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Jeschurun · 1885-06-11 · Heft 24 (11.6.1885) · p. 379

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 24 (11.6.1885)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1885-06-11
Page
379 (sequence 2)
Language
German
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Ebenso wurde die Errichtung einer jüdischen ReligionSschule im Westen oder Südwcsten Berlins, wo eine solche mangelt, beschlossen und eine Kommission mit der Ausführung des Beschlusses beauftragt. h. Berlin, 4 Juni. Einer Besprechung des Buches ״Die Zahlculottenc in Preußen von Or. Otto Warschauer" in der ״Nation ' entlehne ich den folgenden Passus: ״Unter Friedrich dem Großen brachte die Lotterie sogar in keinem Jahre dem Staate auch nur 100000 Thaler ein. Aber der König war wie verscsscn auf diese Einnahmequelle, die von Mirabcau einer ebenso gerechten wie vernichtenden Kriiik unterworfen war. Einmal wurde der Plan ernstlich vcntilirt, ״der Judenschaft aufzucrlegen, jährlich eine Summe von 100000 Thalcrn Einsatz zur Lotterie zu kollck- Liren." Die Inden waren bekanntlich schon gezwungen, die Königliche Porzellanmanusaktur durch Zwangsankäufe zu unterstützen; nach Analogie dieser Einrichtuug sollten sie weiter pro patria heraugezogcn werden. DaS Unglück ging jedoch noch glücklich an der Judenschaft vorüber. 1. Ans dem Elsaß, 4. Juni. Die kleine israelitische Gemeinde zu Offen darf im Untcrclsaß beabsichtigt den Bau einer Synagoge. Die Mittel der Gemeinde sind aber sehr gering. Ihre Majestät, unsere allcrgnädigste Kaiserin, hat sich deshalb in ihrem frommen Sinne veranlaßt gefühlt, zur Förderung dieses Baues einen Beitrag zu senden. M. Frankfurt a. M., 5. Juni. Wie verlautet, ist das durch Frau Baronin Wilhelm Karl von Rothschild errichtete Siechcnhaus, von dem ich Ihnen schon voriges Jahr Erwähnung Lhat, so weit fertig gestellt und soll denwächst feinem Zwecke übergeben werden. * Karlsruhe, 3. Juni. Der PeusionSfonds für israelitische Lehrer und Kantoren Badens macht gute Fortschritte. Der II. Rechenschaftsbericht, welcher eben versandt wird, giebt den Beweis hierfür. Ende Dezember 1683 besaß der Bercin 881.71 Vermögen, Ende Dezember 1884 2506 X Die diesjährige Generalversammlung findet am 7. Inn: in Karlsruhe statt und wird dieselbe voraussichtlich stark besucht werden, da einschneidende Veränderungen der Statuten vorgenommen werden. Oesterreich-Ungarn. - Wien, 1. Juni, lieber die heutigen antisemitischen Exzesse in der Lcopoldstadt bringt die ״W. A. Ztg." folgenden interessanten Bericht: vier finden Wahlschlachten statt, in denen leider auch Blut fließt. Die Antisemiten leisten hier das Denkbarste an Roheit und Brutalität. Sie haben nach Hunderten vor den Wahllokalen Aufstellung genommen und schlagen jeden ״Saeßianer", der zur Wahl schreiten will, blutig nieder. Sie begleiten jeden Hieb, den sie ihren Gegnern versetzen, mit einem wahrhaften Jndianergeheul. Die Polizei erweist sich leider diesen! unerhörten Erzesse gegeuüber vollständig machtlos. Es ist begreiflich, daß unter diesen Verhältnissen die Ausübung des Wahlrechtes unmöglich gemacht wird, da anständige Wähler schaarenweise die Flucht ergreifen. Aus den Straßen kommt es zu argen Exzessen. Einen! Wähler wurde das Gesicht, einem andern der Kopf blutig geschlagen. Diese tumnltuarischcn Szenen wiederholten sich von 5 zu 5 Minuten. ES ist schwer möglich, die Aufregung zu schildern, welche sich der Bewohner und namentlich der Kauflcute bemächtigt. Die vollstündig bezechten Antisemiten durchziehen haufenweise die Straßen und Plätze und inszenircn wüste Skandale. Die Zahl der blutig Zugerichtcten dürste sich auf 30—40 belaufen. Es wird militärische Hülfe requirirt. * Wien, 6. Juni. Der Kolporteur Alois Heller, ein in ürullichcn Verhältnissen lebender Mensch, wurde vom Bezirksgerichte Neulcugbach wegen einer liebertrctuug gegen das Prcßgcsctz zu einer Geldstrafe verurtheilt. welches Erkenutniß das Krcisgcricht St. Pölten als Appell-Gerichtshof bestätigte. Heller richtete nun an das Krcisgcucht St. Pölten eine Zuschrift, in welcher er die Beschuldigung erhob, daß das Urtheil nur deshalb bestätigt worden, weil er ein Jude sei; er Hobe geglaubt, gerechte und nicht autiseruitische Richter zu finden. Zur Begründung dieser Ansicht führte er auch an, daß der Vorsitzende ihn ״angeschrien" habe. Auf Grund dieses Briefes wurde Heller vom Bezirksgerichtc Nculengbach wegen AmtS-Ehrenbelcidigung zu drei Wochen mit Fasten verschärften Arrests vcrurthcilt. Gegen dieses Urtheil meldete Heller die Berufung an, über welche heute das Wiener Appcllgericht als delcgirle Gerichtsbehörde zu entscheiden hatte. Heller .bemerkte, der Vorwurf des Antisemitismus könne ja doch keine Ehrenbelcidignug sein, da sich gegenwärtig auch hohe Herren, nämlich Abgeordnete und Doktoren, zu demselben bekennen. Der Vorsitzende, Landesgerichtsrath Preiß, erwiderte hierauf, daß Richter, welche nach gleichem Rechte über Angehörige aller Konfessionen urtheilen müßten, selbstverständlich hierbei niemals Gehässigkcit gegen eine Konfession bekennen dürften. Der Appellscnat verwarf die Berufung im Punkte der Schuld, setzte jedoch die Strafe auf eine Woche mit Fasten verschärften Arrests herab. In der Begründung wurde hervorgehobcn, daß in dem von dem Angeklagten zugestandenermaßen geschriebenem Briese dem Appelsenate in St. Pölten der schwerste Vorwurf geinacht wird, der gegen Richter erhoben werden kann: die Beschuldigung der Ungerechtigkeit und der Parteilichkeit aus lkasscnhaß. Was die Angabe des Angeklagten

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