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Jeschurun · 1885-07-02 · Heft 27 (2.7.1885) · p. 429

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 27 (2.7.1885)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1885-07-02
Page
429 (sequence 2)
Language
German
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geblich durch das Kolnidre-Gebet gelöst werde; Verdächtigungen, die unseren Feinden in unserer Mitte neue und erwünschte Gelegenheit boten, gegen jenes altehrwürdige Stück der Liturgie zu eifern und für seine Abschaffung zu plädiren. Und heut ist jener Mann eines Falscheids überführt, im besten Falle eines fahrlässigen. Wieder hat sich jener Ausspruch unserer Weisen 1^ במדה שאדם מודד מודדין bewahrheitet. Wenn wir die Aufmerksamkeit unserer Leser auf diesen Punkt zu lenken wagen, so sind wir uns keinen Augenblick im Zweifel darüber, daß die Erwähnung desselben vielleicht sehr gemischte Empfindungen Hervorrufen wird. Es wird sicher nicht an Stimmen fehlen, die mit ״pharisäischen! Hochmnth", mit ״orthodoxer Selbstbespiegelung" und anderen Liebenswürdigfeite» unt sich werfen werden; wieder Andere werden es als eine Versündigung an dem Jahrhundert der Aufklärung kennzeichnen, heut noch an ״Wunder" zu glauben. Aber weder die Einen noch Anderen können uns abhalten, es zu konstatiren, daß in dem Sturze Stöckers ein Mene-Tekel zu lesen sei für alle, die ihren Arm zu erheben wagen gegen die Grundsatzungen Gottes und Israels, mögen die Angreifer sich ״Christlich- Soziale" oder ״Träger des Zeitgeistes und der Aufklärung" nennen. 0. Berlin, 30. Juni. Die Parteigänger des Herrn Stöcker entwickeln eine fieberhafte Thätigkcit, um die Flecken von dem Schilde ihres Helden und Führers zu entfernen. Ergebenheitsadressen, Danktelegramme, geräuschvolle Versammlungen, Beileids- Bezeugungen und sonstige Manifestationen werden inszcnirt zu Ehren des gewaltigen Mannes. So fand auch am 26. d. M. in der Tonhalle ein großes Extra- Meeting der christlich-sozialen Partei statt, in welchem der Universitätsprofessor Di׳. Adolf Wagner durch eine bedeutende Rede seinen Freund und sein Vorbild Stöcker unter dem jubelnden Beifall des Publikums zu rechtfertigen versuchte. Er sagte u. A.: Stöcker mag Fehler begangen haben; einige Unrichtigkeiten, einige Versehen, einige Gcdächtnißfehler sind ihm uachgewiesen, aber selbst das für ihn so ungünstige Erkenntniß hebt hervor, daß in keinem einzigen Falle die Möglichkeit eines Jrrthums ausgeschlossen sei. Herr Stöcker sei eben eine durchaus harmlose Natur und nicht frei von Temperamentsfehlcrn, welche er gewiß bekämpfen solle, namentlich er, der so hohe Anforderungen an Andere stelle u. dergl. m. Trotzdem und alledem rief der Redner unter dem ״rasenden Beifall", wie der Berichterstatter der ״Krcuzzeitung" konstatirt, ״Stöcker verläßt Berlin nicht; wir aber in Berlin verlassen Stöcker auch nicht!" — Wenn Herr Stöcker diese Schutz- und VertheidigungSrede des Professor Wagner aufmerksam liest, so ruft er sicherlich aus: Gott schütze mich vor meinen Freunden! -f. Hallo, 25. Juni. Die ״Saale-Zeitung" bringt folgenden erfreulichen Bericht: ״Als ein Beitrag zu der Frage, wie unser Kronprinz über die agitatorische Thätigkcit des HofprcdigerS Stöcker denkt, kann die folgende uns von zuverlässiger Seite zugchende Mittheilung dienen: Ein Geistlicher in einem Dorfe bei Potsdam, der früher als Missionar in Afrika gewirkt hat, wird von unserem Kronprinzen hin und wieder besucht. Eines Tages fragt auch der hohe Herr, ob der Geistliche mit den kirchlichen Verhältnissen Deutschlands zufrieden sei. Freimüthig antwortet der Pastor: ״Nein, Kaiserliche Hoheit'! Verschiedene Bestrebungen, die jetzt in unserer Kirche zu Tage treten, besonders das agitatorische Vorgehen meines AmtSbrnderS, des HofpredigcrS Stöcker, gefallen mir gar nicht; ich sehne mich wieder in meine früheren Verhältnisse zurück." — Ein Lächeln zuckt über das Gesicht des leutseligen Herrn. ״Bleiben Sie nur hier, Herr Pastor, Stöckcr'sche Verhältnisse können nicht ewig bestehen", lautete die tröstliche Mahnung des Kronprinzen. — Wie mag Seine Kaiserliche Hoheit erst nach dem ״Prozeß Stöcker" über den Hofprediger nrtheilen!! N. Niederanln, 21.3um. Noch lange werden wir des gestrigen Tages gedenken, an welchem wir die Ehre halten, den Provinzial-Nabbiner Herrn Dr. M. Cahn נ״י aus Fulda unfern Gast zu nennen. Unvergeßlich werden uns seine vom Herzen kommenden, für unsere heilige Religion begeisternden Worte bleiben. Wenn alle unsere Rabbiner so energisch und unparteiisch, so gewissenhaft streng und doch so mild und bescheiden wie er ihres Amtes waltet»n, es würde ganz anders um unsere religiösen Zustände bestellt sein. Herr Dr. Cahn weiß die Alten in ihrer Treue zu befestigen und die Jugend zu begeistern und also in Hans und Schule die Liebe und Anhänglichkeit für das Judenthum zu pflegen, erstercs zu einer Stätte treuer Pflichterfüllung und letztere zu einer wahrhaftigen Pstanzstütte jüdischer Lehre zu gestalten. Oesterreich-Ungarn. t'. Wien, 26. Juni. Es gelangen doch aus dem Gewirre der streitenden Gemüther Kungcbnngen zum Ausdrucke, welche als Beleg für die von mir stets vertretene Ansicht dienen, daß die breite Schichte der Bevölkerung von dem wüsten Treiben der Judenfeinde nichts wissen will. Als dieser Tage der bekannte Antisemit Wittmann im Hitzinger Landgemeindenbezirke als Kandidat auftrat und unter Andern auch die ״Mosaische Moral" zum Gegenstände seines Angriffs machte, erregte er einen EntrüstnngSstnrm und siel schmählich durch. — Ebenso verwahrte sich eine große

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