Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-07-09 · Heft 28 (9.7.1885) · p. 446

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 28 (9.7.1885)
Article
Österreich-Ungarn : vom Szinyvathal [Nachricht]
Date
1885-07-09
Page
446 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933129--19199-2961736
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

446 falls trägt eine gewisse Zeitung viel zur Aufregung Lei, deren nicht genug zu v-rurt heilen de sträfliche Verdrehungen höchst aufreizend wirken." Lemberg, 5. Juli. In dem etwa 12 000 Einwohner zählenden Orte Horodenka brach am 2. Juli ein entsetzlich verheerendes Feuer aus. Der Bürger- Meister telegraphirte darüber an die ״N. Fr. Pr." in Wien unterm 3. d. MtS.: ״Der fürchterliche Grand, der gestern hier ausbrach, vernichtete mehr als sechshundert Häuser. Fünftausend Menschen, meistcntheilS arme Israeliten uns Häusler, sind obdachlos, brodlos und ohne Hülfe. Der Brand, der von einem heftigen Sturme aügcfacht wurde, gestattete den Bedrohten kaum, das nackte Leben zu retten. Zwei Menschen sind vcrbräunt, mehrere Kinder werden vermißt. Schnelle Hülfe ist unbedingt nöthig. Ich bitte inständigst, in Ihrem geschätzten Blatte eine Kollekte zu eröffnen. Romaszkan, Neichsrathö-Abgeordneter und Bürgermeister von Horodenka." Der Kaiser spendete sofort dreitausend Gulden für die Abgebrannten. Inzwischen ist aber daselbst ein neuer Brand auSgebrochen. Holland. Rotterdam, 28. Juni. Gestern fand hier eine eigenartige, die Zuhörer tief ergreifende Feierlichkeit statt. Zwei jüdische Zöglinge des hiesigen TaubstummeninstitutS wurden nämlich ,בר מצוד und in der großen Synagoge zur Thora gerufen, wobei sie die ברבות in überraschender Weise laut und deutlich sprachen. Nachmittags wurde im Waisenhanse eine öffentliche Prüfung der beiden Knaben, sowie eines taubstummen Mädchens in Religion abgehaltcn, und die Resultate waren geradezu staunenerregend. Die unglücklichen Kleinen lasen ganz geläufig die ihnen aufgeschlagenen, Stellen, z. B. במה מדליקיז, also durchaus keine für sie gewöhnlichen Passagen, sie übersetzten verschiedene Gcbctstückc, sie wußten die jüdischen Monate korrekt herzujagen und kannten die in dieselben fallenden Feste, sowie deren Bedeutung u. s. w. Es war im hohen Grade erhebend, zu sehen, wie diesen Unglücklichen nicht.nur mechanische Fertigkeiten beigebracht, sondern auch ihr Denkverniögen entwickelt wird, und treffend nahm unser verehrter Oberrabbiner, Herr Dr. Ritter, dieses Moment zum Ausgangspunkt seiner Ansprache. Wahrend die neuere Wissenschaft, so begann der beliebte Redner, den Menschen so gern dem Thierreiche zutheilen will, scheiden jüdische Denker die Geschöpfe in הי und מדבר, und zwar fassen sie unter מדבר Sprechen und Denken, die zusammen daß Charakteristische des Menschen bilden; der Gedanke ohne Aeußerungsvermögen ist werthlos. Wußte man früher wenig, ob und in mi? weit bei Taubstummen ein Denkvermögen vor- Händen sei, jetzt, nachdem wir gesehen, wie sehr entwickelungsfähig dasselbe sei, könne man umsomehr begreifen, wie sehr sic die Sprache als Weg der Aeußerung ihrer Gedanken vermissen mußten, und hoher Dank gebührt daher Denjenigen, welche die beiden in dem Begriffe מדבר ausgcdrückten Zwillingsschwestern, Gedanke und Sprache, bei diesen Unglücklichen zusammengeführt haben. Der Ruhm, eine neue und geschätzte Methode hierfür gefunden zu haben, gebührt einem Juden, und cs sei sehr anzuerkennen, daß ihr Begründer, Herr Direktor Hirsch, der Leiter des hiesigen Instituts für Taubstumme aller Konfessionen, seinen Zöglingen auch den Rcligionsbegriff zuzuführen gewußt habe, daß die Kinder gelehrt würden, Gott in Seinem Walten als allliebenden Vater zu erkennen, mit dessen Schickungen man allzeit zufrieden sein müsse. Auch zwölf protestantische Kinder der Anstalt legen heute ihr Glanbensbekeuntniß ab, in einigen Tagen acht katholische. Wir sind stolz darauf, so schloß der gefeierte Redner, daß ein Jude solches geleistet, und wir wünschten, . daß die Bileams, welche auf der Lauer stehen, hierher ihr Auge wenden möchten, gleich Jenem müßten sie sprechen מברכיך בחך! — Herr Direktor Hirsch erläuterte hieraus sinnig, daß, wie der Gärtner gerade dem zurückgebliebenen Baume seine besondere Sorgfalt zuwende, wir, wenn wir diese unglücklichen Menschenkinder sehen, nicht gegen die Vorsehung murren, vielmehr die uns gebotene Gelegenheit ergreifen sollten, ihnen unsere Theitnahme und Hülfe zu bethätigen; erst durch den Armen finden wir Gelegenheit zum Wohlthun. Er wies darauf hin, daß in der Anstalt der religiösen Entwickelung alle Sorgfalt . gewidmet werde, um, wie unser Herr Oberrabbincr bereits hervorgehoben, durch den Gedanken an Gott die Kinder mit ihrem Geschicke auszusöhnen. — Die ganze Feierlichkeit gestaltete sich in der That zu einem קידוש השם. Wahrlich, Herr Direktor Hirsch hat alle Ursache mit Freude und Gcnngthuung auf die Erfolge seiner Thätigkeit zu schauen. Schweiz. Zürich,2.Juli. DerNatlonalrathSchleuchzer erläßt in seiner Wochenschrift die folgende Aufforderung: ״Wir bitten jeden ehrlichen Mann, der von einem Wucher Handel Kenntniß erhält, uns davon Mitthcilung zu machen; wir werden je nach den Umständen die Klage bei dem betreffenden Statthalteramt auf unsere Kosten und Gefahr besorgen. Wir wollen das Wuchcrgesetz nicht unffonst gemacht haben, sondern werden uns eine Ehre und eine Freude daraus machen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.