Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1885)
- Article
- Österreich-Ungarn : Preßburg [Nachricht]
- Date
- 1885-07-16
- Page
- 461 (sequence 1)
- Language
- German
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461 Oesterreich-Ungarn. -L- Prestburg, 14. Juli. Der antisemitische ״Ncforinvcrcin" aus Wien stattete mit großem Pomp seinen hiesigen Gesinnungsgenossen einen Besuch ab. Großer Jubel herrschte darüber in bestimmten hiesigen Kreisen. Die Polizlü war jedoch auf dem Platze und verhinderte den Ansbruch von wahrscheinlich geplanten Ausschreitungen gegen die Juden. * Krakau, 6. Juli. Eine an sich einfache Straf- Verhandlung, die hier vor einem Vier-Nichter-Kollegium stattgefundcn, erhält dadurch eine besondere Bedeutung, weil sie mit dem noch immer zu keinem Abschlüsse gelangten verhängnißvollen Prozesse ,,Ritter" in Vcrbindung steht. Dieser Prozeß, in welchem es sich bekanntlich um den angeblichen Mord au dem Bauern- Mädchen Franziska Mnich in Lutcza handelt, wird demnächst, nach zweimaliger Kassirung des Schuldnrthcilcs durch den Obersten Gerichtshof, wahrscheinlich zum dritten male durchgcsührt werden. Es dürfte nun aus der im Oktober vorigen JahrcS stattgehabtcn Schwurgerichts-Verhandlung in dieser Affaire noch ein Intermezzo in Erinnerung sein, welches zwei Entlastungs׳ zeugen, die Bäuerin Franziska Tclcszowa und den Chiel Ncumann, betraf. Das erwähnte Bauernweib deponirte zu Gunsten des angeklagten Ehepaares Ritter, indem eS, von anderen entlastenden Angaben abgesehen, aussagte, daß cs nie von einem Liebesverhältnisse zwischen Ritter und der angeblich ermordeten Mnich gehört habe. Der damals fungircnde Staatsanwalt unterzog die Zeugin einem Kreuzfeuer von Fragen und, nachdem dieselbe mit Entschiedenheit dabei beharrt hatte, daß sie die reine Wahrheit aussage, stellte er dem Gerichts- Hof den Antrag, gegen die Teleszowa die strafgcrichtliche Untersuchung wegen Ablegung falscher Zeugcnschast cinzuleitcn, weil sie dessen, was sie in Krakau anssagte, in der früheren Verhandlung in Rzeszow nicht erwähnt hatte. Der Gerichtshof gab dem staatSanwaltlichen Anträge, trotz der lebhaften Einwendungen der Vertheidiger Dr. Machalski und Dr. Nosenblatt, Folge und ordnete die sofortige Verhaftung der Franziska Teleszowa an. Ein gleiches LorS — mit Ausnahmet der Verhaftung — widerfuhr dem Entlastungszeugen Ehiel Neumann. Franziska Teleszowa wurde zwar nachher aus der Haft entlassen, cS wurde jedoch sowohl gegen sie als gegen Chiel Neumann die Untersuchung durchgeführt, in Folge dessen heute gegen sie die Schlnßver- Handlung wegen Betruges durch falsche Aussage vor einem hiesigen Richterscnate stattfand. Franziska Teleszowa, die zur Verhandlung nicht erschien, wurde in eontumaeiam zu neun Monaten Kerkers verurtheilt, während die Verhandlung gegen Nenmann behufs Vorladung von drei Zeugen vertagt wurde. Dieser Fall ist sehr wichtig für die eventuelle dritte Verhandlung des Prozesse- Ritter, da durch die Verurtheilung der Zeugin TclcSzowa eine wichtige EntlastungSzcugin bei der erwähnten Wiederholung des Gerichtsverfahrens wegsällt und cS auch fraglich ist, ob Chiel Neumann, wenn seine Vcr- Handlung inzwischen nicht stattsindet, im nächsten Prozeß Ritter als Zeuge einvcrnommen werden wird. Budapest, 10. Juli. Der ״Presse" wird geschrieben: Die Gerüchte über angebliche rituelle Morde kommen nun bereits von verschiedenen Seiten. Heute traf ein Telegramm folgenden Inhalts ans Klausenbürg hier ein: ״Gestern verschwand die fünfjährige Tochter der Frau Gergely und konnte trotz angestreng-' ten Suchcns nicht gefunden werden. Das Kind war im Keller des jüdischen Einwohners Klein eingeschlasen und am Abend wieder zu seinen Eltern heimgekehrt. Die Mutter des Kindes verbreitete nun in allen Gassen, der Jude Klein habe das Mädchen ermorden wollen, um für Sonnabend Blut zu haben. Es fand ein großer Menschen-Auflauf statt, und Klein wurde auf das Stadthaus geführt, jedoch wieder entlassen, weil seine Unschuld klar zu Tage lag. Die versammelte Menge nahm jedoch eine drohende Haltung ein und führte die Gergely im Triumph nach Hause. Es hieß auch, es wären Geschäfte erbrochen worden, und es hätten Prügeleien stattgefunden׳, doch erwiesen sich diese Gerüchte als grundlos." ~ Zenrberg, 9. Juli, lieber den Brand in Horodenka ward das Folgende berichtet: Der Brand entstand auS bisher unbekannter Ursache am 2. d. um 1 Uhr Nachmittags in der inner« Stadt in einem Gasthause. Eine versengende Hitze und ein starker Sturmwind trugen dazu bei, daß das Feuer mit Blitzesschnelle sich verbreitete, so daß schon nach Verlauf weniger Minuten an eine Rettung nicht mehr gedacht werden konnte. Feucrfunken, brennende Holzstücke, Papiere, Fetzen re. flogen in der Luft, vom Winde mehrere Kilometer weit getragen. Das Weinen und das Jammergcschrci, welches von allen Seiten ertönte, spottet jeder Beschreibung. Erst nach vier Stunden, nachdem die Hälfte der Stadt bereits ein Raub der Flammen geworden, begann das Feuer nachzulassen. Der niedergebrannte Stadttheil war fast ausschließlich von sehr armen Juden und Häuslern bewohnt, die den Verlust ihrer ganzen Habe beklagen. Es bildete sich sofort ein HülfSkomitee, dessen erste Aufgabe die Stillung des Hungers der Uglücklichen war. Bis jetzt wurde nebst vielen Fällen schwerer oder leichterer Verwundungen konstatirt, daß elf Personen in den Flammen ihren Tod fanden; es ist jedoch zu befürchten, daß noch weitere Opfer aus dem Schutte zu Tage befördert werden, da man noch viele Kinder vermißt. Rasche und ausgiebige Hülse ist dringend notwendig, da HungerSnoth und