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Jeschurun · 1885-07-02 · Heft 27 (2.7.1885) · p. 428

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 27 (2.7.1885)
Article
Deutschland : Hannover [Nachricht]
Date
1885-07-02
Page
428 (sequence 1)
Language
German
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428 Korrespondenzen nnd Nachrichten. Deutschland. Hcnrnover, 1. Juli. Von dem für;884 bewilligten Zuschuß zn dem jüdischen Schul- und Synagogenwesen der hiesigen Provinz in Höhe von 16 500J6 aus dem Provinzialfonds erhielt das jüdische Lehrerseminar 7500 An einzelne Synagogengemeinden wurden 5602 Jh vertheilt; Altersznlagen an Lehrer, im Einzelbctrage von 70 und 140^, wurden in Höhe von 2888 verausgabt, und 510 JL erhielten einzelne besonders bedürftige Lehrer. B. Berlin, 22. Juni. Dreimal im Verlaufe weniger Jahre hatte das von seinen Verfolgern und Feinden verklagte und angegriffene Judenthum Gelcgenheit, die Angriffe und Anklagen seiner Gegner zu entkräften und die Gegner selbst an seiner Statt auf die Anklagebank zu stellen: im Tisza-Eszlaer Prozeß, im NeusLettiner Brandprozeß und endlich — last not least — im Prozesse contra ״Freie Zeitung". Der letzte Fall gewährte einen Einblick in das Gebühren der Antisemiten und den sittlichen Werth des Mannes, der, von seinen Anhängern als zweiter Luther gefeiert, eS unternehmen wollte, das Judenthum zu reformiren; wir haben gesehen, daß der Mann, welcher unserer Presse Verlogenheit und Verlänmdung vorwarf, auf Schritt und Tritt des Widerspruchs mit den Thatsachcn überführt wurde; wir haben aus allem diesen ersehen, daß Gottes schützende Rechte noch heute über uns und unsere Religion anSgebrcitet ist, wie sie es zur Zeit unserer Väter war. — Aber auch eine andere Lehre läßt sich aus diesem Prozesse ziehen, wichtiger noch als diese, weil sie ein Warnungszcichcn nicht nur für unsere Feinde von außen, sondern auch für unsere Gegner in unserer Mitte ist. Zur richtigen Würdigung dieser Thatsache ist es nöthig. daß wir auf den Entwickelungsgang der Stöcker'scheu Agitation etwas näher eingehen und hierzu weiter ausholen. — Als Stöcker vor nunmehr sechs Jahren zum ersten Male — damals nur eine lokale Berühmtheit — auf trat, da verwahrte er sich ganz entschieden dagegen, einen Angriff auf das Jndcnthum selbst unternehmen zn wollen; das moderne Judenthnm allein sollte der Ziel* Punkt seiner Geschosse sein. Uns liegt der Auszug einer Rede des Herrn Stöcker aus dem Jahre 1879 vor, in welcher derselbe crklärt: ״In der Thal erscheint mir das moderne Judenthum als eine große Gefahr für das deutsche Volksleben." Noch ist Herr Stöcker ehrlich genug zu erklären, daß jenes Gesetz, welches: ״Liede deinen Nächsten wie dich selbst" gebietet, welches das Ausleihen gegen Zins streng untersagt, des höchsten Lobes würdig sei; er spricht da von einer erleuchteten wirthschaftlichen Gesetzgebung: sozialen EigcnthumSsormen, Verbot des Zinses, höchster Barm- Herzigkeit gegen die Armen" u. s. w. Allerdings findet er es ״für sittlich unerlaubt," einen bloßen Sabbathsschändcr zu steinigen, ״für unästhetisch", Baalspriester hinzuschlachten; mildere Strafen hätten nach seiner Ansicht genügt. Seinen Hauptangrisf dagegen richtete er auf die moralische Zersetzung, welche durch die Lehren des modernen JndenthnmS herbeigeführt worden sei. Jeder ideale Zug sei in der Jugend erstickt worden, jeder religiöse Trieb ansgerodet, der Hang zum Materialismus immer mehr ausgebildet worden. So ungefähr sprach Herr Stöcker im Jahre 1878. — Wir wollen hier nicht untersuchen, wie viel Wahres an diesen Angriffen gewesen sei; wir wollen nicht nachrechnen, wie viel von jenem Vorwurf der Zudringlichkeit der Juden auf die Rechnung jener Männer der Versöhnungspolitik zn setzen sei, welche gegen die ״ver* alteten Schranken der jüdischen Ritualgesctze" eiferten; wir wollen nicht statistisch feststellen, wie viel von jenen Journalisten ״herausfordernder Tonesart" in unseren Reihen zu finden sind; wir wollen alles dies heute ebenso wenig beachten, wie damals, weit wir wissen, daß כל ישראל ערבים זה בזה; wir wollen nur konstatirm, daß Stöcker's Angriffe damals uns nicht galten. Und ebenso hielt er eS auch in den folgenden Jahren, in denen er noch mehrmals sich bietende Gelegenheiten wahrnahm, um ordi eck nrdi zu erklären, daß sein Kampf dem konservativen Judenthum nicht gelte. Bekannt ist ferner, daß, als im Jahre 1681 Henrici unqualifizirbare Angriffe auf das Alte Testament sich erlaubte, Stöcker die Parieigenoffenschaft desselben ablehnte unter Hinweis auf die Ehrwürdigkeit unseres NcligionsbucheS und unseres VolkSstammcs, ״des Volkes der Propheten und Apostel". Erst als er einsah, daß alle Liebesmüh vergeblich sei, daß das Bewußtsein des von den eigenen Brüdern erlittenen Unrechts nicht stark genug seiuns zum Verrath an denselben zu bewegen — wir wollen wiederum unei örtert lassen, wie es nmtatis mutandis gewesen wäre — da erst er öffnete Herr Stöcker seine geheimen Pläne, und begann vor etwa anderthalb Jahren seinen Sturmlauf gegen die Grundlehren des JudenthumS. Sei es, daß ihn die traurigen Lorberen eines Rohling u. s. w. nicht schlafen ließen, sei eS, daß sich jener Auswurf unseres Volkes, welcher sich, wie wir dies an Morgenstern, May und ähnlichen Subjekten sahen, an Stöcker in seiner Eigenschaft als MissionSdirigcnLen drängten, ihn weiter fortriß, als er ursprünglich wollte; kurz, Stöcker begann seine Angriffe gegen den Talmud und dessen ״vcr« derbliche" Einwirkung auf die Talmudjuden zu richten. Noch frisch sind in Aller Gedächtniß seine Vcrdächtigungen der Heiligkeit des jüdischen Eides, der an-

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