Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1885)
- Article
- Deutschland : Hannover [Nachricht]
- Date
- 1885-06-04
- Page
- 362 (sequence 2)
- Language
- German
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362 generellen Vorwurf erheben, welcher sie des Einzigen beraubt, was sie mit auf die Wanderschaft nehmen, ihres ehrlichen Namens. Man sollte vor dem Unglück eine heilige Scheu haben und nicht die Spalten eines angesehenen Organes leichtsinnig benutzen, um den von einem grenzenlosen Mißgeschicke Heimgesuchten einen Steinwurf mit auf den Weg zu geben. -a- Berlin, 31. Mai. Ja er lebt, der Antisemitismus! Wie sollte er auch nicht? Lebt und wirkt doch in ungebrochener Kraft Herr Hofprcdiger Stöcker, und ist doch Herr Pickenbach von seiner Krankheit glücklich genesen, und gesellt sich doch zu ihnen auch als neues Licht am antisemitischen Himmel der Redakteur der ״Zukunft" und Mitarbeiter am ״Reichsboten", Herr Di׳. S. M a y. Wer daran noch zweifeln kann, der ist wirklich mit Blindheit geschlagen. Zwei imposante Versammlungen legen ein unwiderlegliches Zeugniß von diesem lebendigen Antisemitismus ab, eine in dem Dorotheenstädtischen Kasino seitens der ״christlich-sozialen Partei", und eine in der Viktoria- Brauerei an der Lützowstraße seitens des ״Deutschen Antisemitcn-Bundes". Es ist schade, daß Sie. Herr Redakteur, mir den Raum zu sehr beschränkt haben und ich Ihren Lesern nicht so ausführlich und eingehend über die Offenbarungen des antisemitischen Geistes zu berichten im Staude bin, wie es des Gegenstandes würdig wäre. Ich muß mich Ihrer Weisung gemäß also recht kurz fassen. Ein Schreckliches hat sich in unserer guten Stadt Berlin zugetragen: wir sind mit einem Standesbeamten belastet worden, der, — entsetzlich, aber leider wahr — ein Jude ist. Herr Stöcker mußte deshalb zum Thema seines zündenden Vortrags in dem Kasino das brennende Tagesereigniß: ״Ein jüdischer Standesbeamter" wählen. ״Aufrichtig und tief" ist der Schmerz, der ob dessen Existenz, nach Herrn Stöckers Versicherung, ״weite Kreise" ergriffen hat. Er will gegen oeu Mann nichts sagen, auch nichts gegen die städtische Obrigkeit, die ihn bestellt hat, aber — ja was aber? — ״es ist verletzend für das religiöse Gefühl der Christen, wenn sie die Geburt ihrer Kinder, wenn sie den Tod ihrer Lieben beim Inden auzeigen sollen", und er findet cs ״unerhört, daß eine christliche Obrigkeit für christliche Bürger einen jüdischen Standesbeamten, einen fremden, unserem Volke nicht angehörenden Manu ernennt". Das ist das ״Aber". Und in dieses ״Aber" gehört noch gar vieles hinein. Verditterung der Gcmüther, Verschärfung der Judcnfrage, Vergrößerung der Religionslosigkeit, Ueberhaudnahnie der Verbrechen, der unnatürlichen Unzucht, Ueberschmemmung des jüdischen SchülcrelementS in den höheren UnterrichtSanstaltcn, dem Advokaten- und Richterstand, das Geständniß, daß Herr Stöcker ״natürlich keine Zeit (nur diese?) hat. sich durch den Talmud selbst hindurchzulescn", der Fehler der Judenemanzipation, ״die nur auf dem Wege der Verwaltung oder wenn das ganze Volk die Ketten derselben nicht mehr dulden will" beseitigt resp. eingeschränkt werden kann. Und alles dieses hat ״ein jüdischer Standesbeamter" bewirkt! Herr Stöcker kommt somit zu dem Schluß, ״daß die meisten Gebildeten unserer Zeit verjudct seien", darob merkwürdiger Weise stürmischer Beifall des Auditoriums und einstimmige Annahme der Resolution: ״Gegen die Ernennung eines jüdischen Standesbeamten aus dem Gewissen und der Seele unseres Christenthums und unserer Nation heraus aus das Energischste zu protestiren und alle gesetzlichen Wege, wenn nöthig, bis in die höchsten Instanzen, einzuschlagen, um eine Wiederholung zu verhindern". — Kommentar überflüssig. Nur eine ganz kurze Bemerkung. Wenn die Einführung der vom Staate geforderten standesamtlichen Bekundung der Geburten, Todesfälle und Eheschließungen nicht gegen das Christenthum und das Deutschthum verstößt, so dürfte eine wahrhaft christliche und deutsche Gesinnung an dieser Resolution und der vorausgegangenen Begründung durch die Stöckersche Rede gerade kein Wohlgefallen finden. — Was nun die Versammlung des deutschen Antisemiteubundes anbelangt, so will ich noch kürzer sein. Der Held des Abends in der Viktoria-Brauerei war dieses Mal eben jener Herr May, welcher über das Thema sprach: ״Wie muß selbst der Jude Antisemit werden". Der Redner ist selbst ein Jude und cntblödete sich nicht, die Juden und das Judenthum wiederum durch Lügen und Entstellungen zu verunglimpfen und sich dadurch — ich bin dessen fest überzeugt — auch in den Augen seines ihm Beifall spendenden Publikums keineswegs einen Ehrenpreis zu stiften. Von einem der Anwesenden, Herrn Oberlehrer Langheineke, gedrängt, gab er zum Schlüsse die Erklärung ab, daß er ״innerlich bereits auf christlichem Boden stehe, von einem äußerlichcu Uebertritt vorläufig aber noch habe Abstand nehmen müssen, doch würden sich die betreffenden Schwierigkeiten bald heben lassen." Ich glaube nicht, daß er am heutigen Abend bewiesen hat, daß er auf christlichem Boden steht. Das Christenthum verabscheut cbenfallö Lüge und Verleumdung und warnt cindringlich auch vor der Verbreitung von lügnerischer, verleumdcrischer Anschuldigung aus Leichtfertigkeit und Unwissenheit ebensowohl wie aus Vorbedacht. Ich beneide den deutschen Antisemitenbuud nicht wegen der Akquisition, die er an Herrn May gemacht hat. 0. Gerlitt, 1. Juni. Herr vr. Jakob Ecker, Privatdozent an der Akademie zu Münster, erläßt in der gestrigen ״N. Pr. Ztg." eine Erklärung, in welcher cS u.A. heißt: ״Ich erkläre also hiermit allen Christen auf meine Priesterehre und allen Juden an Gidesstatt: