Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1885)
- Article
- Österreich-Ungarn : Pest [Nachricht]
- Date
- 1885-06-18
- Page
- 395 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933126--19016-2961489- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
allgemeine patriotische Interessen sich erworben haben, > als Vertreter des JudcnthumS können sie nicht angej sehen werden und werden auch hoffentlich als solche '׳ nicht einen maßgebenden Einfluß ans unsere inneren! jüdischen Angelegenheiten ausüben wollen.; Krakau, 12. Juni. In Folge einer bei der hiesigen Ober-Staatsanwaltschaft und beim Strafgerichts Präsidenten seitens der Herren I)!׳. MachalSki und Professor Nosenblatt (Vcrtheidiger der Eheleute Ritter) überreichten Beschwerde über die Verzögerung dieses seit drei Jahren dauernden Prozesses (Mord in Lutcza) wurde der Staatsanwaltschaft ausgctragen, binnen vierzehn Tagen ihre Anträge zu stellen, eventuell eine neue Anklageschrift auszusertigen. W.K. Aus dem SzökLcrlande. Sz. Rögen, 11. Juni. Der volkSbethörende Antisemitismus mit seinen alten, neuen Märchen findet leider im Aberglauben des VauernvolkeS einen fruchtbaren Boden. — In Gyergyo Salimas, wo mehrere israelitische Familien wohnen, war vorige Woche ein jüdisches Kind gestorben, welches nach erfolgter ortSämtlicher Todtenbcschau zur bestimmten Zeit auch daselbst bestattet wurde. Zur nicht geringen Ueberraschung der dortigen Iudenschast hatte sich gar bald im Dorfe und im ganzen Szöklerlande daS Gerücht verbreitet, daß die Juden diese Leiche zerstückelt und an alle israelitischen Wein- und Branntweinschänken vcrtheilt hätten, um damit die Getränke zu vergiften. Kein Szökler in der ganzen Gegend getraute sich mehr, beim Juden irgend welche Getränke zu genießen. Die Aufregung im Pöbel steigerte sich immer mehr, bald entstand ein großer Volksauflauf, durch Zuzüge aus der Umgegend verstärkt, und man scheute sich nicht vor der Kundgebung, sofort zur Vertreibung und Plünderung der Juden zu schreiten. Die Situation war — bei dem leicht erregbaren und zu allem Aeußersten fähigen Charakter unserer Szökler — eine höchst bedenkliche. — Die Salimaser Israeliten waren jedoch umsichtig genug gewesen, und hatten gleich beim ersten Auftauchen des Gerüchtes zur Bewachung des Grabes, abwechselnd für Tag und Nacht, je zwei Männer postirt, und der unterdessen eben aus Sz. Rögen heimgekehrte Herr Löbl Vermann begab sich sofort zum Stuhlrichtcramte nach Gycrgyo, Sz. Miklos, wo er den Stuhlrichter veranlaßte, daß dieser sogleich mit der Gendarmerie nach SalimaS sich verfügte, um die Angelegenheit zu untersuchen. ES war eben großer Berathungstag im Dorfe und der Volksauslauf um so größer. — Der Stuhlrichter vernahm zuerst die dort wohnenden Israeliten, um von ihnen die Urheber und Verbreiter des Gerüchtes angeben zu lassen. Als dies geschehen war, ließ er die Aufgegebencu — es waren darunter von den reichsten und vornehmsten Bauern des Dorfes — sofort in Begleitung von Gendarmen durch den Haufen hindurch vor sich führen, und nahm mit ihnen ein Verhör aus, welches von 2 Uhr Nachmittags bis 2 Uhr nach Mitternacht fortdauerte. — Aber schon daS Einschreiten der Gendarmerie hatte unsere wackcrn Szökler so eingeschüchttrt, daß sie, so viel ihrer konnten, alle fahnenflüchtig wurden. Die bereits Eingezogenen nahmen ihre Zuflucht zum Leugnen, keiner wollte etwas gesagt, keiner eine Drohung geäußert haben. Die Israeliten wollten sich zwar mit diesem Resultat nicht zufrieden geben, verlangten eine eingehendere Untersuchung, Exhumirung der Leiche, und daß von Seiten des Stnhlrichteramtcs die Grundlosigkeit des verbreiteten Gerüchtes allerorts in der Umgegend publizirt werden sollte. Der Stuhlrichter jedoch erklärte, dieses nur ans Kosten der Israeliten gegen Erlag von 50 Fl. österr. W. thun zu können. Das erfolgte Einschreiten des Stuhlrichters mit der Gendarmerie hatte eben so viel gekostet. Und dabei blieb eS. — Die Israeliten leben vorläufig weiter in Angst, denn wo die Szökler einen Salimaser Inden sehen, deuten sie mit Fingern auf ihn, daß dieser auch einer von jenen sei, die den Leichnam zerschnitten, um die Getränke zu vergiften. Frankreich. %* Paris, 14. Juni. Wir verdanken dem soeben erschienenen Annuaire des archives Israelites, von Herrn H. Prag ne herausgegeben, die folgenden Daten. Die Summe aller Juden Frankreichs betrügt zirka 130000, von denen mehr als ein Drittel auf die Stadt Paris und die zum Pariser Konsistorium gehörigen Gemeinden, weniger als ein Drittel auf daS übrige Frankreich und der Nest auf Algier zu rechnen ist. Das durch viele spätere Dekrete abgcänderte Hauptgesetz zur Regelung der Beziehungen des Judenthums zum Staate datirt vom 25. Mai 1644 (also drei Jahre vor dem preußischen Judengesetz von 1647). .Seit dem königlichen Dekrete vom Jahre 1831 war der Kultus bereits vom Staate bezahlt. Man muß indessen bei der zunehmenden Tendenz, die vollständige Trennung von Kirche und Staat zu erreichen, darauf gefaßt fein, daß sich auch der jüdische Kultus demnächst nur durch die Opfer seiner Bekenner allein wird erhalten müssen. Die älteste der vier Har-ptshnagogen ist die der N. D. de Nazarethstraßc, welche im Adar 5582 eingeweiht wurde. Dieselbe wurde indessen vor ca. 30 Jahren vollständig neugcbaut und im Nissan 5612 wieder in Gebrauch genommen. Der Neubau enthält 1200 Stellen und ist alleiniges Eigenthum der jüdischen Gemeinde. Die größte Synagoge ist die auf gemeinschaftliche Kosten der Stadt und der jüdischen Gemeinde erbaute Synagoge in der Rae de la Victoire. Dieselbe wurde am 27. Etlnl 5634 eingeweiht. Die Facade ist 38 Meter, Länge 44 Meter und Höhe