Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1885)
- Article
- Deutschland : Hannover [Nachricht]
- Date
- 1885-07-09
- Page
- 443 (sequence 2)
- Language
- German
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443 273 jüdische Knaben und zwar in bcn Gymnasien 96, in den Realgymnasien 75 und 102 in den höhcrn Bürgerschulen. -L- Ber!irr, 5. Juli. Es kann uns ziemlich gleichgültig sein, wenn Herr Stöcker von seinen Veretzreru und Freunden wegen seines Mißgeschickes getröstet und gefeiert wird. Wenn aber das angesehenste und mächtigste Organ, welches in seinen Spalten einen förmlichen StöckerkultuS feiert, die ״Nene Preußische Zeitung", für dieses Mißgeschick ihres Helden die gesammte Judenheit verantwortlich machen will und von einer korrumpirten Gesinnung mib einem absolut ver-. wersiichen Vorgehen auf Seiten der Inden in dieser Angelegenheit redet, so muß man doch daran erinnern, daß daS Stöcker'schc Mißgeschick doch nur von ihm selbst verschuldet ist, und der preußische Gerichtshof, welcher jenes Urtheil gesprochen, da eben dieses Mißgeschick auSmacht, nicht aus Juden besteht. Uns dünkt eine solche Verkehrung der Thatsachen weder in deutscher und christlicher, noch jüdischer Art zu liegen, so daß wir es in der That unbegreiflich finden, wie unter den: Zeichen und der Devise, welche die ״Kreuzzeitung" an der Stirn trägt, eine derartige Verirrung Schutz finden kann. Uebrigens möge die ״Krcuzzeitung" einmal öffentlich Rede stehen, ob das Berliner Landgericht auch Weisungen von der ״Alliance" erhalt, oder die Treitschke'scheuWreußischen Jahrbücher, welche also über dir Stöcker'schc Affaire schreiben: ״Von all den verschiedenen Vergehen Stöckers haben die einen auf Diesen, die andern auf Jenen mehr Eindruck gemacht. Der Eine findet die Verwendung der 2000 a)k, der Andere das Manöver gegen den Amtsbruder Witte, der Dritte die Ableugnungen, der Vierte den falschen Eid an! komprornittircndsten. Uns ist als Las moralisch Abstoßendste in bcm ganzen Prozeß erschienen, neben dem leichtfertigen Eid, die Art, wie Stöcker in dem Augenblick, wo ihm ״Jrrthum" über ״Jrrthum" nachgewiesen wurde, sich nicht scheute, seinerseits nicht etwa seine Ankläger, sondern außerhalb stehende Ehren- Männer, die Jenenser theologische Fakultät, den Professor Beyschlag, der Unwahrheit zu beschuldigen. Daß die Stümsanwaltschast megen des falschen Eides keine Anklage erhebt, mag richtig sein, da Stöcker sicherlich freigesprochcn werden würde. Mau mag auch sagen: eben deshalb würde es besser, sein, die Anklage zu erheben, damit nicht, wie schon geschehen ist, die Vertheidiger in Meineidssachcn die Geschworenen durch den Hinweis auf diesen Fall irre führen. Für unzulässig aber halten wir eS, daß Stöcke^ im geistlichen Amte bleibt. Man mag über die <Lrache selbst urtheilen wie mau will, nub es scheint, daß gerade die praktischen Juristen sie an! allermildesten benrtheilcn — und wenn es nichts als ein Unglück wäre, das ernen übrigens intakten Mann ohne jede Verschuldung be-- troffen, so dürfte er dennoch im geistlichen Amte nicht bleiben. Nicht um der Strafe willen, sondern um des AergernisseS willen." —Die ״Krenzzcitung" meint: ״Die gewöhnliche talmudische Weisheit scheint die Kinder Israels dieses Mal im Stich gelassen zu haben." Sie irrt sich sehr. Sie scheint von der ״talmndischen Weisheit" allerdings sehr wenig zu besitzen, jener Weisheit, welche in nüchterner, unbestechlicher Wahrheitsliebe die Dinge in jihrem innersten Wesen zu ergründen sich bemüht, sonst hätte sie wahrlich nicht behaupten können, daß die Juden eS sind, welche die ״öffentliche Meinung verwirren." Die Juden haben Herrn Stöcker nicht verlästert und verleumdct, ein Jude hat in vom Gerichtshöfe anerkannter nicht unberechtigter Erregung eine Anzahl von Thatsachcn in einer beleidigenden Form durch die Presse veröffentlicht und ist hierfür bestraft worden. Das ist Alles, was dem einen Inden zur Last fällt. Was die ״Kreuzzeitung" und ihre Genossen GegentheiLigeS schreiben, ist durchaus unbegründet. Wenn man uns aber gar mit der Entziehung der Gleichberechtigung ans Anlaß dieses Stöcker'schen Mißgeschicks zu drohen Miene macht, dann grenzt ein solches Verfahren fast an Wahnsinn. — Die Inden haben Stöcker nicht das Mindeste gethan, die Juden haben sich vielmehr unausgesetzt von Stöcker bekämpfen lassen, — Herr Stöcker hat von einem preußischen Gerichtshöfe für sein Verhalten gerade kein Lob geerntet, -- darum sollen die Juden des vollen Genusses der staatsbürgerlichen Rechte verlustig werden! Wo ist da Sinn und Verstand? N. Erlangen, 30. Juni. Besonders wichtig für die Tagcsgcschi-)te!nag es wohl nicht sein, ob in irgend einer studentischen Vereinigung jüdischen Musensöhnen der Eintritt verwehrt oder gestattet ist; aber es ist doch immerhin charakteristisch als ein Zeichen der Zeitströmung, wenn die Elite der deutschen Jugend, die Hoffnung und der Stolz des Volks, der Kreis, ans welchem demnächst die Beamten und Würdenträger des Staats hervorgehcn, dem jämmerlichsten Borurtheile und bcnt blindesten Hasse Raum gewährt. So mag denn noch gemeldet werden, daß das Korps ״Onoldia" dieser Tage den höchst zeitgemäßen Beschluß gefaßt hat, in Zukunft keinen Stndenren israelitischer Religion mehr anfzunehmen. Dieses Korps ist das älteste der deutschen Studentenverbindungen und steht mit seiner Gesinnung keineswegs ohne Genossen. Auch die ״Mönania" in unserer Schwcstcr-Mnsenstadt Würzburg hat das gleiche Prinzip adsptirt. Mhsa. Würzburg, 3. Juli. Der ״Franks. Ztg." wird von hier berichtet: ״Bor etwa zwei Monaten fand man in der Nähe von hier, im Unterglcichfelder Walde, einen Unbekannten erhängt. Die katholische Gemeinde begrub ihn auf dem dortigen -Kirchhofe. Kaum hatte