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Jeschurun · 1885-05-28 · Heft 22 (28.5.1885) · p. 347

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 22 (28.5.1885)
Article
Österreich-Ungarn : Wien [Nachricht]
Date
1885-05-28
Page
347 (sequence 2)
Language
German
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würde», daß sie nicht im Stande seien, gegen die 1 '-2 Millionen Inden aufzukommen. Also fort mit den Schlagwortcn, die nur Jenen willkommen sind, welche das ״Divide et impera“ zu ihrem Prinzip gemacht haben! Diese Ausführungen wurden von dem lebhaftesten Beifall des zahlreichen Auditoriums begleitet. *II* Pest, 18. Mai. In weiterer Ausführung meiner gestrigen Mitthcilung (f. vorige Nummer) über die Auslassung des Ministers von Tis za, lasse ich hier dieselbe eingehender folgen: Der Abgeordnete Komlosy interpellirte den Minister des Innern in Angelegenheit der massenhaften Einwanderung der aus Rußland vertriebenen Judenschaft nach Ungarn.— Ministerpräsident TiSza antwortete, er habe von einer Einwanderung in größerem Maßstabe keine Kenntniß, da eine solche nicht cxistire. Dem Interpellanten scheine der vor einigen Jahren eingetrctene Fall vor Augen zu schweben, als die Juden in Rußland mit Gewalt, Feuer und Eisen verfolgt wurden; aber auch damals nahm die Einwanderung nicht solche Dimensionen an, wie befürchtet worden. Im Ucbrigen will der Minister- Präsident von dieser Stelle nichts sagen, was Rußland auch nur im Mindesten derogiren würde; er muß jedoch bemerken, daß bisher in freien und verfassungsmäßigen Staaten das Vorgehen de; russischen Regierung nicht als ein solches betrachtet wurde, welches man zustimmcnd, gewissermaßen als Beispiel hinzustellen pflegt. (Beifall.) Diese Entdeckung blieb nur dem Interpellanten Vorbehalten. Der Ministerpräsident betont, daß keine außerordentlichen Fälle vorhanden seien, welche außerordentliche Versügungen motiviren würden. Was die Auswanderung aus den oberungarischen Theilcn betrifft, so weiß Jedermann, daß dieselbe bedeutend in Abnahme begriffen ist; auch weiß Jedermann, daß die Auswanderer in Ungarn immer Arbeit fänden. Die wahre Ursache der Auswanderung, gegen welche wir übrigens Alles anwenden, ist die Aufreizung, die von Vielen lediglich aus Gewinnsucht begangen wird. (So ist's!) Zur Sanirung des Uebelstandcs dient auch, daß Amerika selbst gegen die Einwanderung unbcmitteltcr Individuen Stellung nimmt. Was das Verlangen des Interpellanten betrifft, glaubt der Minister- Präsident, eS lasse sich mit dem einfachsten Begriffe des freien Staates kaum vereinbaren, Jemanden nur aus dem Grunde abzuschieben, weil er aus Rußland kommt und weil er Jude ist. Jeder, ob Jude oder Christ, muß abgeschoben werden, der dazu entweder durch, gefährliche Umtriebe Anlaß giebt, oder der arbeitsscheu ist und jener Gesellschaft zur Last fallen würde, in deren Mitte er sich einnisten wollte. Solchen Individuen gegenüber werden auch die heute bestehenden Verfügungen ohne Rücksicht auf die Konfession geltend gemacht. (Lebhafte Zustimmung.) Der Interpellant verlangt einen Kordon gegen die russischen Inden, gleichwie die Regierung die Grenzsperre gegen eine Seuche veranlaßte. Diesbezüglich erklärt der Ministerpräsident, daß er gegen Jene, die nach Ungarn kommen wollen, nur deßhalb, weil sie einer gewissen Konfesson oder Nasse angchören, keinen Kordon ziehen werde. Gegen Seuchen, welche den Körper bedrohen, lassen sich wohl Maßnahmen treffen; gegen geistige Seuchen jedoch ist Derartiges in einem freien Staate sehr schwierig. (Heiterkeit.) Denn der Herr Abgeordnete möge dessen gewiß sein, daß er, wenn dies möglich wäre, hier nicht jene Lehren verkünden würde, zu denen er sich bekennt. (Lebhafte Zustimmung und Heiterkeit.) — Die Antwort wurde fast einstimmig zur Kenntniß genommen. Schweiz. ל Zürich, 24. Mai. Der des Mordes an den Handelsmann Oppenheim angeklagte I. Hauser wurde vorgestern vom Schwurgerichte unter Annahme mildernder Umstände zu 15 Jahren Zuchthaus und zu 5000 Franken Entschädigung an die Familie des Ermordeten verurtheilt. England. -0- London, 23. Mai. Das warme Interesse, welches Sie, geehrter Herr Redakteur, für das Schicksal der armen Emigranten in unserer Metropole bethätigen, läßt mich cS wagen, Sie um Aufnahme dieser Zeilen zu ersuchen. Wenn in denjenigen Kreisen, welche hier als die maßgebenden gelten, nanientlich dein Fremdenasyl und dem damit in Verbindung stehenden Bcthhamidrasch nicht das gebührende Wohlwollen gezeigt wird, so dürfte hierfür weniger eine mangelnde Empfindung, als der Mangel eines Verständnisses für .die Lage der Armen die Ursache sein. In dem VerwaltungS> körpcr der verschiedenen wohlthätigen Vereine ist zunächst der Ncichthunl vertreten und zwar mit vollem Rechte, weil der Armuth und dem Elend allerdings nur durch materielle Hülfe zu begegnen ist, und Diejenigen, welche hierfür am meisten kontribuiren, auch über die Ver- Wendung der Mittel ein entscheidendes Wort zu sprechen haben. Aber man sollte doch nicht vergessen, daß auch Einsicht und spezielle Kenntniß der ärmlichen Verhaltnisse dazu nöthig ist, um auf die angemessenste und entsprechendste Weise gegen die Noth einschreiten zu können. Ein solches Vcrständniß findet sich aber öfters und sicherer bei Denjenigen, welche nicht zu den obersten Zehntausenden der Gesellschaft zählen. Nicht umsonst heißt es אשרי משכיל אל דל. Bei den Wahlen zu den verschiedenen Boards sollte deshalb hierauf mehr Bedacht genommen werden.

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