Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1885)
- Article
- Deutschland : Berlin [Nachricht]
- Date
- 1885-05-28
- Page
- 345 (sequence 1)
- Language
- German
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M22. JeschnrriNi 345 Korrcspondtnzcil und Nachrichten. Deutschland. 0. Berlin, 24. Mai. Der ״Jude" Singer, durch den Steinwurs in das Fenster des König!. Palais bekannt, von dem die Antiscmitenblätter soviel Wesens ,nachten und behaupteten, daß die Juden ihn ״natürlich" fälschlich geisteskrank hinstellcn wollten, ist nun wirklich von den Aerzten für irrsinnig errlärt und gestern aus der Charite; von einem Berwandten zu seiner Familie nach Ncissc abgeholt worden. Die Untersuchung ist eingestellt. Die Kreuzzeitung berichtet hierüber, indem sic den Unglücklichen den ״jüdischen Strolch Singer" nennt. 0. Berlin, 25. Mai. Dic vom Domhülfspredigcr a. D. G ändert zum Dienstag Abend nach der ״Ton- Halle" in der Friedrichstr. 112 cinberufene Volks- Versammlung, in welcher der Einberufer einen Vortrag über: ״die Behandlung der sog. Judenfragc seitens der christl.-soz. Partei" halten wollte, ist nach der ״VolkSztg." ans Grund des Sozialistengesetzes vcrboten worden. Die Versamrulung wäre jedenfalls eine sehr tnrnultnarische geworden, da die Antisemiten und Christlich-Sozialen ihren Heerbann zu dieser Vcrsamml'ung aufgcboten hatten. — Aus dem gestrigen Feuilleton der Nationalzeitung, ״Etwas vom alten Berlin", entnehme ich die Notiz, daß in dem Adreßkalender von 1775 neben den achtnndzwanzig approbirtcn praktischen Aerzten auch die ״Medici jüdischer Nation:" Dr. Benjamin de Lemos. Di׳. Elieser Bloch und Di‘. Moses Böhm damals in Berlin existirtcn. Ebenso findet sich unter den Hebammen auch eine ״bei der jüdischen Nation:" Güitle Levinen. — Wie Berlin überhaupt sich seitdem ,ungestaltet hat, ebenso auch die jüdische Gemeinde in derselben. Die gesanunte Einwohnerzahl hat sich verzchnsacht, die jüdische etwa um das dreizehnfache vermehrt. AV. Frankfurt a. M. Die Israelitische Waisenanstatt, Knabenabtheilung, beherbergte Ende 1884 27 Zöglinge. Im Lause des JahreS waren. 7 entlassen worden, von welchen 3 in Waarengeschäfte traten und 4 sich einem Handwerk (Steinmetz, Gärtner, Buch binder, Sattler) widmeten. Dagegen wurden Ostern 6 und im Herbst 5 neu ausgenommen. 12 der Anstalt entwachsene Knaben wurden ans dem MoscS und Klara Schifs'schen Fonds unterstützt. Die vor zwei Jahren gegründete Mädchenabthcilung sah sich durch eine anonyme Schenkung von 25 000 JL und die Gabe von 20 000 Jk seitens des Freiherrn und der Freifrau Wilhelm von Rothschild in den Stand gesetzt, ein besonderes Haus zu erwerben und 4 weitere Pfleglinge aufzunehmen, so daß jetzt 15 Mädchen in dem Hause sind. In den Vorstand der Anstalt wurde an Stelle des verstorbenen Herrn I. Kauffmann, Herr B. Benjamin gewählt. ׳ Die ansschcidendeu Herren Selig, Goldschmidt und Adolf L. A. Hahn wurden wiedergewählt. Die Knabenabtheilung erhielt an Geschenken und Legaten 16 771 Jk (darunter 3000 Jk Legat des Herrn Dr. Odrcll, 1500 Jk Legat der Freifrau Lioncl von Rothschild, 1000 Jk Legat des Herrn Z. W. Wertheimbcr und 1000 Jk von Frau Josef Oppenheim in Brüssel), au JahreSbeitragen 6092 Jk, desgleichen für besondere Zöglinge 2255 Jk. Zinsen 2934 Jk, Einnahmen aus der Synagoge 552 JL Außerdem erhielt sowohl die Anstalt wie die Zöglinge eine Anzahl andcrwciter Geschenke. Die AuSgaben betrugen 24 743 Jk. Der Mojes 1111b Klara Schisssche UnterstützungsfondS erhielt an Geschenken 1711 Jk, Vergütung der Lchrhcrren 335 Zinsen 1345 J6 und unterstützte 12 Zöglinge mit 2862 (46. Die Mädchenabt Heilung cmpsing an Geschenken (exclusive obenerwähnter 25 000 JC. von einem Ungenannten) 25 624<;/6., jährliche Beiträge 2706 c46, desgleichen für bestimmte Kinder 600 Jk, Zinsen 3747 0j& und verauSgabte 6932 JL Dem Vorstand gehören gegenwürtig an die Herren B. Benjamin, I. Dreyfnß-JeidelS, L. Ellinger, S. Goldschmidt, Adolf L. A. Hahn, L. Mainz, A. Merzbach, M. S. Schwab, M. Schwabacher, I. H. Weiller und Dr. Werner (Vorsitzender). Das Amt der Ehreumütter verwalten die Damen Baronin W. C. von Rothschild, Mathilde Ellinger,. Klementine Goldschmidt, Nosalie Merzbach und Nosalie Schwarzschild. — Der Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina, dessen Sitz in Frankfurt a. M. ist, erstattet Bericht für das Jahr 1864 In dem Waisen- Haus zu Jerusalem befinden sich darnach 14 Knaben, außerdem nahmen 16 Tagesschülcr an dem Unterrichte Theil. Die Uuterrichtsgegenstände sind außer den religiösen Fächern, wie hebräische Sprache und Schrift, arabisch, deutsch, englisch, Rechnen, Geometrie, Geographie, Heimathkunde, Zeichnen, arabische, deutsche und lateinische Schrift. Von den Waisen erlernen zugleich 2 die Klempnerei, 1 wird Schmied, 1 Tischler, 1 Schneider. Bisher wurden die Knaben zu Handwerksmeistern in die Lehre gethan, in Zukunft werden sie. soweit angänglich, in die Handwcrkerschule der Alliance 3fraeiite Universelle zur Erlernung einer Profession gesandt werden. Die jährlichen Kosten betragen für einen Knaben 400 Francs. Die Zahl der Mit-- glieder und Beitragzahler beläuft sich aus ca. 350, die sich auf alle Länder und Erdtheile vertheilen; fast ein Drittel wohnt in Berlin, dem früheren Sitze des Vereins. Die Einnahmen betrugen an Beiträgen 2057 Jk, an Geschenken 6153 Jk. Die Waisenanstalt nahm 7780 Jk, die Verwaltung 655 «4L in Anspruch. Das Vermögen besteht in dem Haus zu Jerusalem und ca. 75 000 Jk in Effekten und baar.