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Jeschurun · 1885-06-04 · Heft 23 (4.6.1885) · p. 365

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 23 (4.6.1885)
Article
Deutschland : Thorn [Nachricht]
Date
1885-06-04
Page
365 (sequence 2)
Language
German
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365 au* Bequemlichkeit meistens!eine Anzeige gemacht, so daß seit Jahren viele der russischen Untcrthanen nicht nur leine Anscruhaltskarten hatten, sondern überhaupt gar nicht anaemetbet waren. Defterr cid) *Ungarn. G. Wien, 3l. Mai. Auch unsere NeichShauptstadt muß ihr Tisza-Eßlar haben, dachten einige Patrioten und da fcljnfcn sic eins. Nicht so dramatisch nüe in Ungarn, spielte diese patriotische That sich folgendermaßen vor dem Gerichte ab. Am i 8. April i'aiu die damals bei den! Kaufmanne Joseph Ehrlich bediensrcte Magd Marie Lischka zum Koimuissariat Landstraße und machte daselbst die Meldung, daß sie in der Nacht von der Tochter ihres Dicnstgcbers mit einem Messer überfallen und an der Brust leicht perletzt worden sei. Das Dieustutädchen wies dem amtirendeu Kommissär als Corpus delicti ein b!utbcfleeltes Küchcnmcsser vor, und thatsächlich konstatirtc man, daß sic an der Brust eine Verletzung, die mit einem spitzen Instrument: bcigebracht sein mußte, erlitten habe. Die Art und Weise jedoch, wie Marie Lischka die näheren Umstände des Falles dem Kommissär mittheilte, erweckten in demselben den Verdacht, daß die Anzcigcrin entweder übertreibe oder aber in Allem gelogen habe. Das Letztere stellte sich denn auch bald als unzweisclhaft heraus. Marie Lischka hatte nämlich danach gestrebt, ihren Dicusiplatz verlassen zu können, ehe ihre Kündigungsfrist abgclaufen war, und diesen ihren Zweck glaubte sie am besten dadurch erreichen zu können, wenn sie sich als Opfer eines von ihren Dienst׳- gcbern verübten Attentates bei den Behörden bczeichncic. Marie Lischka hatte sich indeß nicht allein damit begnngt, der Behörde eine Anzeige zu erstatten, sie war auch raffiinrt genug, Vorsorge zu treffen, daß die Sache die größtmögliche Publizität erlange, und in diesen! Bestreben wurde sie durch Johann Saucrmauu, Inhaber eines Dienstver!nittelungs-Bü׳ eaus, unterstützt. Sauermann schrieb eine Zeitungsnotiz, welche mit der Frage begann: ״B r a w ch e n die Juden C h r i st e!! - blut?" Die Antwort dieser Frage war durch den Inhalt der Notiz gegeben. Marie Lischka wurde in derselben als eine zweite ,.Esther Solymofi", Ehrlich aber als ein Mörder von Ehrislenntädchen hiugestellt, der einen Großverschlciß für Ehristenblut habe. Es sei, hieß es in dieser Arbeit des Sanenuann, nunmehr erklärlich, warum Ehrlich alle acht Tage einen neuen Dienstboten, brauche, und daher auch das Nüthsel gelöst, wohin die in letzterer Zeit aus Wien verschwundenen Mädchen kommen. Diese 'Notiz übergab cr einem Herrn, Namens Johann Nathan Hcferlcu, welcher sie einer Zeitung zuschicktc. Die Veröffentlichung dieses Berichtes unterblieb jedoch, und an seiner Stelle crschien die wahre Darstellung der Sachlage, wie sie vom Polizei Kommissariat Landstraße sestgestellt wurde. Marie Lischka wird sich demnächst vor Gericht zu verantworten haben, und heute mußte dies Johann Sauermanu thuu, da Herr Ehrlich ihn bei dem Bezirksgeeichte Landstraße wegen Ehrcnbcleidigung verklagt hatte. Der Richter Dr. Bayer beschloß jedoch, dir Verhandlung zu vertagen und die Akten der Staatsanwaltschaft abzutrcten, weil sich die Handlungsweise Sancrmann'S als Vergehen des § 302 (Aufreizung gegen Religions-Genossenschaften) qualifizire. — AuS Steiermark wird berichtet, daß der antisemitische Uhrmacher Buschen Hagen in Weißkirchcn kandidircn wollte, aber unverrichteter Dinge abziehen mußte, weil der Bürgermeister Anton TclSnigg die Einberufung einer Wählerversammlung für ihn verweigerte. Auch die Obdächer haben sich den Besuch Buschcnhageu'S und dessen Kauditatur daselbst verbeten. Nun hält sich derselbe in In den bürg auf, um da eine Wählcrversammlung einznberufeu. Wir wünschen ihm den gleichen günstigen Erfolg. *II* Pest, 3!. Mai. In den Pfingstfeiertagen jollen — so meldet ״Das Vaterland" — in einer Provinzialstodt Konferenzen behufs einer Rekonstruktion der Reichstäglichen Antisemiten Partei stattgesunden haben. Die Resultate scheinen nicht vielversprechend gewesen zu fein; mindestens wird heute mehrseitig gemeldet, daß einzelne Mitglieder dieser Partei sich zum Eintritt in die ״gemäßigte Opposition" und in die ״Unabhängigkeitspartei" gemeldet haben. Bon Seiten des Vorstandes dieser beiden Parteien wurde ihnen jedoch bedeutet, daß Deputirte, die auf Grund eines ausgesprochenen antisemitischen Programms in den Reichstag gewählt worden sind, in den genannten Parteien keine Aufnahme finden könnten, falls sie nicht ihren bisherigen politischen Standpunkt anfgcben und die unbedingte Gleichberechtigung aller Konfessionen und Nationalitäten anerkennen wollten. — Man sieht hieraus, wie faul es mit der Antisemitenpartci in Ungarn bestellt ist, und man kann wohl die Erbitterung der starren Anlisi'mitcn gegen die Abtrünnigen begreifen; und in seinem Sinne hat allerdings .,Das Vaterland" Recht, wenn cs schreibt: ״Entweder haben die Antisemiten mit Ucberleguug ihren Standpunkt gewählt und dann ist cs ihre männliche Pflicht, dabei ansznharren; oder sie haben blos ein populäres Schlagwort anfgegrisfcn, um mit dessen Hülse bä# Deputirten- Mandat zu erlangen, dann wäre es eine sträfliche Frivolität, die man sonst ernsthaften, sittlichen Leuten nicht znmuthen kann. Jedenfalls haben die Wähler ein Recht, in dieser Angelegenheit offen die Wahrheit zu fordern." — Daß aus diesen Worten di- Verzweiflnng an &em Bestand der Antisemitcnpartci spricht ״.-i

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