Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1885)
- Article
- Die Mittel zur Abwehr
- Date
- 1885-07-09
- Page
- 436 (sequence 2)
- Language
- German
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Kuh und Leu weiden, beisammen ruhen ihre Jungen, und der Löwe nährt sich wie das Rind von Heu. Und ein Säugling spielt an der Otter Loch und nach dem Lichtblitz eines Drachen streckt das Kind seine Hand. Sie verderben nichts ans Meinem ganzen heiligen Berge, denn die Erde ist voll geworden mit Erkenntnis Gottes wie das Wasser des Meeres Bette deckt." (Jesaia 11,6—9.) Darum erblicken die Machtstolzen der Gegenwart sowohl wie der Vergangenheit in der winzigen Abrahamsfamilie eine ihnen hassenswürdige trotzige Minorität, und zwar umsomehr, je größer das Mißverhältniß ist, in welchem die von jenen Machtstolzen zwar gern geleugnete aber dennoch geahnte Bedeutsamkeit dieses kleinen Stammes zu seiner Ohnmacht und geringfügigen numerischen Größe steht. Sie haben es von jeher empfunden, daß die Verheißung, welche unauflöslich mit dem jüdischen Stamme verknüpft ist: ״cS werden durch dich alle Familicn des Erdbodens gesegnet werden!" doch kein leerer Schall ist, und wie sie sich gesträubt, das Heil der Welt in der bcdingungslosen Unterordnung aller irdischen Verhältnisse unter Gottes ewigem Gebote des Rechts und der Liebe zu erblicken, ebenso hat sich ihr Stolz gebäumt, in den Juden das Werkzeug für die Anbahnung der endlichen HcilcSzukunft zu achten. Jeder Zuwachs äußerer Größe, den man an diesem gehaßten und so gern der Derachlung und Vernichtung überwiesenen Stamm wahrzunehmen glaubte, stachelte die Feindschaft aufs Neue an, und so war cs denn in der That zu allen Zeiten überall schwer und gefährlich, Jude zu sein. Das mußte schon Abrahams Sohn, Isaak, erfahren, als der Philister König ihn auSwies, weil Gott seiner Arbeit reichen Segen hatte zu Theil werden lassen. ״Gehe von uns fort, denn du bist uns viel zu mächtig geworden", so lautet dieses erste Judenedikt, welches als Muster für die stattliche Reihe seiner Nachfolger gedient hat. Ein einziger Jude war vorhanden, welchem gar kein Vorwurf gemacht werden konnte, als daß Gott seine Anssaat hatte gedeihen lassen, da ward er bereits der überwältig großen Mehrheit zu mächtig. Und diese Erfahrung wiederholte sich in Egypten, bei Amalck und Moab und so durch die Jahrtausende bis zur gegenwürtigcn Stunde, wo das alte ״Nischuß" als ״AntiscmitismuS" und ״Judenfrage" in verjüngter Heftigkeit dergestalt in den Vordergrund sich drängt, daß es den Anschein gewinnt, als ob cS der Gegenwart seinen charakterisircnden Stempel ausdrücken müßte. DaS Besondere liegt heute vielleicht nur darin, daß in früheren Perioden der Judenhaß jeweilig nur ein ein» zigeS Programm aufstcttte, jetzt aber in vielgestaltiger Weise sich Luft macht. Ehedem hieß es wohl: die Juden glauben nicht an einen bereits erschienenen Messias, sie verdienen deshalb unsere Feindschaft, oder: die Juden schließen sich von den Sitten und der Sprache des Landes ab, sie können deshalb auf unsere Freundschaft nicht zählen, oder: die Juden ziehen sich von Kunst, Wissenschaft, Handwerk und Ackerbau zurück und widmen sich lediglich dem Handel und Schacher, sie sind deshalb nicht der gleichen Rechte würdig. Heute aber wird die ״Judenfrage" als eine religiöse, nationale und soziale gleichzeitig inszenirt, und der Judenhaß sucht nach den verschiedensten Vorwänden, um seine Existenz nicht nur zu rechtfertigen, sondern auch zu glorifiziren. Was können wir dagegen thun? (Schluß folgt.) All-r jWisljjk Nctbrecherthnis, ״eine Studie über den Zusammenhang zwischen Religion und Kriminalität" nennt sich eine sehr interessante und verdienstvolle Schrift des Herrn Rechtsanwalt Dr. Ludwig Fuld in Mainz, welche soeben im Verlage von Theodor Huth zu Leipzig erschienen ist. In dieser Zeitschrift (Nr. 18 d. Jahrg.) ist bereits Veranlassung genommen worden, einer anderen Abhandlung desselben Verfassers: ״Religion und Volkssittlichkeit" zu gedenken und unsere von der Anschauung des Verfassers abweichende Ansicht über den Einfluß der Religion im Allgemeinen und des JudenthumS im Speziellen aus die Volkssittlichkeit darzulegen. In dem vorliegenden Werke erkennt Herr Fuld der Religion doch einen immerhin sehr wesentlichen Einfluß auf die Kriminalität zu. Er faßt das Resultat seiner Untersuchung in dem ebenso schönen wie wahren Satze zusammen: ״Jeder Glaube, welcher den von der Versuchung ergriffenen Menschen in der Standhaftigkeit rechtlichen AusharrenS stärkt und stählt, jede Religion, welche den in die Schlinge des Verbrechens gefallenen Sünder nicht sinken läßt, sondern tröstet, jede Religion, welche in ihren Gläubigen den Geist der innigsten Liebe und des stärksten Mitgefühls wach hält, welcher sie verhindert, in pharifalschem Hochmut!) das Auge von dem Verbrecher wegzuwenden, den Geist der Karitas grenzenlosester und befruchtender Mildthütigkeit, welcher sie ermahnt, ihrer moralischen Solidarschuld eingedenk, sich des Gefallenen anzuuchmen und den Schuldigen nach Verbüßung seiner Schuld aufzuuehlnen und aufzurichten, wirkt der Krimiualität präventiv wie regressiv entgegen" und erkennt in ״den großen ethischen Wahrheiten, welche das -Substrat der Ncligionsformen der Kulturvölker Europas und Asiens sind, jene Formulirungen der primären sittlichen Vorschriften, welche die monotheistischen Neligionen des Abend- und thcilweise des Morgenlandes dem Alten Testament entlehnt haben, eherne Gesetze, von denen unser Göthe gesagt hat, daß sie unseres