein Feld — geh hin in Frieden." Da schritt dann das Iudenweib erleichterten Gemüths ihres Wegs, und sie arbeitete rüstig nnb fleißig mit ihren Kindern auf dem Felde und segnete den guten Herrn Untcrpräfektcn, der ihr Gnade erwiesen. Als die Arbeit aber beendigt war und die Frucht auf dem Felde zu reifen begann, da schickte der Herr Unterprafekt wiedrrmn zu dem Weibe und sprach: ״Jetzt ist aber deine Zeit hier um. Nimm deine Kinder und deine Habseligketten und verlasse den Ort!" ״Aber. Herr," jammerte die Frau, ״was soll ich mit meinem Pachtfcld machen? Soll ich denn nicht ernten, was ich geballt?" ״Schweig," antwortete der Gestrenge, ״oder willst du, daß ich dich aus dem Orte hiuauspeitschen lassen soll?" Da zog denn die Frau mit ihren Kindern weinend auö dem Heimathorte; die Frucht ihres Fleißes aber sie! Fremden zu. — Daß nennt man heutzutage Recht, Weisheit, Menschenliebe! Türkei. Salouichr. Dem ״Phan der Bosphar" zufolge zählt die 129400 Bevölkerung dieser Stadt 60000 Juden.. Amerika. 6-. Newyork, Ende Juni. Vielleicht erinnert sich mancher Ihrer Leser noch des Herrn Dr. Samuel Hirsch, ehemals in Luxemburg; derselbe hat kürzlich seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert. Doch das wollte ich eigentlich nicht berichten, sondern eine Geschichte,, welche an dieser Geburtstagsfeier anknüpft. Samuel Hirsch ist nämlich Rabbiner der Reformgemeinde zu Philadelphia, welche zur Feier des Tages eine große Festlichkeit veraüstaltetc imb auch Vertreter und Rabbiner der nicht so reformirteu Gemeinden, die wir hier konservativ nennen, zu derselben eingcladcn hatte. In brüderlicher Gesinnung leisteten diese der Einladung Folge. Nun aber hat der Herr Samuel Hirsch einen des großen Vaters würdigen Sohn, welcher im Sinne und Geiste des Vaters als Rabbiner der Sinai-Gemeinde in Chicago wirkt, Di׳. Emil G. Hirsch heißt derselbe. Dieser hielt die Festrede, in welcher er, wie ganz natürlich und in der Ordnung, die Wirksamkeit seines Vaters, des Inbitars, schilderte und ihn den Moses unserer Zeit nannte. Er legte dessen Programm dar, wie es in Schrist, Wort, und That von dem Jubilar auSgefuhrt und vertreten worden ist. Das ist nun natürlich nichts anders als dasjenige der ausschweifendsten Reform; z. B. daß der Sabbath sehr wohl dem Sonntag als Feiertag Platz machen könne, da er nur eine Form sei, wie überhaupt nur die Idee das Bleibende, die Form aber wechselnd sei u. s. w. Indem er dergestalt die Reform seines Vaters und diesen selbst pries, setzte er die konservative oder orthodoxe Anschauung in ein ungünstiges Licht und griff auch die Vertreter derselben eben nicht mit Handschuhen an. Darüber ist mm ein heftiger Lärm entstanden. Man sagt, es sei nicht fein und taktvoll vom Sohne, die dem Vater zu Ehren gekommenen Gäste zu verletzen. Di׳. Emil Hirsch hat in seiner Erwiderung aber vollständig Recht, wenn er sagt: wenn die Herren wirklich konservativ, oder orthodox wären, wozu seien sie denn in einen Reformtempel zur Feier eines NeformprcdigerS gekommen? Sie hätten ja Dr. Samuel Hirsch's, des Reformers, Wirken nicht nur nicht zu feiern, sondern als ein Unglück und eine Sünde zu betrachten. Henchekei war ihre Theilnahme an der von einer Reformgemeinde begangenen Jubelfeier ihres Reformrabbmers, wenn sic wirklich konservativen Prinzipien huldigten. Ihre Gegenwart daselbst bezeugt aber das Gegentheil, und sie hatten gar kein Recht deshalb sich zu beschweren u. s. w. Dr. Emil Hirsch ist hier durchaus im Liechte. Unser Leiden ist, daß die ReverendS alle fein kollegialisch und brüderlich zu einander stehen wollen, unbeschadet ob der Eilte sich als ein הטה ומחטיא bewährt und der Aridere sich ״Orthodox" nennen läßt. Diese Gesinnungslosigkeit Lhut uns weh und läßt nichts Gutes aufkommeu. Palästina. * In Liberias ist in der Nähe des JeremiasgrabeS ein Platz gekauft worden, auf welchem ein jüdisches Krankenhaus mit warmen Bädern erbaut werden soll. ׳ -