Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1885)
- Article
- Die Ausgewiesenen
- Date
- 1885-06-04
- Page
- 361 (sequence 1)
- Language
- German
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M 2S . Jeschurun. 361 Die Ausgewiesenen. Von Jcd i djah. Finst're Wolken hängen drohend An dem dunklen Firmamente, Heiß und schwül die Nacht sich lagert Ans der müden, durst'gen Erde. Stille, stille sind die Gassen, Schweigen hüllt die Häuserreihen — Alles schläft — nur Fledermäuse Gleich Gespenstern leise flattern. Tiefe Ruh' liegt ausgegossen Auf den matten Menschcnsöhncn — Alle ruhen von der Arbeit In dem sichern, trauten Heime. Doch — ein mattes Leuchten schimmert Durch die engsten, kleinsten Gassen — Doch auch dies scheint zu erlöschen Bald im weiten, weilen Dunkel. Horch! ein Seufzen und ein Klagen Dringt aus winz'gcn, engen Hütten, Kinder weinen, Mütter jammern — — Finster stehn die kräft'gcn Männer. In der Ecke liegen Bündel, Aermlich — all ihr Gut und Habe, »־• Und cs scheint, sie sind gerüstet Jcht zu weitem, weitem Wandern. Ja, zum Wandern schlügt die Stunde Jetzt den Armen unbarmherzig — Fort von hier, ׳— fort von der Stätte, Wo so lange sie gcweilet, — Wo in Arbeit und in Mühen, Aber froh des sichern Heimes, Sie für ihre Kinder schafften, Freudig Gottes Hülf' vertranten, — Wo in ihrem ganzen Leben Sic am glücklichsten gewesen, — Jeder Stein den Schweig bezeuget, Den sie für ihr Glück vergossen. Fort, jetzt fort! Laßt Eure Klagen, Laßt das Wimmern, Weiber, Kinder — Nehmt die Bündel, faßt die Stöcke, Jetzt hinaus! Die Zeitz verrinnet. Doch wohin, wohin sich wenden?- Gleich ist's — nur hinweg von hinnen Ihr seid Juden, deshalb wandert, Wandert, bis Ihr ausgerungcn! Glaubt nicht, daß die reichen Brüder Sich auf ewig sicher fühlen —, Auch für sie schlägt noch die Stunde, Wo der Mahnruf fort sic scheuchet. — Scheidet von der Stadt, den Brüdern, Die Euch milde stets genahet — Scheidet nicht in Groll, im Grimme, Nicht verzweisclt — aber scheidet! Nun ade! mög' Gott euch schützen, Acrmstc, auf der langen Wand'rung — Hoffet immer — Allen leuchtet Einst zur Zeit der Tag der Rettung. — Vis das Wetter losgebrochen, Vis der Sturm und Hagel wüihen. Könnt' vielleicht die nächste Herberg' Ihr zum Schutze noch erreichen. Gleich Gespenstern durch die Gassen Schreiten schnell die AnSgewies'nen — Dunkel hüllt die jetzt Verschwnnd'nen — Gott mit Euch, ihr armen Brüder! ^nrri'fhnuhf'tnrn inth SftrrrfmrTitrti V n*j*w*♦ Deutschland. -fr Hannover, 1. Juni. Der ״Hannoversche Courier" ist jedenfalls mit der von ihm in seiner vorgestrigen Ausgabe über die Ausweisung von hier angesiedelter fremdländischer Inden gebrachten Notiz nicht gut bedient worden. Es beruht aus einer durchaus irrigen Kenntniß der Thatsachen, wenn dort angegeben worden ist, daß dieselben ״im Wege der Hansbettelci das Publikum gebrandschatzt" haben. Ebenso ist cs nicht gehörig, wenn dieselben im Allgemeinen der Unredlichkcit bezichtigt werden. Es soll nicht in Abrede genommen werden, daß einige Fälle im Laufe der vergangenen Jahre vorgekommen sind, in welchen einzelne der fremden Israeliten wegen Ankaufs entwendeter Gegenstände bestraft wurden. Diese Fälle aber standen nur vereinzelt da. Es kann dagegen konstatirt werden, daß die zunächst von den! Ausweisungsbefehl Betroffcncn durchaus unbescholtene Leute sind, von welchen nur ein Einziger wegen einer Gewerbe-Steuer- Kontravention — er besaß nur einen Gewerbeschein zum Hausiren in der Stadt und wurde im Außengebiete beim Hausiren betroffen — mit einer Geldbuße von wenigen Mark bestraft worden war. Ob die Ausweisung auf alle fremde Juden ausgedehnt werden wird, steht nach dahin. Jedenfalls sollte man gegen die wahrlich sehr Bedauernswerthen nicht einen solchen