Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1885)
- Article
- Deutschland : Breslau [Nachricht]
- Date
- 1885-05-28
- Page
- 346 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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346 □ Breslau, 26. Mai. (Franz). ״Sag' mir, was ist die größte Sünde und die Gott am grimnligsten aufbringt?" (Moser). ״Ich kenne nur zwei, aber sie werden nicht von Menschen begangen, auch ahnen sic Menschen nicht." (Franz). ״Diese zwei?" (Moser). ״Vatermord heißt die eine, Brudermord die andere-". Pater- und Brudermord — den Mordstahl gesenkt in des Vaters, in des Bruders Herz — entsetzlich! Dennoch gicbt eS Entsetzlicheres. Des Vaters, des Bruders Ehre schänden, schmähen, was ihnen das Heiligste gilt, den Feind gegen sie Hetzen — das dünkt mich das Grausigere. Aber gewiß, Menschen verüben solches nicht, Menschen, in deren Brust noch nicht alles menschliche Gefühl ertödtet ist. Nur dem gestörten Geiste entstammt solch wahnwitziges, grauenhaftes Thun. — Der Gegenwart ist ein Schauspiel eigener Art geboten. Ein Jude, Simon May, im Vereine mit den Antiscmitcn — ein Christ, Professor Strack, zur Abwehr der von diesem Juden gegen Juden und Judenthum geschleuderten unwahren Verdächtigungen! Dieser Simon May ist ein Breslauer. Sein Vater, dessen Andenken trotz deS Sohnes ein gesegnetes bleibe zu allen Zeiten, war ein frommer, tugendhafter, gelehrter Mann, dessen ganzes Leben der in begeisterter Hingebung geübten Erfüllung des jüdischen Gesetzes geweiht war. Was Simon May dem Professor Dr. Strack in Nr. 114 der ״Kreuzzeitung" als ״vorläufige Antwort" erwidert, verdient jüdischerseitS keine Widerlegung. Wohl aber möge in der jüdischen Chronik des Tages verzeichnet stehen, daß der Jude Simon May sich nicht entblödet hat, Lügen und Schmähungen über das Heiligthum seiner Väter und seiner Stammesgcnossen zu verbreiten, und daß ein christlicher Ehrenmann sich gedrungen fühlte, dagegen in die Schranken zu treten. * Greifenberg (Pommern), 16. Mai. Der ״P. RchSp." schreibt man: Am 13. d., Nachmittags, ist in der St. Marienkirche ein seltener Taufakt vollzogen. Bei der 4. EScadron 3. DragonerrcgimcntS befindet sich ein Dragoner, der, bisher jüdischen Glaubens, jetzt öffentlich, in Gegenwart seiner Kameraden, zum Christenthum übcrtrat und sich taufen ließ. Pathcn waren der EskadronS-Chcf, ein Offizier und ein Wachtmcistcr. (Die ״Pomm. Ncichspost" hält eS für nöthig, noch ausdrücklich zu bemerken: ״Der Getaufte hatte selbst seinen Uebcrtritt beantragt.") Ä Schildberg (Prov. Posen), 22. Mai. Auf Grund des JudcngesctzcS vom Jahre 1847 ist der aus Rußland stammende und nicht das preußische Jndigenat besitzende Rabbiner Herr Marmorstein von hier ausgcwiesen worden. d. Posen, 24. Mai. Die hier angesiedelten russischen Unterthanen, einige dreißig Familien, jüdischen Bekenntnisses haben den Befehl erhalten, binnen einer kurzen Frist Stadt und Land zu verlassen. Die Leute sind von der Noth getrieben hierhergekommen und haben sich fleißig und redlich zu ernähren gesucht, was ihnen auch so ziemlich gelungen ist. Sie fanden in unserer Gemeinde kräftige Unterstützung; unser Herr Oberrabbiner Dr. Feilchcnfeld nahm sich namentlich ihrer an und richtete für sie einen regelmäßigen שיעור ein. Die Lage derselben ist jetzt sehr bejammernswcrth; sie wissen sich keinen Rath, wohin sie ihre Schritte lenken sollen. In der alten Heimath wartet ihrer Noth und Elend. Deutschland ist ihnen verschlossen. Sie fürchten, daß auch andere Staaten dem hier gegebenen Beispiele folgen werden und sie nirgends auf der weiten Erde ein Plätzchen finden können, wo ihnen Ruhe und Rast winkt. ד׳ יהיה בעזרם! p. Münster i. W., 25. Mai. HerrDr. Ecken:, Dozent an der hiesigen Akademie, erklärt in der ״Germania", daß er die ihm zugeschriebene Autorschaft der zu Steele im Verlage des Reformvereins erschienenen Schrift: 100״ Gesetze des Judenkatechis« mus" ablehne. Herr Dr. Ecker hat sich bekanntlich dadurch einen Namen gemacht, daß er den Justus'schen Judenspiegel wissenschaftlich untersucht hat. Oesterreich-Ungarn. t. Wien, 24. Mai. Die Reichstagswählen nehmen das ganze Interesse der Bevölkerung in Anspruch. Eine Wählerversammlung reiht sich an die andere; jedoch für ein spezifisch jüdisches Zeitorgan wie das Ihrige eignet sich keine Schilderung derselben. Ich erwähne ihrer auch nur, weil sich hier ebenfalls die antisemitische Strömung des Tages Bahn zu brechen sucht, aber Gott sei Dank meistens auf kräftigen Widerstand stößt. So hat der eine Kandidat, Herr Kammerrath Wrabetz, die Gelegenheit benutzt, sich entschieden gegen den AntisemitismuS anszusprechen. In seiner Wahlrede vom 2l. d. M. ließ er sich ungefähr folgendermaßen in dieser Hinsicht aus: Die Verhetzung einzelner Klassen und Konfessionen haben bei uns einen Grad erreicht, den jeder Patriot bedauern müsse. Die antisemitische Bewegung sei ein Schandfleck unseres aufgeklärten Jahrhunderts, der um jeden Preis getilgt werden müsse. Die Behauptung, daß nur die Juden an den schlechten gcwerblichen Zuständen schuld seien, ist falsch. Die Haupt- Ursache dieser schlechten Zustände ist die unvermittelte Einführung der Gewerbefreiheit gewesen, die eine große Konkurrenz hervorrief, welche die Lage des Gewerbes verschlechtern mußte. Allein genau dasselbe ist auch bei christlicher Konkurrenz der Fall. Es wäre eine Schande,! wenn die 36 Millionen Nichtjuden in Oesterreich erklären