Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1885)
- Article
- Schweiz : Zürich [Nachricht]
- Date
- 1885-07-09
- Page
- 447 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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447 als Volksanwalt gegen alle Wucherer christlicher oder jüdischer Sorte und deren Helfershelfer zu dienen." Rußland. * Warschau, 2. Juli. Die Wochenschrift ״Hazofirab" berichtet, daß unter den 36 Studircnden der hiesigen Universität, welche ihr juristisches Examen bestanden, ungefähr 20 Juden find. England. §§ London, 3. Juli. Nicht nur in jüdischen Kreisen, sondern von der gcsammten Presse wird die Ernennung Sir Nathanael Rothschild zum Pair als ein Ereigniß betrachtet, da hierdurch thatsächlich der letzte Nest der bürgerlichen Ungleichheit, unter welchem die Juden Jahrhunderte lang gelitten, beseitigt ist. Der nunmehrige Lord of Rothschild ist der erste Jude, welcher in das Oberhaus eintritt, wie sein Vater der erste seiner Glaubensgenossen war, dem sich die Pforte des Unterhauses öffnete. Disraeli trat als getaufter Jude in das HauS der Lords. Amerika. G. Newyork, Juni. Der Inspektor des Landungsplatzes in Castle Garden, Herr Moore, hat bekannt genracht, daß man Bedacht nehmen werde, alle bedürftig anlangcnden russisch-polnischen Emigranten unverzüglich nach Europa zurück zu expediren. Er meint, Deutschland irre sich gewaltig, wenn es glaube, alle ihm unliebsamcn Elemente an Amerika abgeben zu können. Mit Recht erwidert hierauf in den öffentlichen Blättern der verdienstvolle Herr Judelsohn, daß diese Maßregel recht thöricht wäre, weil die von Herrn Moore bezeichnete Klasse von Einwanderern aus fleißigen und unternehmenden Leuten bestände. Er glaubt, die Kommissäre thäten besser, ihr Augenmerk auf viele aristokratisch auftretcnde Einwanderer zu richten, welche wegen Spitzbübcrcicn ihrem Vaterlande den Rücken gekehrt, nicht aber gegen arme Redliche, die der Noth und der Versolgung zu entrinnen streben. 6-. Newyork, 15. Juni. Es ist traurig und beschämend, aber leider in vielen Fällen nur zu wahr, daß in den Kreisen der ganzen und halben Reform, wie in Ihrer Zeitung die dem gesetzestreuen Judenthum entgcgenstehenden Parteien richtig gekennzeichnet werden, Heilung unserer inneren Schäden von zufälligen äußeren Einflüssen erhofft wird. So ist augenblicklich eine Bewegung im Gange, um die Schließung der Geschäfte nach englischem Vorbilde am Samstag Nachmittag zu betreiben, damit die Sonntagsheiligung vor Eintritt des Sonntags vollständig vorbereitet werden könne. Wer sieht nicht, daß hier von christlicher Seite etwas angestrebi wird, was durch die alte jüdische Praxis angeregt worden ist. In sogenannten konservativen jüdischen Kreisen begrüßt man diese Bewegung mit großer Freude und plaidirt in Folge derselben für Einrichtung feierlicher Sabbath- Nachmittag-Gottesdienste. Man freut sich in kindischer Weise, auf diese Art den ״halben Sabbath" gerettet zu sehen, und hofft sanguinisch, daß dadurch mit der Zeit auch der Sabbath- Vormittag zu Ehren und Geltung wieder gelangen könnte. Thörichte Hoffnung, welche sich an einen Strohhalm klammert! Habet doch den Muth, ernst und kräftig der Wahrheit die Ehre zu geben und predigt und lehrt und begeistert das Volk für die Heiligung des Sabbaths, wie Gott eS geboten. Alles Andere ist eitel Humbug! Afrika. * Algier, 30. Juni. Ueber die Ausschrcitungen gegen Juden liegen nun folgende Mitthcilungen vor: In einem Kaffee-Konzert wurde eine Operette gegeben, worin über die Juden gespottet wurde. Das jüdische Konsistorium erhob deöhab Beschwerde, und die Be- Behörde untersagte das Stück Letzten Mittwoch zog nun in Folge dieses Verbots eine Bande von zweihundert Jnngcn, die meistens nicht älter als fünfzehn Jahre waren, allein von mehreren erwachsenen Personen angeführt wurden, aus den Regierungsplatz und schrie: ״Nieder mit den Juden! Tod den Juden!" Die Polizei verhaftete drei Burschen, deren ältester sechzehn Jahre alt war. Die Bande zerstreute sich, sammelte sich aber an einer anderen Stelle wieder an und wollte die Magazine erbrechen, worauf die Polizei neuerdings fünf Personen, die Widerstand zu leisten suchten, verhastete. Am 25. Abends wiederholten sich diese Szenen und wurden abermals Verhaftungen vorgenommen. Am 26. Juni fanden wieder Ruhestörungen statt. An verschiedenen Punkten wehrten sich die Juden und zwangen die Ruhestörer, sich zurückzuziehen. Von den Verhafteten sind 25 sofort verurtheilt worden. Der ״Temps" fügt hinzu: Alle Journale von Algier, welcher Richtung immer sie angehören, mißbilligen diese Manifestationen und begehren von den Behörden Maßregeln, um eine Wiederholung derselben zu verhindern. — ES wird ferner berichtet: Die antisemitischen Manifestationen in Algier dauern fort; die Negierung hat aber energische Maßregeln angeordnet, um dem Unwesen ein Ende zu machen.