Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1885)
- Article
- Bemerkungen zu den Verhandlungen und Beschlüssen der Rabbinerversammlung zu Berlin
- Date
- 1885-07-02
- Page
- 420 (sequence 2)
- Language
- German
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420 Welches sind doch die ״Uebclstände", deren Heilung die Aufgabe der versammelten Rabbiner sein soll? Die Nr. 3 der ..Anlagen" giebt uns darüber Aufschluß und zwar nennt sie uns: das Sinken des religiösen Lebens, die Verminderung der Anhänglichkeit an die Religion, das Schwinden der ehemals so allgemeinen Opfcrsrcudigkcit und Widerstandsfähigkeit gegenüber Anfcindungcn und Beschränkungen von Außen, die mangelnde und sich immer vermindernde Kenntnis; des Judeuthums u. s. w. u. s. w. Und diese Uebclstände sollen nach Herrn D1\ Joel sehr viel weniger in den Menschen und sehr viel mehr in äußeren Verhältnissen zu suchen sein, und darum fordert er die Kollegen auf, ״hoffnungsvoll" zu sein. Das ist das nackte Prinzip der Reform, welche den Ausgleich der Lehre mit dem Leben zu ihrer Devise erkoren hat. Seit Dezennien wird ja gepredigt, daß der Gegenwart das alte Judenthum nicht mehr behagen könne, weil die äußeren Verhältnisse sich geändert haben, weil der von den Fesseln mittelalterlichen Druckes befreite, im Besitze der allgemeinen europäischen Bildung sich befindende, auf der Höhe der Zeit stehende jüdische Sohn der Gegenwart unmöglich noch die altvätcrische Sitte und naive Anschauung konscrviren könne; weil eS geradezu ein unerfüllbares und darum widersinniges Verlangen sei, daß der Kommerzienrath und Stadtverordnete, der Schriftsteller und Rechtsanwalt, der Künstler und Parlamentarier, der Fabrikant und Professor in peinlicher Gewissenhaftigkeit nach der Väter Art die schweren Sabbath-, Speise- und andere Gesetze zu beachten im Stande sei, weil das jüdische ReligionSgesetz auf Schritt und Tritt mit seinen lästigen und unbequemen Anforderungen derartig hemmend in das Leben eingreife, daß es unmöglich sei, den hohen Zielen nachzustreben, welche durch die veränderte Lebensstellung den Israeliten nunmehr erreichbar seien. Und es ist ja der gewichtigste Vorwurf, welcher gegen die Orthodoxie erhoben wird, daß sie der Reform widerstrebt und durch ihre Starrheit im Festhalten des Alten und ihre Schroffheit in der Abweisung jeder Konzession an den Zeitgcist und zeitgenössischen Bedürfniß das Geschlecht der Gegenwart der Religion entfremde und das Geschlecht der Zukunft unabweisbar gänzlich aus dem Judenthum hinausdränge und die vorhin erwähnten Uebclstände. nothwendiger Weise erzeugen müsse. Der Gegensatz zwischen Orthodoxie und Reform läßt sich gar nicht präziser ausdrückcn, als daß nach orthodoxer Anschauung die vorhingenannten Uebclstände in den Menschen, nach reformistischer Anschauung aber in den äußeren Verhältnissen zu suchen seien. Die orthodoxe Lehre wendet sich deshalb an den Menschen mir der Aufforderung, sich zu bessern und sein Leben mit dem NeligionSgesetze in Einklang zu bringen; die Doktrin der Reform sucht das NeligionSgesetz zu andern und dieses in Uebereinstimmung mit dem Leben zu setzen. Herr Di׳. Joel hat dieses Prinzip der Reform in Mitten der achtundscchzig zu Berlin versammelten Rabbiner verkündet, und die ihm dafür Anerkennung und Dank zollenden Kollegen haben sich zu demselben bekannt. Indem wir dieses fcststcllen, möchten wir jedoch dem Einwande Vorbeugen, daß Di׳. Joel in seiner Rede doch mit keinem Worte einer Reform des NeligionsgesetzeS Erwähnung gcthan habe, wir ihm und den zustimmenden Herren Rabbinern deshalb eine Meinung imputiren, die von ihnen gar nicht gehegt worden sei. Herr Di׳. Joel hat wohlweislich seine Worte abgewogen. Für sein unmittelbares gelehrtes Auditorium sprach er deutlich genug, und für das Publikum draußen verbot die Pastoralklughcit in diesem Augenblicke, wo man die vorhandenen Gegensätze am liebsten negiren, jedenfalls aber nicht so schroff erscheinen lassen mochte, sich klarer zu äußern. Es war an diesem Orte und zu dieser Versammlung völlig hinreichend zu sagen, daß die Uebclstände auf bcnt religiösen Gebiete, wie solche in der Anlage gekennzeichnet und, nicht in den Menschen, sondern in den äußeren Verhältnissen liegen. Darum dürften sie hoffnungsvoll sein, fügte er hinzu. Würde sich die Versammlung der achtundsechzig Rabbiner die Aufgabe gesetzt haben, eine wirkliche Besserung der so unendlich traurigen Nebelstände in dem ernsten Sinne der Orthodoxie, herbei- Zufuhren, d. h. durch Umgestaltung des dein jüdischen NeligionSgesetze durchaus entfremdeten Lebens und Geistes und durch Rückkehr zu dem alten Gehorsam und der alten Begeisterung, dann durften sie wenig hoffen, dann hätten sie, die Herren Rabbiner, ja zunächst bei sich selbst zu beginnen, um wiederum ganze und echte Juden zu werden und durch ihr lebendiges Beispiel in Gesinnung und That die Gemeinden zu der gleichen Umwandlung zu bewegen. Ein solches Werk aber, durch Welches, mit wenigen Ausnahmen, die Herren zu ihrer Vergangenheit in einen schreienden Gegensatz treten würden, sei nicht der Zweck der Versammlung. (Fortsetzung folgt.) Jttdenthmn nnd Antisemitismus. Von Erich L e h u h a r d t. ״Preußische Jahrbücher", Nr. 12. 1885. ״Gott, wie viel sind meine Dränger, Viele, die wider mich aufstehen. Viele, die von meiner Seele sprechen: Hülfe ist für ihn nicht bei Gott-'״. Von allen Seiten stürmen sie heran, die Feinde des