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Jeschurun · 1885-05-28 · Heft 22 (28.5.1885) · p. 348

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 22 (28.5.1885)
Article
Rußland : Petersburg [Nachricht]
Date
1885-05-28
Page
348 (sequence 1)
Language
German
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Rußland. . .z. Petersburg, 22. Mai. Wie ich aus den Zeitungen erfahre, sind im vorigen Monate etwa dreihundert unserer (Glaubensgenossen auS Südrußland über Hamburg nach Amerika auSgewandert, welche größtcntheils dem Handwerkerstände angchörcn. — Es soll jetzt seitens der Judenkommission ein Vorschlag dem StaatSrathc unterbreitet werden, welcher eine Negelang der Zulassung von jüdischen Studenten an den Universitäten erzielt. In welchem Sinne, ist nicht bestimmt. ...z׳. Warschau, 24. Mai. Aus einem kleinen Orte Podoliens verlautet zur Abwechslung einmal ein erfreuliches Faktum. Die hochweisen Mitglieder׳ der Bauerschaftsvertretnng zu Michalowka hatten den gcschcntcu Einfall, höheren Orts dahin vorstellig' zu werden, daß den unter ihnen weilenden Juden der fernere Aufenthalt verboten werde. Sie wurden aber darauf abschläglich bcschicdcn und ihnen bedeutet, daß sic sich an den Juden ein Beispiel nehmen möchten, welche nicht ihr Hab und Gut dem Branntwein zum Opfer bringen, nicht zu exorbitanten Zinsen Anleihen zu machen gezwungen sind, sondern betriebsam, fleißig und sparsam vorwärts zu kommen streben. Türkei. * 5ronstantmopel. Wie bekannt, befinden sich so ziemlich in allen Theilcn des türkischen Reiches protestantische Missionäre, welche, im Wettlauf mit Jesuiten und Lazaristen, die Türken, Griechen. Juden, gregorianische Arurenicr rc. zu ihrer Religion bekehren sollen. Schon seit Jahrzehnten werden die Versuche systematisch betrieben, ohne aber bislang von irgend nenncnswcrthem Erfolg begleitet gewesen zu sein. Höchstens daß ab und zu einmal ein Armenier, gewohnlich ein armer Teufel, die erbaulichen Worte des fränkischen Predigers in dem Maße auf sich wirken ließ, daß er Bekanntschaft und Verwandtschaft entschlossen Valet sagte und umsattelte. Ein solcher Prediger, den die schottische Missionsgescllschaft auSsandtc, wirkt seit einer Reihe von Jahren auch in S alonichi — ein ebenso biederer als gelehrter Herr, dem die schwierige Aufgabe znfiel, unter den in großer Zahl daselbst ansässigen Inden Propaganda zu machen. In kurzer Zeit hatte der würdige Mann das unentbehrliche ״Spanisch-Jüdische" so vollkommen inne, daß er mit seinen neuen Freunden recht eingehende Besprechungen führen konnte. Sie hörten ihn willig an und fanden alsbald so großen Gefallen an ihm, daß sie sich oft- , mals Rath bei ihm erholten. Der ״fränkische Rabbiner" mußte Streitigkeiten geschäftlicher und häuslicher Natur schlichten, in spanisch-jüdischer Sprache verfaßte Dokumente korrigircn und selbst in Geschäftsspekulationen seine Meinung abgeben — aber freilich bekehren ließ sich keiner. Vor Jahren hatte allerdings ein armer Jude ihm zugcsagt, dies thun zu wollen, allein im kritischen Augenblicke hatte er ihn im Stich gelassen. Darüber tröstete sich der Geistliche aber bald wieder und da er sah, daß er aus den Juden keine Christen machen konnte, so suchte er wenigstens gute Menschen unter ihnen zu erziehen. Nun hat aber kürzlich die schottische Missionsgescllschaft beschlossen, den Posten in Salonichi zu unterdrücken. Und waS geschah? Die Juden der Stadt thaten sich sofort freiwillig zusammen und beschlossen, an die Gesellschaft eine Bittschrift zu richten, zu dem Zwecke, ihren biederen Lehrer und Rathgcbcr zu aller Heil und Frommen auf seinem Posten zu erhalten. Damit nicht genug, erklärten sie sich bereit, die Bestreitung der nöthigcn Kosten durch Sammlungen unter sich aufzubringen, so daß die schottische Missionsgescllschaft nichts weiter zu thun hatte, als ihre Zustimmung zu geben. Der in Salonichi so geachtete Manu, ein Freund des Volkes im besten Sinne des Wortes, heißt Peter Erosbic. Größeren moralischen Erfolg wie dieser hat ein Missionar in der Türkei wohl kaum noch aufzuweisen gehabt. (Frsr. Ztg.) Rumänien. ...z. Bukarest, 22. Mai. Zur Illustration der Dorohvicr Gräuel ein neues Bild. Der jüdische Spczerciwaarenhändlcr Meier Bl nur me r war dem Hochgebietcuden in der Stadt mißfällig. Es galt einen Vorwand, um ihn zu malträtircn. Eine Polizeilizeiliche Revision ergab, daß Blummer ein leeres Faß auf seinein Hof stehen hatte. Er erklärte, solches zurückgcftcllt zu haben, um eS bei der Jllnmination für das Königsfest zu benutzen. Trotzdem wurde es konfiszirt als eorpuL delicti für die Verunreinigung des Hofs. Man glaubte, der Eigcnthümer werde cS rcklamircn, und einmal auf dem Polizcibürcau, konnte man ihm Gewalt anthun. Blummer hütete sich aber wohlweislich. Nun häufte sich Chikane aus Chikane, so daß der arme Mann endlich den sauren Gang zur Polizei machte. Hier wurde er ohne Weiteres derartig mißhandelt, daß an seinem Auskoinmen zu zweifeln ist; und dann wurde er hcimgeschickt. Man bemüht sich vergebens, Sühne für das rohe Attentat zu erlangen. — In Plojcsti wurde kürzlich ein fremder Herr, welcher in einem Kaffeehause seine Zigarre rauchte, arg mißhandelt. ״Wie darfst du, verdammter Jude, cs wagen, hier zu rauchen!" so lautete der Grund dafür. ES stellte sich aber heraus, daß der Fremde kein Jude war, und nun sieht der Attentäter seiner Bestrafung entgegen. Amerika. 11. Newyork, im Mai. Wer blind sein will, der sieht auch nicht am Hellen Mittag, wer taub bleiben will,

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