Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1885)
- Article
- Im Triumphe
- Date
- 1885-07-02
- Page
- 424 (sequence 2)
- Language
- German
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424 Es wälzt in wilder Hast des Volkes Menge / Sich durch die Straßen voller Siegcslust, ) Der Imperator naht mit weißen Rossen > Im Lorbecrkranz, den Purpur um die Brust. j Mit kaltem Lächeln schaut der Cäsar nieder Hin auf sein Volk, das ihm den Jubel beut — \ Er weiß, er hält die Geißel der Tyrannen Die Roma'S Volk als Schreckbild stets gedräut. — < In finst'rer Ruhe schreiten die Gefangenen,? In stolzem Schweigen, tiefem, schwerem Schmerz, - Die Jugend Judah's, Reih' an Reih' geschlossen, J Nur Kraftgestalten, Männer wie von Erz. '< Und Schaar auf Schaar, so ziehn sie jetzt vorüber —•! Die Letzten nahen, die der Römer schlug, Voran von starken Kriegern rings umgeben, : Ein Jüngling geht, der einst den Purpur trug. <1 Ein hehrer Sproß aus edlem Fürstenhause,? Ein Bild der Mannesschönheit und der Kraft,? Der kühn gekämpft, als so viel tausend Brüder - DcS Römers Schwert, der Hunger hingerafft..! Das Haupt gesenkt, in wildem, tiefem Grame > Zieht er des Wegs, gedenkend früherer Zeit, - Wo Gott in Iudah'S Mitte stets geweitet, . \ Wo ihm zum Dienst das ganze Volk bereit. Er ward gefangen, als er schwer verwundet s Bewußtlos auf der Mauer niedcrsauk — j Und als zum Leben wieder er erwachte,; Hört er der Römerzinken Siegcöklang. \ Da faßt' ihn wilde Wuth, er wollt' nicht leben, < Mit Gottes Burg' wollt' er zu Grunde gehn — 1f Doch ward in feste Ketten er geschlossen, > So mußt' die heil'ge Stadt er sterben sehn. > Und Schwermuth lagert sich auf seinem Geiste, § In finsterm Brüten lebte nur sein Sinn, > Und nimmer hell wie sonst sein Antlitz strahlet — ) So zieht er im Triumphe jetzt dahin. —; Da — plötzlich zuckt er auf — die Augen blitzen — Er ballt die Faust — den Krieger er erblickt, l Der in Jerusalem vor seinen Augen j Der Schwester in das Herz den Dolch gedrückt. —? Doch er bezwingt sich — schreitet ruhig weiter — j Da stutzt er wieder, wie er jetzt dort schaut i Den grimmen Legionär, der grausam höhnend 1 Ihm erst geschändet, dann erdolcht — die Braut. > Heiß wallt die wilde Wuth, gewaltig drängend,? ES zuckt die Hand — doch hält er sie zurück —; Er fleht zu Gott, der rächet und bestrafet, l Und zieht des Weges fort mit finsterm Blick. — ) Da sieht den Jüngling wieder man erbeben, Er faßt zur Seit', wo sonst das Schwert ihm saß, Er beugt sich׳ vor, gleichwie der Leu zum Sprunge, Wuth blitzt sein Aug', eö leuchtet wild vor Haß. Dort steht im Waffenschmuck der schnöde Römer, Der seiner Mutier Augen einst durchstach, Am greisen Haar sie durch die Straßen schleifte, Als er gefesselt, wund am Boden lag. Wie hergezaubert steht vor seiner Seele Der blinden Mutter blut'geS Jammerbild, Wie zuckend sie zu Gott die Hand erhoben, Wie er in Ohnmacht raste, wuthersüllt. Wie er dann rief den süßen Mutternamen, Wie sie gejauchzt, da sie die Stimm' gehört, Wie dann der Römer lachend vor dem Sohne Die Mutter hingeschlachtet mit dem Schwert. — ES kocht sein Blut — und leichenblaß tut Grimme Hebt er den Arm — doch hemmt er noch die Wnth, ES rächt ja Gott, der höchste Richter droben. Im Strafgericht das schnöd' vergoss'ne Blut. Drum ruhig, ruhig! Zähm' des Zornes Toben, Der Mutter ist cs wohler jetzt als dir! -- Er schreitet weiter mit dem langen Zuge, Bis er gelangt vor Janus' Tempelthür. Da — jenes bleiche Hohngesicht des Prätor — Er kennt es — ja, er ist's — es faßt ihn wild. Der einst beschmutzt die heil'ge Thorarolle, Der höhnend sic bespien, mit Koth gefüllt, Der sie zerriß, die Fetzen trat im Staube, Der sich den goldnen Thoraschmuck geraubt — Jetzt trägt die goldnen Ketten er am Panzer, Die einst geziert der Thora heil'ges Haupt. — Da springt der Jüngling vor ohn' lang Besinnen, Reißt einem Wächter fort das blanke Schwert, Stürzt aus dem Zug in blitzesschnellem Sprunge, Schlägt ihn zu Boden, der da Gott entehrt. ״Nimm hin die Strafe, schnöder Gotteshöhner!" So ruft er laut — das Volk stürzt auf ihn loS. ״Hör', Israel!" — Mit raschem, wildem Griffe Zückt er das Schwert — giebt sich den Todesstoß. Die Schwester, seine Braut, die greise Mutter, Für sie nur bloße Rache wär' sein Tod, Doch Ehr' und Pflicht die schwere Schmach zu strafen, Zu sterben für die Thora, heischet Gott. Der Cäsar triumphirt — und Siegesrufe Erfüllen noch die Luft mit lautem Klang — Der Götzendiener frohe Götterlieder, — , - Des Gottesstreiters früher Grabgesang.