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Jeschurun · 1885-07-02 · Heft 27 (2.7.1885) · p. 430

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 27 (2.7.1885)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1885-07-02
Page
430 (sequence 2)
Language
German
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430 Arbciterversammlung im ״grünen Jäger" gegen die Zumuthung, antisemitischen Tendenzen zu huldigen. G. Prestburg, 23. Juni. Der famose ״Westungarische Grenzbotc" hat iu seiner gestrigen ׳Ausgabe wieder einmal die Entdeckung' cines rituellen Modus zu Wege gebracht, und er macht dieses durch die folgende Proklamation der Welt kund, aus welcher die folgenden Anführungen als Probe dienen mögen: ״Mit einem Gefühle des Leides und der Entrüstung müssen wir zur Feder greifen und die inhaltsvollen, schweren Worte .niederschreiben-. Der Mord ist geschehen! Weg mit Euch, Ihr Humanitätsrittcr, Ihr Judeuschleppträger! Macht ehrlichen Leuten Platz, die die Thränen der unglücklichen Mutter trocknen, die im Namen der ewigen Gerechtigkeit dem jüdischen Fanatismus ein ״Halt bis hierher und nicht weiter" zurufen! Zur Seile, Ihr käuflichen JudaSscelen, Ihr finsteren Gestalten, das Licht und die Gerechtigkeit will durchdringen und endlich dieser Schmach ein Ende bereiten, daß noch in dem so viel gepriesenen 19. Jahrhundert Menschen abgeschlachtet werden, um ״J..r.a" ein Opfer zu bringen. ״Tisza-Eszlür — SajoVümos", zwei Orte, die in den Herzen der christlichen Nationen und aller Generationen ewig cingegrabcn bleiben werden, als Erinnerung an jene grauenvolle Zeit, in welcher Menschen geopfert wurden für die Ehre I.6 zum Ruhme Israels und welche Zeit man daS ״humane Jahrhundert" nennt. Möge auch der gegenwärtige Fall niedergeschlagen werden und die fanatischen Mörder wieder straflos auSgehen, die Thatsachc kann nie wieder verwischt 'werden, daß die Judcnschaft heute mehr denn je an ihren sündhaften Traditionen festhält und dem Blutopfer huldigt. Wie bereits mitgethcilt, wurde mit der Einleitung der Voruntersuchung der Stuhlrichter Stellvertreter Kolomau H6zser betraut, welcher derart gravircnde Momente, ja überraschende Beweise zu Tage förderte, daß der Obcrstuhlrichter Emil von Molnür die Akten an die königliche Staatsanwaltschaft abtrat. Staatsanwalt Alexander von Jano, mit den bewciScrbringcndcn Akten in der Hand, stand rathloS da. Zu vertuschen ging die Sache nichi. Er machte daher die amtliche Anzeige an die königliche Oberstaatsauwaltschaft in Budapest, gleichzeitig um weitere Instruktionen bittend. Welche Instruktionen anlangtcu, wissen wir nicht; jedoch wurde vom MiSkolczcr königlichen Gerichtshöfe sofort der Untersuchungsrichter Frank nach Sajo-BümoS entsendet, der die Untersuchung weiter fortführt und auch bereits mehrfach den 7- bis 8jährigen Zeugen Michael Ferenczy verhörte, der, sowie in TiszaElzlür Moriz Scharf, Augenzeuge, der durch Juden aus Sennye (1/4 Stunde von Sajo-Vümoö entfernt) begangenen Mordthat gewesen. 3m Interesse der Untersuchung verschweigen wir weitere Details und wollen abwarten, ob denn auch dieser Fall wieder tvdtgeschwiegen oder todtgeschlagen wird. Ein Sonntag früh eiugelaugtcs Telegramm vom (Samstag Abends) meldete: ״Soeben höre ich von mehreren Seiten, daß die Gendarmerie einen Juden, den muthmaßlichcn Hanptmörder, bereits cingcfangcn hätte. Ich fürchte, wenn sich Niemand der Sache annimmt, daß mau sie Niederschlagen wird." Ein anderes Telegramm meldet: ״Gestern brachte man die zweite Kiste zum Gerichtshof mit dem Körper (die erste enthielt den Kopf und die blutigen Kleider der dreijährigen Juliana Barga). Den Hauptthater hat man verhaftet, er ist Wirthshäuslcr und zugleich Schlachter in Sennye, eine viertel Stunde von Vümos entfernt." — DaS Eigeuthümliche ist, daß bis jetzt nur der ״Greuzbotc" diese Nachricht bringt. Wir glauben ganz bestimmt, daß an der ganzen Geschichte kein einziges Wort wahr ist, wie ,eö ja nicht das erste Mal wäre, daß der wackere ״Grenzbote" sich Schauergeschichten erdichtet hat, um das Volk gegen die Juden aufzuhctzen. Seine Phantasie muß äugenbticklich nicht so blühend wie früher sein, .denn er kann sich die Einzelheiten dieses angeblichen Mordes nicht konstruiren. Mau täusche sich aber über die Tragweite dieser Art von Aufreizungen nicht. ES gicbt Volksschichten, wo sie ihren Zweck nur allzusehr erreichen. m. Brun», 28. Juni. DerMechanikuSSchneider aus Wien, welcher als Gesinnungsgenosse des edlen Ritter von Schönerer eine ganz bedeutende Rolle spielt, so daß er zur Unterscheidung von anderen ehrsamen Mechanikern und Schneidern unter dem Namen ״der Judenfresser" bekannt ist, kam ganz expreß von Wien hierher, um die bedauerlichen hiesigen Exzesse zu benutzen, das Evangelium des Judenhasses zu predigen. Er besuchte nach der Reihe die Wirthschaftcn, iu welchen Arbeiter zu verkehren pflegen und erschöpfte sich in aufreizenden Reden gegen die Juden. Höchst wahrschcinlich ist eS auch dieser Herr Schneider, welchem auswärtige gleichgesinnte Preßorgane ihre Spalten öffneten, um die hiesige Arbeitcrstrike als eine judcnseindliche Kundgebung des armen von den Juden gedrückten und ausgebeutctcn Volks fälschlicher Weise darzustellcn, wovon Ihr Berliner O.-Korrespondeüt in voriger Nummer eine Probe aus der ״Kreu.zzeitung" mittheilte. Unsere Polizei war aber von dieser Schneiderscheu Thätigkeit nichts weniger als erbaut, und sie nahm die guten Dienste des Kriminalrichters in Anspruch, um den ehrenwerthen Herrn MechanikuS Schneider aus Wien zur Verantwortung wegen Störung des öffentlichen Friedens zu ziehen. — Der hiesige Nabbincr Ör. I. B. Placzek, Sohn des verewigten LandcSrabbincr Abraham Placzek נ״ע, ist nunmehr von dem Ml'nisteriunl definitiv zum Nachfolger seines Vaters im mährischen LandeSrabbinate ernannt worden.

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