Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1885-07-09 · Heft 28 (9.7.1885) · p. 444

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 28 (9.7.1885)
Article
Deutschland : Würzburg [Nachricht]
Date
1885-07-09
Page
444 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933101-2933129--19185-2961734
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

444 sich das Grab über demselben geschlossen, als bekannt wurde, daß der vermeintliche Katholik in Wirklichkeit ein Jude gewesen. Das Nabbinat dahier vcranlaßte die Exhumirung und Beisetzung der Leiche auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe. Polizeiliche Recherchen nach der Identität des Verstorbenen ergaben jetzt aber, daß derselbe in Fürth die Taufe empfangen und zur protestantischen Kirche übcrgctretcn war." Nach genauer Information können wir bestimmt behaupten, daß Michael Blazek, so hieß der Erhängte, nie getauft war. Nichtig ist, daß derselbe sich längere Zeit in Fürth aufhielt, von wo aus man auch genau über ihn unterrichtet wurde. Es soll noch erwähnt werden, daß dkr Bruder dcS Verstorbenen, welcher in Wien lebt, dem hiesigen Rabbiner bcsondern Dank aussprach, daß er veranlaßt habe, den Verstorbenen auf einen jüdischen Friedhofe zu begraben. -m- Marktdreit, 2. Juli. Am vorigen Sarnstag, 27. Juni, wurde die hiesige neuerbaute Synagoge ihrer Bestimmung übergeben. Unser Distriktsrabbiner, Herr Adler von Kitzingen, hielt die Festrede. Der Bau ist im byzantinischen Stile gehalten und seiner Bestintmung in hohem Maße würdig. Es hat großer Opfer bedurft zur Herstellung des Prachtbaues; umsomehr verdient die Opfcrwilligkeit der Gemeindenlitglicder die höchste Anerkennung. n. Leipzig, 6. Juli. Auch die offiziöse ״Leipziger Zeitung" hat sich den Organen beigcscllt, welche das nun einmal nicht aus der Welt zu schaffende, Herrn Stöcker ungünstige Urtheil des Berliner Landgerichts gleichsam als ein von den Juden verübtes Attentat auf den Herrn Hof- und Domprediger hinstellcn wollen. Dagegen macht eine kleine Broschüre ״Herr Stöcker und sein Prozeß", welche soeben in vierter Auflage von Arnold Pcrls erschienen ist, großes Aussehen. In derjclacn wird dieser ganze für Stöcker unliebsame Prozeß nicht nur, sondern dessen agitatorische Thätigkeit über- Haupt, in das gehörige Licht gesetzt. Die antisemitische Bewegung, in welcher Herr Stöcker eine so hervorragende Rolle spielt, so wird nachgcwicsen, beruht auf der großen Unwahrheit, daß für allen Niedergang im Reiche die Inden verantwortlich seien. Die Judenhetze wurde als Allheilmittel gegen die Schäden der Zeit aufgetischt. Der Antisentitismnö entbehrt der sittlichen Grundlage, der sittlichen Berechtigung, der sittlichen Mittel. ״Es geht nicht an, den Haß, nicht gegen daö Hasscnswerthc und überführte Misscthäter, sondern gegen eine bcfttmmfs Kategorie von Staatsbürgern schlechthin zu einem Gesetz der staatlichen Wohlfahrt erheben zu wollen und gleichzeitig zur Erreichung dieser Absicht gute, saubere Mittel anzuwenden." Der Lerfasier meint, daß ״das deutsche Bolk alle Veranlassung habe, dankbor des Gewitters zu gedenken, daß am 16. Juni 1885 (dem Tage der Urtheilsverkündigung in Sachen Stöcker gegen Bäcker) die Luft reinigte." Wir sind jedoch nicht der Ansicht, als ob diese Luftrciuigung stattgefundcn habe. Herr Stöcker ist nicht von der öffentlichen Schaubühne abgetreten und tritt auch nicht ab; der Antisemitisutus wird in seiner Agitatinn sich nicht gehemmt fühlen. i. Frankfurt a. M., 2. Juli. Ein sanfter Tod endete das langwierige Leiden des in hohem Ansehen stehenden Herrn Nabbinatsassessor Seckel Bamberg er נ׳ע׳, welcher auch an der Schule der Neligionsgesettschaft eine segensreiche Wirksanikeit entfaltete. Der tief beklagte Dahiugcschiedene erreichte nur ein Alter von 47 Jahren. Er war ein Sohn des verewigten Würzburger Distriktsrabbiners ג׳ע׳ und Schwiegersohn des Kolmarer KonsistorialrabbinerS Klein )-'2. .ת׳ג׳צ׳ב׳ה׳ Oesterreich-Ungarn. L. Wien, 5. Juli. Wie die leider nicht allzu selten austretende lächerliche Manie, daß Juden sich der ihre Abstammung verrathenden Namen schämen, im nichtjüdischcn Kreise nicht ohne Grund gegeißelt wird, bezeugt eine Notiz in dem ״Fremdcublatt" unter der Spitzmarke: ״Der letzte Kohn": ״Wir gehen zu Grunde, unser Name verschwindet von der Bildfläche des öffentlichen Lebens!" rief vor einigen Tagen der Kaufmann Kohn in Gran. Eben legte er die letzte Nummer des Amtsblattes aus der Hand, in welcher zu lesen stand, daß der Grauer Insasse Pinkas Kohn sowohl seinen Namen, als auch den seines Sohnes Attila mit Zustimmnng des Ministeriums des Innern in ״Kamb" umgcändert hatte. Es schmerzte Herrn Kohn sehr, daß der schöne Name Kohn von Allen so schmählich verlassen wird. Besonders wehe that es ihm, daß gar so ez-zcnirische Verwandlungen mit dem Namen vorgenommen werden: Kelen, Kende, Korocha, Kemeny, Kont, Kormus, Kun, Kunos, Knnosi, Kolompos, Kohntar und noch einige Komlos, Korougi, Kondor, Karulyi. Herr Kohn war untröstlich. Er konnte doch nicht der einzige und alleinige Kohn in Gran bleiben, zun! Spotte der Stadt. Herr Kohn, der letzte der Kohnö aus Gran, kaufte sich also einen Fünfzig-Kreuzer- Stempel und reichte sein Gesuch ein um Aenderung seines Namens in ״Kohnaß". 6. Wien, 7. Juli. Dr. JustuS, rectius Aaron Isidor Sin Israel August Briman, 27 Jahre alt, als Jude zu Dolina in Rumänien geboren, verheirathet nach jüdischem Ritus, als solcher Vater zweier Kinder, zu Berlin protestantisch und zu Heiligenstadt katholisch getauft, Verfasser des ״Judenspicgel", Lehrer des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.