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Jeschurun · 1885-07-09 · Heft 28 (9.7.1885) · p. 445

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 28 (9.7.1885)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1885-07-09
Page
445 (sequence 2)
Language
German
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445 Professor Rohling, wurde heute wegen Urkundenfälschung zu einer zweimonatlichen Kerkcrstrafc und Landes- Verweisung verurtheilt. t. Vom Szinyvathal, 6. Juli. In der vorigen Nummer hat Ihr (^.-Korrespondent aus Prcßburg mitgethcilt, was das Hetzblatt ״Westungarischc Grenzbote" über einen neuen Tisza-Eszlar-Fall schreibt. Derselbe meinte, eS sei an der ganzen Sache kein wahres Wort. Dem ist nun freilich nicht also. Durch das Gericht ist Folgendes konstatirt worden: Am 30. Mai d. I. ward die kleine drittehalb Jahre alte Juliana, Tochter des Bauern Josef Barga in Sago- Vamos vermißt. Der Staatsanwalt zü Miskolc; berichtet hierüber des Weitern an seine Vorgesetzte Be- Hörde. ״Am 9. Juni fanden einige Bauern auf der in der Nähe des Dorfes befindlichen Heuwiese zwischen den Heuschobern drei Stücke eines menschlichen Schädels, ein Bündel Haare und einige zerfetzte Kleidungsstücke. Die Ettern der verlorenen Juliana erkannten in den letzteren die Kleider ihres Kindes, die Schädelstücke wurden von dem BczirkSarzte als die eines zwei- bis dreijährigen Kindes konstatirt, und cs konnte als positiv angenommen werden, daß die gefundenen Leicheuübcrreste die der verschwundenen Juliana Varga seien. Die politische Behörde machte dann pflichtgemäß die Anzeige, worauf die Untersuchung an Ort und Stelle eiugeleitct wurde. Nun kann eS nicht geleugnet werden, daß man sich im Dorfe über das Verschwinden des KindcS allerlei erzählte, unter Anderem auch, daß das Kind von dem in der- Nähe des Ortes wohnenden Sennyecr jüdischen Wirthe geschlachtet worden sei, besonders seitdem der fünfjährige Knabe des Wirthes einem vierzehnjährigen christlichen Burschen gesagt haben soll: ״Mein Vater hat die Juliana geschlachtet, ihr Blut in einer Flasche aufbcwahrt und den Körper auf die Wiese (darunter verstand er die herrschaftliche Wiese) getragen". Dies soll der fünfjährige Judenknabe dem 14 jährigen Christenburschen noch vor der Anffindung der erwähnten Leichentheilc gesagt haben, und dieser letztere besteht auch heute aus dieser Behauptung. Nichtsdestowenigcr konnte ich mit der Untersuchung nicht in die Richtung dcS ״rituellen Mordes״ einlenken; solches darf nicht geglaubt werden, und mit einer Juden- Verfolgung wollte ich die Untersuchung auch nicht einleiten; ich hielt eS also für meine Pflicht, an der Hand des vorhandenen Materials in erster Reihe zu erforschen, wie das Kind auf die Hcuwiese gelangt ist, und was aus den nicht aufgcfundenen Theilen der Leiche geworden ist. Die bisher gesammelten Daten der Untersuchung Zeugen am ehesten dafür, daß sich die Sache wie folgt zugetragen habe: Das Kind wollte zu seiner Mutter auf das Feld gehen, verirrte sich aber auf die in der unmittelbaren Nähe des Hauses befindliche Hcuwiese, in der es mehrere sumpfige Stellen giebt, dir mit Rohr bewachsen sind. Damals, Ende Mai, gab eS da sumpfige Stellen, an denen der wässerige Morast bis auf einen halben Meter tief war. Das Kind versank in den Sumpf, konnte sich nicht mehr erheben und fand dort seinen Tod. Vier Tage später wurde die Wiese abgemäht, aber nicht die sumpfigen Stellen, wo das Rohr noch heute unberührt steht; so kam eS, daß die Leiche des Kindes damals nicht aufgefunden wurde. Als diese aber stark in Verwcsuug überzugehen ansing und einen starken Geruch verbreitete, wurden die zahlreich herumirrcnden Hunde angelockt. Diese zerrten die Leiche ans dem Sumpfe, auf den Bäumen in der Nähe der Wiese nisten und flattern die Naben zu Tausenden; mit diesen zusammen haben die Hunde die Leiche verzehrt. Für diese Annähme sprechen gar viele Thatsachen, von denen ich hier die wichtigsten hervorhebe: 1) An einer Stelle, wo das Heu schon abgemäht ist, ist die Wiese zcrstampft und mit Schmutz und Blut bedeckt. Hier haben die Hunde die Leiche zerrissen. 2) Zeugen geben an, daß sie einen Hund, der von der Gegend der Wiese gekommen ist, einen großen Gegenstand tragen gesehen haben. Sie glaubten, es wäre ein Hase, den der Hund trägt, und wollten demselben die Beute entreißen; als sic aber in die Nähe des HundcS kamen, verspürten sie einen schrecklichen Leichengeruch und bemerkten auch, daß von dem Gegenstände bandartige lange Stücke hcruntergegangen sind; dem Hunde entreißen konnten sie eS aber nicht. Was der Hund getragen hat, war wahrscheinlich der Rumpf der kleinen Leiche, von dem die Eingeweide hinausgcgangen' sind. In derselben Gegend wurde denn auch ein Stück menschlichen Eingcweides aufgefunden. 3) Sind die Aermel des aufgefundenen Kindcrröckchcs, die bis zu den Fingern reichten, augenscheinlich von den Zähnen der Hunde zernagt, und 4) sind die aufgcfundenen Kleider an der Vorderseite stark mit Morast bedeckt, was dafür zeugt, daß das Kind nach vorne in den Sumpf gefallen ist. Es ist aber auch möglich, daß das Kind überfahren wurde, und daß der Schuldige dann den tobten Körper auf die Wiese geschafft hat. Es ist auch noch etwas anderes möglich. Jedenfalls aber ist es außerordentlich schwer, zu bestimmen, ob das Kind lebendig oder todt auf die Wiese gelangt ist, nachdem von der Leiche nur winzige Theile und die zerfetzten Kleider ausgefunden wurden. Sollte es sich im Laufe der Untersuchung Herausstellen, daß zwischen dem Verschwinden dcS KindcS und dem Sennyeer jüdischen Wirth irgend welcher Zusammeuhang besteht, so werde ich diesen verhören, denn es ist nothwendig, daß das Volk über nichts im Unklaren bleibe. Das Volk ist ruhig und glaubt auch nicht, daß hier ein ritueller Mord vorliege; jeden-

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